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Volume H. 5

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 22.1927 (Public Domain)

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Das Ergebnis habe ich hier vorweggenommen: die Häuser 
müßten bei 10 m Tiefe eine ballcentragende Scheidewand haben. 
Die Räume wären: Zimmer, Kammer, Küche, Flur, Treppen und 
Abort. Betrachtet man die Entwicklung der städtischen Woh 
nungen im Laufe der letzten Jahrhunderte, so ist als einziger 
Fortschritt festzustellen, daß heute ein Abort zu jeder Wohnung 
gehört und ebenso ein Vorraum, in dem man seine Überkleider 
ablegen kann; und daß ferner das Treppenhaus in das Gebäude 
mit einbezogen ist. 
Der Platz für den Vorraum muß von der 
Küche oder der Kammer genommen werden. 
Durch eine Untersuchung über die Größe 
der Möbel, die für jedes Zimmer erforderlich 
sind, kommt man zu einer Feststellung der 
Zimmergröße. Die Zimmerbreite muß zwi 
schen 3,15 m und 4,40 m liegen (5 und 7 
dänische Ellen), die der Kammer zwischen 
2,20 m und 2,50 m, die der Küche zwischen 
2 m und 2,20 m (das alles bezieht sich auf 
dänische Verhältnisse. Wohnküchen kann man 
in Dänemark nicht einführen, weil dieArbeiter- 
familien sich sträuben, sie ihrer Bestimmung 
gemäß zu benutzen). 
Nach Niederschrift dieser Zeilen fand 
ich, daß Liibbert in seinem jüngsten Buche 
„Rationeller Wohnungsbau, Typ, Norm“ für 
deutsche Verhältnisse ungefähr dieselben 
Abb. 10 (oben) / Ein Normalgrundriß nach: Liibbert, 
Rationeller Wohnungsbau, Typ I Norm 
Abb. 11 (unten) 
1:400 / 
I Wohngruppe in Berlin-Neukölln 
Architekt; Bruno Taut, Berlin 
OKER. - STRAiStl 
Forderungen aufgestellt hat (Abb. 10). Er fügt hinzu, daß die 
Fensteranordnung in einer Längswand die Möblierung des Zimmers 
wesentlich erleichtert gegenüber einer Fensteranordnung in der 
kurzen Wand. Bei 10 m Gebäudetiefe (vgl. oben) entsteht hier 
gar kein Problem: die Fenster müssen leider an der kurzen Wand 
untergebracht werden. 
Will man die hier gestellten Forderungen erfüllen, so findet 
man eine Begrenzung der Lösungsmöglichkeilen. Die Anzahl der 
überhaupt möglichen Wohnungsgrundrissemit je zwei Zimmern,zwei 
Zimmern nebst Kammer, drei Zimmern mit 
Kammer und mit gegenseitiger Verbindung 
von z.B.zwei Zimmern auf der einen Treppen 
seite mit zwei Kammern auf der andern wur 
den von uns untersucht. Es ergaben sich dabei 
60 und einige Lösungen, aber das ist nur ein 
theoretisches Ergebnis. Die meisten Raum 
anordnungenwaren als Wohnungen unbrauch 
bar. Wohlgemerkt: da die Raumgröße von 
vornherein gegeben ist, handelt es sich nur 
um die Lage der Räume zueinander und ihre 
gegenseitige Verbindung. 
Nach alledem zerfallen die guten Woh 
nungen in zwei Gruppen: die eine Art ist 
gut, weil man durch den Vorraum Zugang 
zu allen Räumen hat, die andere wegen der 
guten Verbindung der Zimmer untereinander. 
Bei Vereinigung dieser beiden Vorteile er 
hält man den besten Wohnungstyp, der 
allen Anforderungen gleichermaßen gerecht wird: man kann die Räume zusammen 
hängend benutzen, man kann aber auch einzelne abtrennen und gesondert vermieten. 
Bei Wohnungen von 2 Zimmern und Kammer erreicht man diese Vorteile durch 
die beiden Lösungen der Abbildungen 8 und 9, von denen die eine mit einer Treppe, 
die andere mit zweien ausgestattet ist (letzteres ist in Kopenhagen Vorschrift). 
Zu diesen beiden Typen kommt man rein theoretisch, sobald außer den Zimmer 
größen die Forderung billigster Wohnweise zur Bedingung gemacht wird. Die Richtig 
keit dieser theoretischen Untersuchungen wird dadurch bestätigt, daß von diesen beiden 
ermittelten Lösungen die eine in Berlin, die andere in Kopenhagen sich als typisch in 
der Praxis durchgesetzt haben. Ich nenne diese Wohnungen, wie ich glaube mit Recht, 
typisch. Wird die gleiche Aufgabe unter den gleichen Bedingungen wiederholt ge 
stellt, so wird sich schließlich eine bestimmte Lösung auskristallisieren; das geschieht 
vielleicht ganz ohne Zutun der Architekten und die einmal vorhandene Lösung wird 
immer aufs Neue wiederholt. Einen Typus kann man im Grunde nicht kritisieren, 
man muß ihn vielmehr als ein biologisches Phänomen studieren; der Typus in diesem 
Sinne ist der restlose Ausdruck der Bedingungen und Forderungen für die Lösurg 
der Aufgabe. Will man den Typus ändern, so müssen die Forderungen des Pro 
gramms geändert werden; in diesem Falle wären die finanziellen Bedingungen zu 
erleichtern oder die Bewohner zu andern Lebensgewohnheiten zu erziehen. Diese Klein 
wohnungstypen bleiben auch die Elemente des Vielfamilienhauses, solange sich jene 
Grundbedingungen der Zimmergröße und Billigkeit nicht ändern. Ebenso lange bilden 
sie Voraussetzungen städtebaulicher Arbeit. In Einzelfällen mögen besondere Lösungs- 
versuche, wie die von Bruno Taut in Neukölln, in praktischer und ästhetischer 
Hinsicht vielfach 
ganz reizvoll sein 
(Abb. 11): ent 
scheidend für die 
Befriedigung des 
typischen Woh 
nungsbedarfes 
sind sie nicht, so 
lange ihre quali 
tative Durchfüh 
rung auf Kosten 
der Quantität 
hinsichtlich der 
Zimmerzahl geht.
	        
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