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Volume H. 1

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 22.1927 (Public Domain)

Abh. 13 / Ostpreußisch-fränkischer 
Karreehof (nach Kloeppel) 
Kleinerer Typ 
Abb. 14 I Typus des Kreuzhofes (nach Kloeppel) 
Abb. Jj I Ostpreußisch • fränkischei 
Karreehof (nach Kloeppel) 
Größerer Typ 
ZUR ENTWICKLUNGSGESCHICHTE DER MITTELALTERLICHEN SIEDLUNGSANLAGEN IM OSTDEUTSCHEN KOLONIALGEBIET 
Die Siedlungsanlagen des Ostdeutschen Kolonialgebietes sind 
nicht allmählich geworden, sondern von vornherein planmäßig an 
gelegt. Nur darf man dabei nicht vergessen, daß die damaligen 
Mittel, einen gut überlegten Plan in die Tat umzusetzen, sehr 
primitive waren und daß auch sonst so manche Zufälligkeiten und 
Nebenwirkungen mitspielten, die das Ergebnis leicht trüben konnten. 
Gibt man sich aber die Mühe, die Dorf- und Stadtanlagen des 
Ostens in ihrem ursprünglichen Kern vergleichend zu studieren, 
so ist es nicht schwer, das Schema herauszuschäleu, nach dem im 
allgemeinen verfahren wurde. Demgegenüber bedeuten die vor 
handenen Abweichungen meist nichts Gewolltes, sondern beruhen 
nur auf nicht überwundenen Hinderungen verschiedener Art. Das 
gedachte Schema schwebt wie eine platonische Idee über diesen 
Dingen, es ist nur selten gelungen, sie wirklich schlackenfrei in 
die Tat umzusetzen. 
Das Idealschema des Kolonial-Dorfes ist im allgemeinen eine 
ovale Anlage. Sie liegt fast immer an einer durchgehenden Straße, 
deren Ränder, am Dorfeingang'ausschwingend, eine länglich runde 
Fläche umgeben, um sich am entgegengesetzten Dorfauagange 
dann wieder zur normalen Strafienbreite zusammenzuschließen. 
An den ausgeschwungenen Straßenrändern liegen die bäuerlichen 
Gehöfte aneinandergereiht, in der mittleren Flache ist die Kirche 
vom Friedhof umgeben angeordnet. Was übrig bleibt, dient als 
Versammlungsort der Gemeinde oder zur Unterbringung der 
Dorfteiche. Entsprechend der rundlichen Form des inneren Dorf 
angers bekommt die Anlage auch nach außen die Form eines 
Ovals, das sich ursprünglich scharf gegen das Aufiengelände ab 
hob, weil die Dörfer einheitlich mit Schutzhecken oder Zäunen 
umgeben waren (Abb. 2 und 3, Seite 2). 
Aus diesem Dorfe wird nun die Stadt genau wie sich das 
Bauernhaus zum Bürgerhaus umgestaltet. Tatsächlich sind die 
einfachsten kleineren und damit zugleich auch zahlreichsten Stadt 
anlagen zum mindesten in ihrem ursprünglichen Kern weiter nichts 
als der erweitert ausgebaute Dorfgrundriß, wie wir ihn eben 
kennengelernt haben. Und zwar erfolgt die Erweiterung, indem 
die Zwickel des großen Angers eine Bebauung erhalten und nur 
in der Mitte ein etwa quadratischer Platz übrig bleib. Auf ihm 
steht das Rathaus als rechteckiger Baukörper, unten sind Raume 
für Handelszwecke, darüber der Gemeindesaal angeordnet. Bei 
seiner Doppelbestimmung für die wichtigsten Lebensbetätigungen 
des Gemeinwesens ist diese Stellung auf dem Marktplatz, von 
allen Seiten frei zugänglich, das Gegebenste. Für die Kirche ist 
eine solche leichte Erreichbarkeit nicht unbedingtes Erfordernis 
und da alles von dem Marktplatz und den Straßen aus zugängliche 
Gelände für Anlage von Bürgerhäusern ausgenutzt werden soll, 
ergibt sich als naheliegende Lösung eine Umbauung der Kirche. 
Sie wird so in die Mitte eines der beiden in die Dorfaue hinein 
gesetzten dreieckigen Baublöcke verlegt. Bild 4 und 5 geben 
das Idealschema einer solchen Stadtanlage. Man sieht, sie besteht 
nur aus zwei Straßen, die sich an dem einen Tore auseinander 
gabeln, um sich beim anderen wieder zusammenzuschließen, nach 
dem sie in der Mitte, wo der Marktplatz liegt, einen erheblichen 
Abstand voneinander erreicht hatten. Außer diesen beiden Haupt 
straßen sind noch zwei Längsgassen vorhanden, welche sich an 
der Stadtmauer entlang ziehen und außerdem einige Quergassen, 
die die Verbindung von dem Marktplatz und den beiden Haupt 
straßen zu den Mauergassen Herstellen. 
Im Gebiete der Deutschordenskunst erfährt dieses Normalschema 
dadurch eine gewisse Abänderung, daß der Orden, wohl angeregt 
durch die Erfahrungen und Kenntnisse, die er im Orient ge 
sammelt, statt der rundlich ovalen Grundform eine rechteckige 
bevorzugt. Wie die gegebenen Bilder zeigen, ist damit tatsächlich 
keine grundsätzlich verschiedene Art der Dorfbildung, städtischen 
Straßenführung, Platzanlagen usw. verbunden. Derartige Siedlungs- 
pläne bekommen durch ihre scharfe Linienführung nur noch etwas 
Bestimmteres, Charakteristischeres als die vorher geschilderten 
Bildungen. Als etwas Neues finden wir dann aber häufig die 
Hintergasse für die inneren Baublöcke ebenso durchgeführt, wie 
sie für die äußeren durch die Gasse entlang des Mauerzuges von 
selbst gegeben war. Dadurch wird es möglich, das städtische 
Gelände ohne jede Hofbildung restlos zu bebauen (Abb. 6 bis 11). 
Cs leuchtet ein, daß es sich bei diesem Normalschema mit nur 
zwei Straßen nicht um große Anlagen handeln kann. Tatsächlich 
ist es ja aber auch für das deutsche Kolonisationsgebiet im Osten 
charakteristisch, daß man Sehr viele, dafür aber auch sehr kleine 
Städte gründete, und so ging die Mehrzahl über dies einfachste 
Schema nicht hinaus. Soweit sie großer angelegt wurden, erfuhr 
das Schema dadurch eine Erweiterung, daß man, unter Beibe-
	        
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