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Volume H. 12

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 21.1926 (Public Domain)

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Dr. Musil, Wien, erwidert auf diese Angriffe, daß es nicht 
angeht, Wien mit amerikanischen Städten zu vergleichen, da letztere 
groß wurden, als sie bereits über Stadtbahnen und andere Ver 
kehrsmittel verfügten; infolgedessen war es möglich, dort die 
Siedlungsstatten zu wählen, und zwar so, daß die Fahrt nach der 
Stadt nicht mehr als zehn Minuten erfordere. Dagegen sind in 
alten Städten Europas, wie in Wien, größere Freiflächen nur 
weit vom Zentrum vorhanden, wohin die Verbindungen schlecht 
sind. Die Entwicklung von Gartenstädten kann nur dann vor sich 
gehen, wenn dazu geeignete Flächen vorhanden sind, die vom 
Stadtkern nicht weiter als in einer Entfernung von 45 Minuten 
liegen und gute Verkehrsverbindung besitzen. Da Wien über 
solche Siedlungsflächen nicht verfügte, wenigstens nicht innerhalb 
8—12 km, so sah sich die Stadt genötigt, auf den vorhandenen 
Grundstücken Großhäuser zu errichten. Dabei muß noch der er 
schwerende Umstand erwähnt werden, daß zum Kauf nach dem 
Marktpreise die Mittel fehlten, eine Enteignung wegen der Un 
zulänglichkeit des betreffenden Gesetzes in Österreich in der 
kurzen Zeit und bei dem riesigen Bauprogramm nicht möglich war. 
Paulsen, Berlin, spricht sich gegen das Großhaus aus, 
indem er sagt, daß, wie die Praxis gezeigt hat, dort, wo viele 
Menschen wohnen, die Zeit, die in produktiver Weise im Klein 
garten ausgenutzt werden könnte, auf die Instand- und Sauber 
haltung gemeinschaftlicher Räumlichkeiten verloren geht. Im Klein 
haus entsteht der weitere Vorteil, daß Kino und Kneipe weniger 
besucht, weniger Gerichte, Gefängnisse, Asyle usw. notig werden. 
In der Frage der Wohnungsgrößen erklärt er die 36 qm-Norm für 
ungenügend und für eine Familie mit Kindern ganz unzureichend. 
Peus, Dessau, behauptet, daß Sv.H.der Gesamtfläche Deutsch 
lands genügen würde, um jeden Haushalt im' Reiche mit 1000 qm 
Land zu versorgen. Dieser Boden sollte nach dem Gemeinwert 
enteignet werden. Er verwirft in schärfster Weise den Gedanken, 
sogenannte Baulücken durch Mietshäuser mit Kleinwohnungen zu 
schließen. 
Stadtrat Weber, Wien, widerspricht der von den Vertretern 
Berlins befürworteten Tendenz, die Bautätigkeit von seiten der 
Stadt lediglich zu unterstützen und befürwortet als Vertreter der 
Stadt Wien den Bau durch die Stadtverwaltung -selbst. 
Angesichts der Tatsache, daß mehrere Redner, unter anderen 
auch Martin Wagner, die private Bautätigkeit anklagen, vor dem 
Kriege vom hygienischen und anderen Standpunkten aus schlecht 
gebaut zu haben, ergreift Georg Haberland, Berlin, das Wort 
und betont, daß die Kapitalisten genau so gebaut haben, wie es 
die polizeilichen Bauordnungen vorschrieben; deshalb sei die An 
klage an die falsche Adresse gerichtet. Was den Vorschlag von 
Peus betrifft, die für den Wohnungsbau nötigen Grundstücke 
nach der steuerlichen Bewertung zu enteignen, so würde Haberland 
eine solche Maßnahme willkommen heißen, da die Preise für 
Grundstücke im freien Verkehr kaum einen Bruchteil davon aus 
machen. 
Bernoulli, Basel, tritt für private Initiative nnd Bautätigkeit 
ein, wünscht sie aber in der gleichen Art wie die städtische Bau 
tätigkeit behandelt zu sehen. Nur bei gleichen Bedingungen wird 
es sich feststellen lassen, ob das eine oder das andere System 
zu bevorzugen ist. 
Eine höchst genaue und klare Gliederung dieses Gegenstands 
gibt Vinck, Brüssel; 
1. Nach dem Krieg vermochte private Initiative die Wohnungs 
frage nicht zu bewältigen. 
2. Angesichts der kritischen Lage mußte die staatliche Or 
ganisation sich mit der Angelegenheit befassen. 
3. Auf die Frage, wie lange dieser Zustand dauern wird, kann 
man nur antworten: so lange, wie das Bedurfnisdanach bestehen wird. 
4. Io Belgien wird die Tätigkeit der Regierung in der Bekämpfung 
der Wohnungsnot als „öffentlicher Dienst“ angesehen, infolgedessen 
kann man es nicht billigen, wenn gesagt wird, daß der Staat bei 
seiner Bau tätigkeit von denselben Voraussetzungen ausgeben müsse, 
die für Private ausschlaggebend sind, da der Staat hier ebenso 
wenig die Rentabilität „d tout prix u verfolgt wie bei Wasser- und 
Lichtversorgung, Eisenbahnbauten usw. Die Frage, ob der Staat 
bzw. die Gemeinden nach dem Prinzip des „Öffentlichen Dienstes“ 
Geldaufwendungen machen müssen, bejaht er; die Frage, wieviel 
gebaut werden soll, muß jeder Staat oder Gemeinde selbst be 
antworten. 
Da am letzten Tage die Verhandlungen sehr leidenschaftlich 
werden, schlägt Geheimrat Gurlitt, Dresden, vor, sich jeder Ent 
schließung zu enthalten und die. Dinge ihrem natürlichen Lauf zu 
überlassen, da das angespannte Tempo, in welchem die Ereignisse 
Aufeinanderfolgen, es unmöglich mache, selbst für die nächste Zeit 
die künftige Entwicklung vorauszusehen. 
Zum Schluß unternimmt es Dr. H. Kampffmeyer, Wien, die 
Verhandlungen zusammenzufassen, indem er zwei Gruppen oder 
Richtungen festslellt: die eine will nach alter Weise das Privat 
kapital zum Wohnungsbau heranziehen; die zweite will mit dem 
Alten brechen und die private Initiative durch staatliche Fürsorge 
ersetzen. 
FOLGEN DES WIENER STÄDTEBAU-KONGRESSES FÜR DIE WIENER WOHNPOLITIK 
Gegenüber den in der Fachpresse mitgeteilten Folgen des Wiener 
Städtebau-Kongresses für die Wohnungsbaupolitik der Stadt Wien, 
die von einer völligen Änderung dieser Politik zu berichten weiß, 
muß leider folgendes festgestellt werden: 
Von einer völligen Änderung der Wohnungspolitik in Wien kann 
nicht gesprochen werden. Schon deshalb nicht, weil die ganzen Vor* 
bereitungen für das nächste Bauprogramm doch schon getroffen sind 
und es selbstverständlich nicht möglich wäre, von heute auf morgen 
die großen Flächen freizubekommeu, die zum Bau der fürs nächste 
Jahr geplanten 5000 Wohnungen erforderlich wären. Bei der Mangel 
haftigkeit unseres Enteignungsgesetzes, dessen Durchführung Jahre 
in Anspruch nimmt, wären wir hier in der Hauptsache doch auf 
freihändige Ankäufe angewiesen, die immer langsam vor sich gehen. 
Eine andere Schwierigkeit, die vielleicht während des Kongresses 
nicht so stark betont wurde, liegt darin, daß infolge des Um 
standes, daß die Regierungspartei (christlich-sozial) seinerzeit das 
Anforderungsgesetz nicht erneuert hat, alle freiwerdenden Woh 
nungen ohne Einfluß des Wohnungsamtes vergeben werden und die 
Dringlichkeit der Bewerber keine Rolle spielt. Die neuen Wohnungen 
müssen also unmittelbar an die Wohnungsbedürftigen abgegeben 
werden, und das sind nicht gerade diejenigen, die für Siedlungen 
geeignet sind. 
Immerhin ist daran nicht zu zweifeln, daß das nahezu einmütige 
Eintreten des Kongresses für das Einfamilienhaus hier stark gewirkt 
hat und sicher eine stärkere Betonung des Einfamilienhauses als 
früher bewirken wird. 
Ober die 
WOHNUNGSPOLITIK DER STADT WIEN (VGL. W.M.B.9) 
unterrichten u. a. eingehend folgende Veröffentlichungen: 
DIE WOHNUNGSPOLITIK DER GEMEINDE WIEN. Wien 1926, 
Verlag Deutsch-Österreichischer Städtebund. 
Offizielle Darstellung der Wiener Wohnungspolitik nach dem 
Kriege, vgl. auch den vorstehenden Kongreßbericht.
	        
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