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Volume H. 1

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 21.1926 (Public Domain)

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ln Berlin vermochte sein Plakat wirklich 
die zufriedenen Spießer aufzurütteln — 
allerdings nicht zu erlösenden städtebau 
lichen Taten, sondern zu ärgerlichen Denun 
ziationen „wegen Aufreizung zum Klassen 
haß“. Das Kollwitzsche Plakat wurde (auf 
Grund eines zu diesem Zwecke ausgegrabe 
nen Erlasses der dunkelsten Reaktionszeit 
gleich nach 1848) verboten, und bei dem 
Unterzeichneten, der die Berliner Bewegung 
eingeleitet hatte, wurde Haussuchung ge 
halten und ein Vorrat von Postkarten mit 
Abbildungen des Kollwitzschen Plakates 
konfisziert. 
Und doch hatte Alfred Lichtwark kurz 
vorher geschrieben: „Hegemann steht nicht 
allein, er führt den Chor aller getreuen 
Eckarde herauf, die seit Menschenaltern 
und bei allen Kulturvölkern zürnend und 
anklagend ihre Stimme erhoben haben und 
vom Stumpfsinn nicht angehört oder nicht 
begriffen worden sind“. Dieser Stumpfsinn 
der „Gebildeten“, an dem jede Reform 
scheitert, begreift nie, auch heute noch 
nicht. Noch 1925 identifizierte sich der 
populäre Schriftsteller Karl Scheffler (in 
seinem „Kunst und Künstler") mit den 
Denunzianten von 1912 und behauptete, 
der Unterzeichnete habe es „vor dem Kriege 
mit einer demagogischen Wohnungspolitik 
versucht“. Versucht? so spricht die von 
Lichtwark geschilderte Macht, an der jede 
Politik scheitern muß. Was Lichtwark 
„Stumpfsinn“ nennt, gab sich 1912 und 
gibt sich noch 1925 zufrieden mit dem 
Einwand, die Kunst von Käthe Kollwitz 
und jede nach menschenwürdigen Verhält 
nissen strebende Wohnungspolitik seien 
„demagogisch“. Daß es sich hier um Dinge handelt, bei denen 
auch das schärfste Wort zu milde ist, können subaltern denkende 
Menschen nicht fassen. 
Heute tröstet sich vielleicht mancher damit, daß die Wohnungs 
verhältnisse durch den Rückgang der Geburtenzahl seit Anfang 
des Krieges besser geworden seien. Wie weit das zutrifft, wird 
erst die Verarbeitung der Wohnungszählung vom Mai 1925 zeigen, 
über die hier berichtet werden wird, sobald ihre Ergebnisse end 
lich zugänglich werden. Einstweilen scheint es, daß zwar heute 
die Familien kleiner und darum die Besetzungen der Wohnungen 
vielleicht etwas geringer geworden sind, daß aber die Verhält 
nisse heute noch schlimmer sind als 1912, weil heute die Zahl 
Dieses Bild hing- 1912 als Ankündigung- eines Tanzpalastes (anderer Text) an den 
Litfaßsäulen. von denen gleichzeitig das Kollwitzsche Plakat (vgl.oben) verbannt wurde. 
der Familienfremden größer ist. Was enge Wohnung und was 
dieses heute stark entwickelte Einmieterwesen u. a. bedeuten, 
mögen zwei kurze Zitate aus Bürgermeister Victor Noacks oben 
empfohlener, grauenhaft reichhaltiger Schrift erläutern: 
„Im Rudolf-Virchow-Krankenhause, Berlin, wurden 1921 133, 1924 aber 250 ge- 
schlechtskranke Kinder behandelt. Eine Zunahme um 88% . . . Dr.Gumpert berichtete 
im November 1924 über einige dieser Fälle. Ich gebe davon nur wenige wieder und 
zwar in dem erschütternd lakonischen Aktenstil, wie sie dort aufgeführt sind; 
2. „L. L., 7jährig, Vater tot, 2 Brüder, eine 13jährige Schwester, mit der sie zu 
sammenschläft. Familie bewohnt eine Stube und Küche. Die Stube ist vermietet, 
der Untermieter bat das Kind mißbraucht und angesteckt. 
3. Erna I., 10 Jahre, Mutter geschieden, lebt mit einem anderen Manne zusammen, 
arbeitslos, Familie bewohnt eine Stube. 8jährige Schwester, mit der sie zusammen 
schläft. Patientin ist vom „Onkel“, der im Hause lebt, mißbraucht und angesteckt worden. 
4, Erna F„ 11 Jahre, Vater Arbeiter, 17 jähriger Bruder, Familie bewohnt eine 
Stube und Küche. Freund des Bruders hat das Kind vor 10 Tagen vergewaltigt. 
Patientin verkehrt geschlechtlich mit dem Bruder, der Bruder mit der Mutter. 
5, Lotte R„ 9 Jahre. Vater tot, Geschwister leben nicht im Hause, eine Stube 
und Küche. Patientin ist vom 48jährigen Untermieter monatelang mißbraucht und 
infiziert Worden. 
7. Hilde G., H Jahre. Vater arbeitslos, 4 Geschwister, Familie bewohnt eine 
Stube, Mutter hat sich vor 2 Jahren vom Manne angesteckt. Ihre 4 Kinder, die in 
einem Bett, 2 am Kopf-, 2 am Fußende schlafen, sind infiziert. 
9. Hans S., 10 Jahre, Gonorrhoe. Aus dem Bericht der Schulärztin geht hervor: 
Vater Rohrleger, hat immer verdient, gibt zu Hause wenig Geld ab. Mutter vor 
J4 Tagen an Tuberkulose gestorben. 8 Kinder, von denen mehrere arbeiten, teil 
weise erschreckend elend. Bei 2 Mädchen (14 und 8 Jahre) ebenfalls positiver Go 
nokokkenbefund. Die ganze Familie geht in Lumpen und ist verlaust. Sie wohnt in 
einer Laube, die aus Schlafraum und Küche besteht. 2 Betten, ein Kinderdrahtbett, 
ohne jede Bezüge. In diesen 3 Betten schlafen 9—10 Personen, darunter bisher die 
tuberkulosekranke Mutter und die drei gonorrhöekranken Kinder.“ 
Victor Noack schreibt weiter: 
„Die Fürsorgerin beim ZentraLJugendamt der Stadt Berlin, Charlotte Meyer, be 
richtet in der „Zeitschrift für Slrafrechlwissenschaft“ (Bd. 45), daß dem Zentral 
jugendamt in der Zeit vom Februar 1922 bis März 1924 (also 2 Jahren) 25 Fälle 
und in der Zeit vom l.Marz 1924 bis 15. Juli 1924, also in nur etwas über ein 
Vierteljahr 39 Fälle von Sittlichkeilsdelikten an Kindern bekannt geworden sind.“ 
Das wäre also eine Steigerung um das llfache. 
Von dem „Stumpfsinn“, der in solchen Zahlen „Demagogie“ sieht, 
wurden 1913 gegen die Postkarten mit der hier abgebildeten 
Zeichnung von Käthe Kollwitz andere verbreitet, auf denen man 
gesunde Kinder lachen sah, mit der Unterschrift: „Du hast ja 
keine Ahnung, wie schön du bist, Berlin“ ! Auch der Unterzeichnete, 
den man wegen seines Kollwitzschen Plakates „der Aufreizung 
zum Klassenhaß“ bezichtigt hatte, versuchte sich zu bessern. Er 
wählte das damals von vielen Zufriedenen bewunderte Plakat 
eines beliebten Tanzpalastes und veröffentlichte es in der hier 
mitgeteilten Form als Vorschlag für ein Werbeplakat, in dem 
wenigstens kein Dummkopf eine „Aufreizung zum Klassenhaß“ 
würde erblicken können. 
Aber die Kunst der Kollwitz und Zille ist wertvoller als das 
Behagen der Zufriedenen. Das hier empfohlene, sehr gut illu 
strierte Buch Heilborns gibt eine ausgezeichnete Vorstellung von 
der dämonischen Kraft dieser beiden Berliner Meister. Hier eine 
Probe, wie Heilborn ein Bild Zilles schildert: 
. ein enger Hof, dem Müllkasten, Aborthäuschen, Senkgrube und Kellervorbati 
noch das bißchen Luft schmälern. Da hinaus haben sie das in Kissen und Decken 
gemummelte Häufchen Unglück mit dem spitznasigen, abgezehrten, greisenhaften 
Gesicht gescszt. Die großen Augen gehen ängstlich suchend umher; krampfhaft 
hält die Kleine sich an den Lehnen des Stuhls aufrecht. Auf einem Küchenschemel 
neben ihr steht die Tasse mit der dünnen Milch. Und das ebenso verwachsene, 
zwergenhaft alt dreinschauende BrOderlein schlurft mit den Säbelbeinen ans Küchen 
fenster und ruft hinein: „Mutta, jib doch die zwee Biumentäppe raus, 
Lieschen sitzt so jern ins Jriene.“ 
Ist nicht die Kunst von Kollwitz und Zille mehr als „Dema 
gogie"? Verdient sie nicht auch als Mahnung zu städtebaulicher 
Arbeit ernst genommen zu werden? W. H. 
Für die Sehriftleitung verantwortlich: Architekt WERNER HEGEMANN 
Verlag von ERNST WASMUTH A.-G., Berlin W 8, Markgrafenstraße 31 
@) Presse Dr. SELLE & CO A.G., Berlin SW 29, Zossener Straße 55 
Das verbotene „aufrei 
zende“ Plakat des „Pro 
paganda - Ausschusses 
für Groß - Berlin“ von 
Käthe Kollwitz. Vgl. 
unten.
	        
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