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Volume H. 8

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 21.1926 (Public Domain)

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kalte Luft als ein pfeifender Strahl in die Stube fallen. Und der 
obdachlose Bettler, der durch die Winternacht schleicht, könnte in 
den hellen, warmen Raum hineinstarren. Ohne daß man es wüßte, 
würde er auf die Familie sehen, die da um den dampfenden Reis 
sitzt, und würde neidische und bittere Blicke werfen. Mörder und 
Wegelagerer könnten sehen, wie behaglich man es sich Wohlsein 
läßt. Und doch ist die Furcht vor Mördern nicht das Schlimmste, 
und der Zug der Nachtkälte würde nicht so spürbar sein, wenn 
man gut zugedeckt auf dem Kang läge, der gemauerten gewärmten 
Bettstatt. Aber wäre da eine Öffnung gerade hinaus in die Um 
welt, so würde man ahnen, selbst wenn man ihr den Rücken kehrte, 
wie der böse leere Raum hereinsickerte und alle Sicherheit verjagte. 
Das ist ein halb unbewußtes Gefühl, dem man keinen Namen geben 
kann, und es würde wachsen, bis es die Seele mit Angst durch 
dränge; dann breitet sich die Angst über den Körper aus, der steif 
wird, und die Glieder frieren zu Eis. Das sind die bösen Geister! 
Dünn wie der Rauch einer eben erlöschenden Flamme schmiegen 
sie sich durch die kleinste Ritze, und dann können sie sich aus 
breiten, wachsen, bis sie von der Erde an die Decke reichen. Und 
wenn man da nicht weise ist wie ein Taoistenpriester, der die tiefen 
Geheimnisse kennt, so kann man ihnen nicht widerstehen. Sie 
können töten, wenn sie wollen, können über die Gesichter der 
Kinder hinstreichen, so daß sie die Züge auslöschen, die leer, 
ohne Nase und Augen Zurückbleiben. 
Vor den Geistern muß man sich also hüten; selbst wenn man 
das nicht von anderen gehört hat, so kann man es an sich selber 
fühlen. Wenn man außerhalb seines Hauses geht, ist man nicht 
so leicht anzugreifen, da ist man gleichsam beschützt durch eine 
Hülle von Formen. Aber wenn man diese zu Hause ablegt, da 
ist es nicht gut, von der Welt gesehen zu werden; sie könnte da 
mit häßlichen Fingern an die bloße Seele tasten. 
Es kommt auch nichts Gutes dabei heraus, wenn andere eines 
Mannes Frauen sehen. Aber wenn er sein Haus nach allen Seiten 
gegen die Umwelt abschließt, wenn er eine Mauer gegen die 
Geister vor die Tür setzt, so kann er eine sichere kleine Welt 
ohne fremde Einflüsse schaffen. 
Im Hof stehen zierliche Blumen, stehen in Fülle zwischen den 
Fliesen. Und da grünen die Bäume, die man gern hat. So kann 
man sie immer sehen und sich an ihrem Wachstum freuen. Der 
feine Bambusschleier schmiegt sich an das rote Holzwerk der 
Fenster. Die Stämme strecken sich mit frischen Schößlingen nach 
der Sonne, die in dem blauen Himmel loht. Mit den Stunden 
des Tages gehen ihre Strahlen im Kreis von Fenster zu Fenster. 
Aus dem hellen viereckigen Stück Himmel, das man sehen kann, 
kommen auch Insekten herein und spielen im Laub; und in einem 
kleinen Käfig sitzt eine Zikade und singt ihre pfeifenden Triller, 
daß es eine Lust ist. 
Draußen auf der Straße gehen die Händler vorbei: man hört 
sie wie eine dünne und zarte Musik, die etwas aufsteigt um 
wieder zurückzufallen. Man fühlt den Frieden in der kleinen 
warmen Freistatt und kann die Töne am Ohr vorübergleitcn 
lassen. Aber es kann auch unterhaltsam sein, ihnen genau zu 
zuhören; denn dann weiß man ja, wer es ist, der draußen geht. 
Hört man das lange klingende Schwirren von Metall, so denkt 
man sich gleich den Barbier, der Tabureit und Becken auf einer 
Stange über die Schulter gehängt hat, und wenn man zwei kleine 
Messingschalen gegeneinander schlagen hört, Weiß man, das ist 
der Mann, der Porzellan verkauft. So gibt es viele Laute, die 
vorbeiziehen und von einem Händler erzählen. Das Picken auf 
einem winzig kleinen Trommelfell, das magere Gong-gong, die 
Holzlaute der Castagnetten, die kleine Trompete; alle sind sie 
wirkliche Töne, nicht bloßer Lärm. Nur der Schubkarren des 
Wasserträgers knarrt einher als eine knirschende Disharmonie, 
nähert sich und übertönt selbst die Zikade mit seinem lauten 
schreienden Jammern. Jetzt kommt er vorbei, die falschen Laute 
stöhnen und miauen, bis sie endlich fallen und in dem fernen 
Lärm der Stadt verschwinden, der niemals schweigt. Dann hört 
man wieder die säubern Laute der kleinen Instrumente, eine 
Musik für Unterirdische und Elfen. 
Steen Eiter Rasmussen, Kopenhagen
	        
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