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Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 22.1927 (Public Domain)

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Aber ebenso natürlich ist es auch, daß die Burg von Dortmund 
dort angelegt wurde, wo sie den Hellweg nach Lünen hin, also 
in Richtung auf den Lippe-Übergang, decken konnte. Die alte 
Burgstelle ist durch die Bahnanlagen verschwunden. Das „Burg 
tor“ weist jedoch darauf hin, daß wir sie im Norden der Stadt 
zu suchen haben. 
Die von Norden, von Lünen kommende Straße setzte sich nach 
Süden bezw. Südwesten in Richtung auf Brüninghausen und weiter 
in das sächsischen Südland, das Sauerland, nach der Grafschaft 
Mark fort, durch die sie dann eine direkte Verbindung nach 
Köln hin erhielt. Dortmund war also nicht nur Straßengabelung, 
sondern auch Straßenkreuzung. 
Aus dem, aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts stammenden 
Stadtplane von Brandhoff (Abb. 1) ist die Stadt in ihrer mittel 
alterlichen Ausdehnung und ihrem mittelalterlichen Gefüge deut 
lich zu erkennen. Es ist natürlich nicht anzunehmen, daß der 
innerhalb der mittelalterlichen Stadtmauern liegende Stadtkern 
eine einheitliche mittelalterliche Stadtanlage darstellt. Als die 
Stadt durch die Ausführung der Stadtmauern räumlich zu einer 
Einheit zusammengeschlossen wurde, hatte sie bereits eine lange 
Geschichte hinter sich. Man kann in dem Stadtplan von Brand 
hoff noch deutlich in dem Gefüge und in der Führung der Straßen 
Wesensverschiedenheiten erkennen, die auf das Vorhandensein 
älterer Sondersiedlungen hindeuten. So wird um die Marien 
kirche herum — also nicht über, sondern neben dem Kreuzungs 
punkt der beiden Heerstraßen — eine ringförmige Stammsied 
lund erkennbar, wahrscheinlich eine kirchliche Immunität, die sicher 
neben der Burg als die wichtigste Stammsiedlung Dortmunds 
anzusprechen ist. 
Als dann der Handelsverkehr auf dem Hellwege eine größere 
Bedeutung gewann, wird in Ottonischer Zeit ein Marktort an 
gelegt worden sein, der sich an die kirchliche Stammsiedlung 
anlehnte, aber sonst im übrigen nur die nähere Umgebung des 
alten Marktplatzes und der Reinoldikirche umfaßt haben wird. 
Das eigentliche alte städtische Dortmund entwickelte sich im 
Anschluß an die Marktgründung in einer langen Zeile am Hell 
weg. Der Hellweg erhielt dann später eine Entlastungsstraße, die 
erste Campstraße, so daß sich der Stadtgrundriß als Doppelstraßen 
typ mit Rippen, eine beliebte Stadtform aus der Zeit um 1200, 
darstellt. Außerhalb und unabhängig von dieser organischen Ent 
wicklung mögen noch einige Sondersiedlungen entstanden sein, 
die man bei sorgsamer Analyse des Stadtplanes würde feststellen 
können. Im Nordteile der heutigen Altstadt wird ein Suburbium, 
eine dörfliche Siedlung unter 
der Burg — vielleicht längs 
der Brückstraße — zu suchen 
sein; wahrscheinlich auch nord 
westlich hiervon eine weitere 
Sondersiedlung zu vermuten 
sein. 
Alle diese verschiedenartigen 
Siedlungen wurden durch die 
Umgürtung der Stadt mit Wall 
und Graben zu einer Einheits 
siedlung, der Stadt Dortmund, 
zusammengeschlossen. Das Ge 
wand — die Befestigung — 
wurde nicht etwa eng angepaßt, 
sondern von vornherein auf 
Zuwachs berechnet. Im Süden 
der Stadt wurden sichtlich eine 
ganze Reihe von zerstreut lie 
genden Einzelhöfen mit einbe 
zogen. Der Gürtel wurde soweit 
gemessen, daß er 1850 noch 
nicht einmal ausgefüllt war, wie dies ja aus dem Plane (Abb. 1) 
deutlich zu sehen ist. 
Diese Vorsicht der mittelalterlichen Festungs- und Stadtbau 
meister kommt auch dem heutigen Dortmund noch zugute, denn 
nur dadurch, daß auch heute noch manches Gartenland sich im 
Innern der Stadt findet, ist es möglich, die bessernde Hand an 
das Innengefüge der Stadt anzulegen. 
Dortmunds Entwicklung im letzten Drittel des vorigen Jahr 
hunderts zur Großstadt war durch das Tempo seines wirtschaft 
lichen und industriellen Aufschwunges diktiert. Mancher städte 
bauliche Mißgriff ist geschehen und mußte getan werden, da das 
Sammeln städtebaulicher und verkehrstechnischer Erkenntnisse ja 
erst wahrend dieser Zeit erfolgen konnte. Heute, wo eine Art 
Verschnaufpause in der Entwicklung eingetreten ist, kommt es darauf 
an, die aus den Fehlern gewonnenen Erfahrungen zu nutzen und 
dort bessernd einzugreifen, wo Eingriffe nötig und noch möglich sind. 
Die sich überstürzende Entwicklung der Industrie- und Verkehrs 
anlagen hat die Altstadt Dortmund wie mit eisernen Klammern 
gepackt und läßt eine allseitige Entwicklung Dortmunds heute 
gar nicht mehr zu. Die Möglichkeiten der Entwicklung, die sich 
auch heute noch in den Außenbezirken der Stadt bieten, sollen 
hier unberücksichtigt bleiben; der vorliegende Aufsatz will sich 
nur mit der Möglichkeit städtebaulicher Weiterentwicklung der 
Innenstadt, also der Altstadt befassen. Dabei müssen natürlich 
die Beziehungen dieser Innenstadt zu den Außenbezirken sorgsam 
beachtet und studiert werden. Die Hütten haben Dortmund wie 
mit einer Zange im Osten und Westen eingezwängt. Nach beiden 
Richtungen ist also eine Entwicklung der Wohngegenden kaum 
noch möglich. Auch im Norden wirkt die Klammer von Eisen 
bahnen, Hafenanlagen, Hütten und Industriewerken so stark, daß 
auch nach dieser Richtung eine Entwicklung der Wohngegenden 
nur noch in bescheidenem Umfange möglich ist. Es bleibt also 
nur übrig, die Wohngegend im Süden der Stadt in Richtung auf 
das Emschertal hin auszugestalten. Geschieht dies aber, so ver 
dienen die Ausfallstraßen nach Süden hin besondere Aufmerk 
samkeit. Die wichtigsten Ausfallstraßen nach dieser Richtung sind 
einmal der Straßenzug HoheStraße—Wißstraße und dann vor allem 
die Verlängerung der Betenstraße nach der Märkischen Straße hin. 
Mit diesem letzteren Problem hat sich auch das Stadterweiterungs 
amt beschäftigt und hierfür den in der Abbildung 2 gegebenen 
Vorschlag ausgearbeitet. Dieser Vorschlag ist nicht nur aus dem 
Wunsche entstanden, die auftretenden Verkehrsschwierigkeiten 
zu losen, sondern sichtlich auch von dem Bestreben diktiert, 
architektonisch interessante Platz- und Raumgefüge in der Stadt 
zu schaffen, ein Bestreben, das an sich wohl sehr lobenswert, aber 
nur dann erträglich ist, wenn die wichtigere Aufgabe, die Ver 
kehrsauflockerung, gleichzeitig gelöst wird. Das Stadterweiterungs 
amt will die Ausströmung des Verkehrs aus dem Stadtinnern 
nach Süden hin dadurch erleichtern, daß es vom Beginn des 
Osthellweges, aus der Gegend der Reinoldikirche, eine neue Enl- 
lastungsstraße nach Süden führt, die etwa parallel zur Betenstrasse 
verläuft. Zu Gunsten dieser Entlastungsstraße müßten viele Häuser 
und Hausblöcke umgelegt und das Gelände der früheren Löwen 
brauerei zerschnitten werden. 
Was wird durch diese Entlastungsstraße erreicht? In Wirklich 
keit so gut wie nichts, da die Einführung des Verkehrs vom 
Osthellweg in die neue Entlastungsstraße und die Ausführung 
des Verkehrs aus der Entlastungsstraße in die Märkische Straße 
neue Schwierigkeiten schaffen, besonders dann, wenn durch diese 
Straße Straßenbahnen gelegt werden sollen. Voraussichtlich wird 
aber der Verkehr die ihm durch die Entlastungsstraße gebotene 
Gelegenheit garnicht benutzen, sondern in der Betenstraße ver 
bleiben. Tut er dies, dann wird durch die vom Stadterweiterungs 
amt in der Führung der Betenstraße vorgesehenen Änderungen, 
besonders durch die geplante Toranlage, die den neuen Rathaus 
Abh. 2 / Vorschlag des Sladterweite- 
rungsamtes zur Entlastung der Beten 
straße I Maßstab 1: 12000 
Vgl. das untere rechte Viertel von Abb. 3
	        
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