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Volume H. 1

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 22.1927 (Public Domain)

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Abb. 2 und 3 / Typus eines ostdeutschen Kolonialdorfes im Mittelalter I Schaubild und Grundriß 
sich denn zunächst der Maschinenbauer noch 
den Architekten heran, um seine Maschine 
„schön" zu machen.Wer kennt nichtMaschinen- 
konstruktionen aus dieser Zeit, die noch mit 
Säulen-Kapitellen, Akanthusfriesen und ähn 
lichen Dingen geschmückt waren. Tatsächlich 
handelte es sich hier aber nicht mehr um eine 
organische räumliche Gestaltung, sondern um 
eine Dekorierung recht äußerlicher Art. Ähn 
lich ging es dem Bauingenieur, auch seine technischen Erzeugnisse 
mußte der Architekt irgendwie schmücken. Es sei hier nur an die 
Torbauten eiserner Brücken-Konstruktionen, an die Wassertürme in 
Form romantischer Turmanlagen und ähnliches erinnert. Aber all 
mählich begann man diesen Schmuck rein technischer Leistungen als 
das zu empfinden, was es wirklich war, eine künstliche Zutat, die mit 
dem inneren Wesen der Sache eigentlich nichts zu tun hatte. Und so 
fing man an, sich dagegen aufzulehnen, dies tat zunächst der Ma 
schinenbauer und dann folgte der Bauingenieur. Es kam die Parole 
auf von der Schönheit der reinen Konstruktionsform, eine sachlich 
richtig und gut konstruierte technische Leistung sollte damit auch 
schon schön sein, eines weiteren bedürfte es hierzu nicht. Vom 
Standpunkt des reinen Technikers aus ist das Entstehen einer 
solchen Anschauung durchaus verständlich. Unbegreiflich aber 
muß es unter dem Gesichtswinkel des richtigen Begriffs der Ge 
staltung bleiben, daß es auch viele Architekten gab, die sich die 
ser Parole von der Schönheit der reinen Konstruktionsformen 
anschlossen. Bedeutete die Anerkennung der Richtigkeit einer 
solchen Anschauung seitens des Architekten doch eigentlich, daß 
er sich selbst für überflüssig erklärte. Denn nachdem er die Losung 
der technisch schwierigen Aufgaben an die beiden anderen Fach 
richtungen abgegeben, was blieb für ihn denn eigentlich noch 
übrig, sobald technisch richtig konstruieren auch schon schön 
gestalten war? 
Daß der Architekt sich aber erst dazu her 
gegeben hatte, die technischen Erzeugnisse 
der anderen Fachabteilungen nur rein äußer 
lich zu dekorieren und dann auch noch der 
Anschauung beitrat, gut konstruieren sei auch 
schon gut gestalten, findet seine Erklärung 
darin, daß auf dem Gebiete der Gestaltungs 
anschauung bei ihm ein Umschwung einge 
treten war, der seine Tätigkeit in stärksten 
Gegensatz zu dem gesetzt hatte, was seine Vorgänger in früheren 
Jahrhunderten und Jahrtausenden geschaffen. Wann dieser Um 
schwung eingetreten, ist eine viel umstrittene Frage. Dehio sieht sein 
Charakteristikum mit Recht in dem Augenblicke gegeben, wo der 
Nichtkünstler, der nur über Kunst Schreibende Einfluß zu gewinnen 
beginnt über den Kunstausübenden und anfängt, ihm die Wege vor 
zuschreiben, in deren Bahnen sich seine Tätigkeit zu bewegen habe. 
Der erste, der das in Deutschland mit Erfolg getan, war Winckel- 
mann. Und so läßt denn Dehio seine Geschichte der Deutschen Kunst 
mit dem Auftreten Winckelmanns schließen, was dann noch kommt, 
hat für ihn kein Interesse mehr. Und diesem ersten Propheten sind 
dann ungezählte andere gefolgt. Im Laufe des letzten Jahrhunderts ist 
sicher mehr über Kunst geschrieben, als Kunst hervorgebracht worden. 
Der Bruch in der künstlerischen Tradition, der mit dem eben 
charakterisierten Vorgang einsetzt, ist ein ganz eigentümlicher. 
Die Geschichte architektonischen Gestaltens hatte bisher folgenden 
Verlauf genommen. Es löste sich in ihr Volk um Volk nachein 
ander ab, wobei jedes neu in die Kulturentwicklung eintrelende 
einerseits auf der vorhergegangenen Kultur aufbaute, anderer 
seits wieder von vorne anfing. Das übernommene Erbe mußte 
erst erworben werden, um es zu besitzen. War man dann aber 
so weit, so führte das neue Volkstum den Entwicklungsfaden 
raumkünstlerischen Gestaltens in seiner Eigenart ein Stück weiter, 
um dann von der nächsten Welle abgelöst zu werden. Ich sage
	        
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