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Volume H. 9

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 22.1927 (Public Domain)

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ZUNEHMENDE WOHNUNGSNOT IN BERLIN 
Bei der am 16. Mai dieses Jahres durchgeführlen Wohnungs 
zählung in Berlin sind 1212491 bewohnte Wohnungen mit 
1301638 Haushaltungen gezählt worden. Hiernach wohnen also 
rund 90000 Haushaltungen in Berlin nicht in eigener Wohnung, 
sondern mit einer, oft sogar mit mehreren anderen Haushaitun* 
gen zusammen als Untermieter oder dergl. Diese Zahl ist inso* 
fern sehr bemerkenswert, als sie gegenüber der im Jahre 1925 
amtlich festgestellten Zahl der wohnungslosen Haushaltungen, 
die rund 75000 betrug, eine Zunahme um 15000 bedeutet. Hier 
durch ist der Beweis dafür erbracht, daß die Wohnungsnot in 
Berlin trotz der gestiegenen Neubautätigkeit nicht nachgelassen, 
sondern auch in den beiden letzten Jahren noch erheblich zu 
genommen hat. Dazu kommt, das die Zahl von 90000 noch nicht 
einmal den wirklichen Fehlbedarf an Wohnungen darslellt. Die 
zugleich mit der Wohnungszählung veranstaltete Feststellung der 
Zahl der Wohnungssuchenden hat nämlich ergeben, daß in Ber 
lin rund 120003 Wohnungssuchende Anspruch auf Zuweisung 
einer eigenen Wohnung erheben. Die Erklärung für den Unter 
schied zwischen dieser Zahl von 120000 Wohnungssuchenden 
und der Zahl von 90000 wohnungslosen Haushaltungen ist da 
rin zu suchen, daß in der zuerst genannten Zahl — abgesehen 
von verhältnismäßig Wenigen, die bereits eine eigene Wohnung 
haben, welche sie aus gesundheitlichen, sittlichen oder sonstigen 
Gründen aufgeben müssen — sich viele Tausende von angehen 
den Eheparen befinden, die heule noch bei ihren Eltern oder 
möbliert als Untermieter getrennt wohnen, und die mit Sehn 
sucht auf die Zuweisung einer eigenen Wohnung warten, um 
endlich die Ehe schließen und einen eigenen Hausstand gründen zu 
können. Diese Wohnungssuchenden sind in den 90000 wohnungs 
losen Haushaltungen nicht enthalten, da sie eben noch keine 
„Haushaltung“ bilden; desgleichen sind darin alle die nicht ent 
halten, die zur Zeit der Wohnungszählung zwar keinen eigenen 
Haushalt führten, gleichwohl aber den an sich berechtigten Wunsch 
nach einem eigenen Heim haben, z. B, alleinstehende ältere 
Damen oder Herren, insbesondere bei ihren verheirateten Kin 
dern oder anderen Verwandten wohnende Witwen. 
Aus den genannten Zahlen geht klar hervor, daß die Neu 
bautätigkeit in einem ganz anderen Umfange einsetzen muß, 
wenn die infolge des ungeheuren Zuzuges nach Berlin ständig 
zunehmende Wohnungsnot zunächst einmal wenigstens zum Still 
stand gebracht werden soll. Dies kann nur dann erreicht wer 
den, wenn bei erheblicher Erhöhung des der Stadt Berlin für 
Neubauzwecke zudießenden Teiles des Aufkommens aus der 
Hauszinssteuer die zurzeit bestehenden Schwierigkeiten bei der 
Beschaffung des nötigen Hypothekenkapitals überwunden werden. 
Leider sind die Aussichten in dieser Hinsicht für das laufende 
Jahr nicht als rosig zu bezeichnen, so daß in nächster Zeit nicht 
einmal ein Stillstand der Wohnungsnot zu erwarten ist, ge 
schweige denn ein Rückgang. 
K. Wild, Direktor des Zentralwohnungsamtes Berlin 
DIE ENTWICKLUNG DES BERLINER VERKEHRS 
VON FRITZ HEYDENREICH, BERLIN 
Die schnelle Entwicklung Berlins 1 ) in den letzten Jahrzehnten 
des vorigen Jahrhunderts hatte eine entsprechende Zunahme des 
Verkehrs zur Folge, die im Verhältnis der räumlichen Ausdehnung 
des Stadtbildes ständig stieg Und Immer größere Abmessungen 
annahm, ln welch hohem Maße sich diese Steigerung im Laufe 
der letzten Jahre vollzog, mögen die folgenden Zahlen beweisen. 
Während im Jahre 1870 bei einer Bevölkerung von rund 920000 
(einschließlich Vororte) insgesamt 10,4 Millionen Menschen durch 
Pferdebahnen befördert wurden, führte der wirtschaftliche Auf 
schwung nach dem deutsch-französischen Kriege, sowie der ein 
selzende Zug nach der Großstadt zu einer stürmischen Entwick 
lung der Reichshauptsladt und ihres Verkehrs, der nach Verlauf 
von 10 Jahren im Jahre 1880 bereits auf 62,5 Millionen beförderte 
Menschen gestiegen war. Die Vollendung der Stadt- und Ring 
bahn im Jahre 1882 trug wesentlich zur Hebung und Verbesserung 
des Personenverkehrs bei, der schon im darauf folgenden Jahre 
die 100 Millionengrenze überschritt. Der Anteil der Stadt- und 
Ringbahn am Gesamlverkehr, der im Jahre 1882 mit 10,6 Milli 
onen Menschen rund 11,8 v. H. ausgemacht hatte, stieg in den 
Folgejahren beständig und betrug im Jahre 1890, wo rund 234 
Millionen Menschen befördert wurden, bereits 27,1 v. H. 
Mit der Einführung des elektrischen Straßenkahnbetriebes im 
Jahre 1899 erfuhr der Berliner Gesamtverkehr ein außerordent 
liches Wachstum und zeigte seitdem eine stetig steigende Tendenz. 
Im Jahre 1900 wurden 548 Millionen Menschen befördert; die 
jährliche Zunahme betrug in der Folgezeit durchschnittlich 40 bis 
60 Millionen pro Jahr und erreichte im Jahre 1906 mit 78 Millionen 
den Höhepunkt. 
’) 1900: 1838313 Einwohner (ohne Vororte); 1921: 3879409 (GroB-Berlin); 
1927 : 4141792. 
Als weiteren Markstein in der Entwicklung des Berliner Nah 
verkehrs brachte das Jahr 1902 die Eröffnung der Stammstrecke 
der Hoch- und Untergrundbahn von der Warschauer Brücke 
über Potsdamer Platz bis zum Knie, so daß sich nunmehr alle 
drei heute vorhandenen Verkehrsgesellschaften neben der Stadt- 
und Ringbahn an der Bewältigung des Personenverkehrs be 
teiligten, der im Jahre 1905 auf rund 800 Millionen anstieg. Der 
Anteil der einzelnen Verkehrsgesellschaften im Gesamtverkehr 
verteilte sich dabei folgendermaßen: Straßenbahn 428 Millionen 
oder 53,6 v. H., Omnibus 112 Millionen oder 13,9 v. H., Hoch 
bahn 34 Millionen oder 4,3 v.H., Stadt- und Ringbahn 226Millionen 
oder 28,2 v.H. Die nachfolgenden Jahre führten eine weitere 
Zunahme des Verkehrs herbei, der im Jahr 1909 die Milliarden 
grenze überschritt. Die Kriegs- und Nachkriegsjahre brachten 
dagegen einen gewissen Stillstand. Die Zahlen für 1926 weisen 
insgesamt 1 465 Millionen beförderte Personen auf, von denen 
818 Millionen oder 55,9 v. H. auf Straßenbahnen, 
113 
7 7 
n * f • ff ii 
„ Omnibusse, 
163 
n.i „ 
„ Hoch- und Untergrundbahn, 
371 
„ 25,3 „ „ 
„ Stadt- und Ringbahn ent- 
fielen. Im Anteil der einzelnen Verkehrsgesellscbaften am Ge 
samtverkehr ist insofern eine Veränderung eingetreten, als der 
auf die Hochbahn entfallende Anteil von 4,3 v.H. (im Jahre 1905) 
auf 11,1 v.H. gestiegen ist; die Zunahme erfolgte auf Kosten 
der Verkehrsziffern der Stadt- Und Ringbahn, sowie der Omnibusse, 
deren Beteüungsziffern von 28,2 v. H. bzw. 13,9 v.H. auf 25,3 v. H. 
bzw. 7,7 v. H. sanken. Der Anteil der Straßenbahn, die mit rund 
56 v.H. den Hauptanteil an der Bewältigung des Berliner Personen 
verkehrs innehat, blieb dagegen im Laufe der letzten 25 Jahre 
ziemlich unverändert und schwankte zwischen 53 und 56 v. H. 
Dr. F. Heydenreich, Verkehrsamt der Stadt Berlin.
	        
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