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Volume H. 1

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 22.1927 (Public Domain)

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durchzuringen. Der Höhepunkt der Entwicklung liegt auch hier 
im Bereich der Deutsch-Ordensbaukunst. Da bildet die zum 
Schloß Neidenburg gehörende Stadtanlage, so klein sie ist, ein 
ebenso glänzendes Beispiel der Weiterentwicklung auf ein klar 
erkanntes Ziel, wie die Schloßanlage selbst. Auch das Letzte ist 
hier erreicht, die Beziehung der raumkünstlerisch einheitlichen 
Stadt zu der im gleichen Sinne gelösten Schloßanlage. Durch das 
ganze Mittelalter wie die landesfürstliche Zeit zieht sich die Tat 
sache hin, daß zur Stadt die Burg oder das Schloß des Stadt 
herrn gehört. Im Mittelalter und im Anfang der landesfiirstlichen 
Zeit haben beide noch ihre selbständige Befestigung und sind so 
auch zur Verteidigung gegeneinander eingerichtet. Später fällt 
diese Trennung, sie wachsen zur Einheit zusammen, in der die 
Schloßanlage dann den Höhepunkt einer sich nach ihr zu ins 
immer Großartigere steigernden räumlichen Symphonie bildet. 
Dies alles ist schon vorgeahnt, vorgetan in der Stadt Neidenburg 
und seiner Schloßanlage. In klarster Achsenbeziehung zur Stadt 
thront das Schloß über dieser in einem architektonischen Aufbau 
ohnegleichen. Deutsche Kunst im deutschen Osten! Es hat selbst 
verständlich dem Umfange nach Größeres, der Form nach Reicheres 
gegeben, aber nichts im Sinne raumkünstlerischer Synthese Voll 
endeteres. 
Das in diesem Sinne Größere und Reichere finden wir dann 
in ausgedehntestem Maße im Zeitalter des Landesfürstentumes. 
Das Programm der mehrräumigen Bauten und der Stadtanlagen 
wird hier ein viel Inhalt- und umfangreicheres und ist raum 
künstlerisch, wie schon angedeutet, in derart glänzender Weise 
gelöst, daß damit alle früheren Leistungen in den Schatten ge 
stellt wurden. Da sich diese Entwicklung der landesfiirstlichen 
Zeit aber aufbaute auf der Sprache der Renaissance antiker 
Formenwelt und ihren Abwandlungen, hat die ausführlich ge 
schilderte formalistische Anschauung des verflossenen Jahrhunderts 
ihre hohen raumkünstlerischen Leistungen als identisch, als ab 
hängig von der damit verbundenen Formensprache genommen. 
Sie ist in dieser formalistischen Einseitigkeit, wie ebenfalls schon 
erwähnt, soweit gegangen, das Zufällige, das im Mittelalter eben 
noch nicht Fertige als ein selbständiges Prinzip architektonischen 
Gestaltens zu nehmen, das im ausgesprochenen Gegensatz stände 
zu dem, was die Antike wie ihre Wiederaufnahme in der Renais 
sance und deren Abwandlungen räumlich gewollt. Mit einem 
Worte, man hat geglaubt, es gebe zwei Wahrheiten in einer Sache, 
der größte Irrtum, der überhaupt nur denkbar ist. Haben wir 
diesen Irrtum aber erst wirklich erkannt als das, was er ist, so 
kann es keinen Zweifel darüber geben, was heute Aufgabe und 
Ziel unseres raumkünstlerischen Gestaltens sein muß. Unsere 
ganze sichtbare Kultur trotz ihres großen Inhalts und Umfangs 
und der damit verbundenen modernen technischen, sozialen, 
hygienischen usw- Anforderungen, den Verkehrsfragen zu Lande, 
zu Wasser wie zur Luft usw. zur selben künstlerischen Synthese 
zu bringen, wie sie der Antike, dem Mittelalter und der landes- 
fürstlichen Zeit als Ideal vorgeschwebt hat. Es gilt mit einem 
Worte, die platonischen Ideen höchster raumkünstlerischer Voll 
endung von den Sternen herunterzuholen. Neben dieser grenzen 
losen Aufgabe spielt die Frage, das muß immer und immer wie 
der betont werden, in welcher formalen Sprache wir dies tun, 
eine höhst nebensächliche Rolle. Es liegt aber auch nicht der 
mindeste Grund vor, warum wir dies nicht in unserer eigenen 
Sprache tun sollten. Nichts Verfehlteres aber, als sich den Sinn 
für die Hauptaufgabe von dem Trugbilde der Schaffung eines 
neuen Stils trüben zu lassen. Friedrich Ostendorf, der als erster 
mittelalterliche Baukunst an unserer Hochschule lehrte, hat es 
klar ausgesprochen, daß ein neuer Stil immer nur dann ent 
stehen kann, wenn ein junges kräftiges Volkstum neu in die 
Entwicklung eintritt und das Erbe einer großen Vergangenheit 
übernimmt. Diese Tat ist zweimal in großartigster Weise ge 
leistet worden, einmal durch die Griechen, das zweite Mal durch 
die Germanen. Uns fehlt jede Voraussetzung für ein gleiches. 
Wir sind kein junges Volk mehr, wo ist heute die Einheit der 
Weltanschauung, die Einheit des Lebensziels, der Gleichtrilt der 
Massen, die hierzu unbedingte Voraussetzungen bilden! Lassen 
wir es also, solchen Träumen nachzuhängen, und seien wir dank 
bar, wenn es uns gelingen sollte, die großen räumlichen Auf 
gaben unserer Zeit in dem erkannten einzig möglichen Sinne zu 
lösen, im Sinne einer künstlerischen Synthese unserer gesamten 
sichtbaren Kultur. 
Aber das, was das größte Hindernis für die Erreichung eines 
solchen Zieles in unserer Zeit bildet, wurde im Vorhergehenden 
schon angedeutet. Die allgemeine Auflösung, das Neben- und 
Auseinander, in dem sich unsere Lebensbetätigung befindet. Die 
Arbeitsteilung war die Stärke des verflossenen Jahrhunderts, 
aber zugleich sein Fluch. Soviel der Bienenfleiß dieser Arbeits 
teilung den Einzelgebieten auch Erfolge gebracht, er bildet das 
größte Hindernis für die Zusammenfassung auf ein einheitliches 
Ziel. Man versteht sich untereinander nicht mehr und kann sich 
so auch auf keinen einheitlichen Marschrichtungspunkt einigen. 
Und was wir auf wissenschaftlichem und technischem Gebiete hier 
erleben, ist nur ein Spiegelbild der allgemeinen Zerrissenheit 
unseres Volkstums! Vertikal sind wir gespalten in Konfessionen, 
Geistesrichtungen der verschiedensten Art, horizontal in Klassen, 
Parteien, Interessengruppen usw. usw., jede ihrem Sonderziel nach 
jagend und sich als Todfeindin der anderen fühlend. Wo soll da 
eine einheitliche Kultur und ihre künstlerische Synthese her- 
kommen? Wir müssen uns darüber klar werden, es handelt sich 
heute darum, ob wir noch die innere Kraft besitzen, einem Zeit 
alter der Teilung, des Nebeneinanders und des Auseinander 
menschlichen Kennens und Könnens, eine Periode der Zusammen 
fassung, der Einheit, der Synthese dieses Kennens und Könnens, 
aber nicht nur das, sondern noch darüber hinaus, auch unseres 
Wollens heraufzuführen. Hiermit steht und fällt unsere ganze 
Zukunft, die Frage Kultur oder Chaos, hiermit wird entschieden, 
ob dieses unser Leben noch lebenswert sein soll, ja noch vielmehr, 
ob dieses unser Leben überhaupt noch sein soll oder ob ein 
junges, neues Volkstum, das sich solche Kraft noch zutraut, über 
uns zur Tagesordnung übergeht. So gilt es, diesen schweren Kampf 
um die innere wie äußere Einheit auf allen Gebieten zu führen mit 
dem Einsatz letzter körperlicher, letzter geistiger Kraft, aber 
nicht zum wenigsten auch mit dem Einsatz letzter sittlicher Kraft. 
„Sein oder Nichtsein, das ist Hier die Frage“.
	        
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