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Volume H. 11

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 21.1926 (Public Domain)

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Durch die beschriebene Eisenbahn wird die Siedelungsfläche 
in einfacher und vorteilhafter Weise der Lange nach aufgeschlossen 
und mittels durchlaufender Züge von und nach dem Stadtinnern 
bedienbar, auch ist gleich von Anfang an auf eine rege Benutzung 
der Züge zu rechnen. Vergleicht man damit die Betriebsweise, 
welche entsteht, wenn man die Zufahrtbahu rechtwinklig gegen 
die Mitte des Geländes richtet, so hat man entweder mit lästigem 
und zeitraubendem Umsteigen im Siedelungsgebiet oder mit der 
dreifachen Anzahl von Zügen zu rechnen, denn es muß nach rechts, 
nach links und geradedurch in der Länge des Siedelungsgebietes 
gefahren werden. Der Zeitgewinn bei dem Vorstoß auf die Mitte 
ist durchschnittlich nicht groß, da man bei der Fahrt nach den 
Enden auch in diesem Falle beträchtliche Ecken durchfahren muß 
und dann der Betrieb von den Enden aus rascher sein kann. Es 
ist noch darauf hinzuweisen, wie durch eine neue Durchquerung 
des Grunewalds mittels einer zweigleisigen Eisenbahn mit ihren 
Waldschutzstreifen, zu welcher sich noch eine Fahrstraße von großer 
Breite für Kraftfahrzeuge gesellt, in gröblichster Weise gegen die 
Unverletzlichkeit dieses Schongebiets verstoßen und UngestÖrtheit 
und Lärmfreiheit vernichtet wird. 
Was die Anordnung der Wege, Straßen und Plätze im Sied 
lungsgebiet anbelangt, so sind die in den Wettbewerbeutwürfen 
von 1913 gebotenen Anregungen von großer Mannigfaltigkeit und 
Bedeutung, aber sie sollten nur soweit grundlegend werden, als 
sie die nachstehenden Forderungen erfüllen^ 
Vor allen Dingen istdieAnlageeinesununterbrochenen,am rechten 
Ufer der Havel von Pichelsdorf bis Sakrow durchlaufenden Strand 
weges von etwa 10 m Breite zu fordern. Nicht eine Uferstraße mit 
Fuhrwerk- undRadfahrverkehrist gemeint, sondern ein ausschließlich 
fürFußganger freizuhallender Strandwcg,der unmittelbar ansWasser 
grenzt und die Grundstücke der Anlieger vom Wasser trennt. Da 
gegen muß diesen Anliegern Gelegenheit und ausschließliches Recht 
zur Anbringung von Bootanlegestellen, Bade- und Sportanlagen auf 
der Wasserseite des Strandweges im Bereiche ihres Grundstückes in 
vollem Umfange gesichert sein. Der Slrandweg soll dem Verkehr 
zum Wasser und am Wasser entlang, dem Sport und ganz besonders 
dem Wandern dienen. In den Entwürfen des Wettbewerbes sind 
meistens nur einzelne Wegestrecken vorgesehen, welche der Havel 
nahe kommen und die Ausschau auf sie gestatten. 
Auch für die Anlieger bietet der Strandweg großen Nutzen 
und Annehmlichkeit, weil er sie mit der Gesamtheit aller Anlieger 
und mit den an der Außenseite des Strandweges angeschlossenen 
Bade-, Sport-, Anlege- und Ladeplätzen in Verbindung setzt und 
sie dem Verkehre auf dem Strandwege zuführt. Grundstücke, 
welche sich in längerer Reihe am Wasser erstrecken, ohne eine 
Wegeverbindung am Wasser entlang zu besitzen, verfallen der 
Vereinsamung, Verödung und Langweiligkeit. Die Eigentümer 
der am Wasser liegenden Grundstücke werden ohne Zweifel diese 
Gesichtspunkte würdigen und sich mit der Hingabe der unmittel 
baren Berührung mit dem Wasser auf die Länge ihres Grund 
stückes aussöhnen. Im übrigen wird der Verkaufswert jedes Land 
sitzes in solcher Lage ganz unzweife'haft wesentlich dadurch ge 
steigert, daß ihm außer seiner sonstigen Zugänglichkeit noch die 
Lage am Strandwege mit Ausgang zu diesem eignet. Für die 
Aussonderung von der allgemeinen Benutzung dienenden Bade- 
Sport-, Anleger Lade- und Lagerplätzen, welche sich auf der 
Wasserseite vor den Strandweg vorschieben, muß selbstverständ 
lich in ausreichendem Maße gesorgt sein, auch muß zur Erreichung 
dieser Betriebstellen die Kreuzung des Strandweges mit Fuhr 
werk zugelassen und ermöglicht sein. 
Die Ausführung des durchlaufenden Strandweges ist die dring 
lichste und wichtigste Vorarbeit zur Verwirklichung der Besied- 
Jung; sie wird durch die fortschreitende Bebauung der Grund 
stücke mehr und mehr erschwert. Andererseits kann dieses Werk 
an beliebigen Stellen der ganzen Erstreckung in Angriff genommen 
und nach Maßgabe der verfügbaren Mittel durchgeführt werden. 
Allerdings müßte die behördliche Entscheidung über das Ganze 
binnen kurzer Frist erfolgen! 
Wenn dieser unmittelbar unten am Wasser durchlaufende Strand- 
weg eine Forderung zu Nutz und Frommen der Allgemeinheit 
ist, so muß mit gleichem Ziele eine zweite Forderung erhoben 
werden, nämlich die einer durchlaufenden oberen Randstraße, 
welche zwar auf der Landseite städtisch bebaut werden, auf der 
Wasserseite aber freibleiben und die Ausschau auf und über die 
Havel gestatten soll. Diese mit großstädtischer Straßendecke aua- 
gebaute Straße, welche jede Art von Straßenverkehr ■— auch von 
Kraftfahrzeugen und Straßenbahnen — aufzuoehmen bestimmt ist, 
mit besonders breitem Fußsteige an der Wasserseite, soll sich am 
oberen Rande des Steilufers hinziehen, so daß sie ohne längere 
Unterbrechung den Ausblick auf die Havel gewährt und den wert 
vollsten Teil des Ufergeländes zwischen Strandweg und Rand 
straße nicht zu sehr einschränkt; im übrigen möge sie in schlankem 
Zuge, jedoch so durchgeführt werden, daß sie die Einbuchtungen, 
welche zu besonders mannigfaltiger Gestaltung des geböschten 
Ufers Anlaß geben, umgeht- Die Landseite dieser Randstraße 
wird mit mehrgeschossigen, städtischen Gebäuden, möglichst von 
größerer Bedeutung und in großem Stil, öffentlichen Gebäuden, 
Prachtbauten in offener Bauweise zu besetzen sein, so daß bei 
der Ausschau vom Waseer und von dem Grunewaldufer aus die 
Gestaltung des Uferbildes an Höhe, Kraft und Bedeutung gewinnt. 
Denn diese Randstraße soll einen Teil der Stadt, des städtischen 
Hochbaukörpers bilden und nicht aus dem Rahmen des städtischen 
Aufbaues herausfallen, indem dort nur landhausartige und in 
Gärten versteckte Gebäude zerstreut daliegen. Man vergegen 
wärtige sich, welche Wirkung mehrgeschossige, großzügige Gebäude 
in offener abwechslungsreicher Bauweise an solcher Stelle ausüben 
müssen und denke auch an die Ausschau dem Flusse entlang von 
den Ufern aus. Hierbei wird von Belang sein, daß die reichlich 
zu bemessende Breite der Randstraße für den Ausblick von tieferem 
Standort einen beträchtlichen Teil der Gebäude unten abschneidet. 
Drei- und viergeschossige Gebäude würden also gamicht störend 
wirken. 
Der mehr oder weniger in Böschung liegende bevorzugte Ufer 
streifen zwischen Strandweg und Randstraße ist, wie bereits er 
wähnt, mit landhausartigen Bauten, Baumwuchs und sonstigem 
gärtnerischen Schmuck bedeckt gedacht. Hierbei wird darauf Rück 
sicht zu nehmen sein, daß Gebäude und Bäume nicht auf längere 
Strecken und nicht zu sehr über den äußeren Fußweg der Rand- 
straße hinausragen und dadurch die Ausschau nach der Wasserseite 
behindern. Die gedachte Randstraße wird von der Döberitzer Heer 
straße bis zu der in Aussicht genommenen Brücke bei Sakrow 
durchzuführen sein, auf welche sie unmittelbar überzugehen hat. 
Bei der künstlerischen Ausnutzung des vorliegenden Havelge 
ländes muß immer und überall der Ausblick nach der Havel mit 
ihren Ufern und von der Havel mit ihren Ufern her das Ziel der 
Lösungen sein, so daß von den in dieser Hinsicht möglichen Schön 
heiten nichts verloren geht. Denn nur die Wasserflächen mit ihren 
besonders steilen Ufern bilden den wesentlichen und eigenartigen 
Reiz der Landschaft. Was hinter der vorgeschlagenen Randstraße 
liegt, kommt in diesem Sinne nur wenig in Anschlag. Dieses Ge 
lände ist nichts anderes als sonst ein Gelände in der Umgebung 
Berlins, das nicht am Wasser liegt. Hier aber ist das Hauptsächliche 
die unentwegte und ununterbrochene Beziehung zur Havel, und 
dieser tragen wir in vollkommenster Weise Rechnung durch eine 
obere Randstraße und einen unteren Strandweg, zwischen welchen 
die reizvollen ansteigenden Uferflächen gelagert sind, ln Hinsicht 
auf das hinter der Randstraße liegende Gelände werden sich die 
geeignetsten Vorschläge aus dem Wettbewerbe von 1913 unschwer 
mit den vorstehenden Vorschlägen verschmelzen lassen. 
Dr. von Rügen, Berlin
	        
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