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Volume H. 7

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 21.1926 (Public Domain)

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Siedlungshäuschen für eine achsige Anordnung zu winzig ist, warum soll durch Reihung 
oder Gruppierung mehrerer Einheiten nicht dem herrschenden Bedürfnis nach der ein 
fachsten Klärung nachgegeben werden? Ich glaube nicht, daß ein Architekt dadurch sein 
„höchstes Kompositionsmittel“ verschießen würde und „mit leeren Händen“ dastände, wenn 
er darauf an eine „wichtige Aufgabe“ herantreten müßte. 
Das dritte Bedenken: Die Achse ist ein Überbleibsel aus absolutistischer Zeit. Mit 
herrischem Machttrieb heischt sie Abhängigkeit und Unterordnung. Darum darf sie im 
eingeebnelen Europa nicht mehr ihr Szepter schwingen. Es wird hier offenbar an jene 
Achsen gedacht, die oben als Raumachse, übertragende Achse und Gesamtachse bezeichnet 
wurden. Ich habe in meiner Wohnstube nur regelmäßige Möbel stehen, kann aber nicht 
feststellen, daß ein jedes, weil es kein „Weltmittelpünktchen“ sein kann, nun „ver 
schlossen und mürrisch seine Achsen gegen den Nachbarn sträubt“. Ein alter Glasschrank 
steht sogar in der Mitte einer Wandfläche, ohne daß ich die Hilfslinien seiner Entwurfs 
zeichnung dräuend aufblitzen sähe. So kann ich auch in einer Straße nicht entdecken, daß 
symmetrische Häuser ihre Achsen sträuben „wie Igelstacheln, verärgert, daß ihre Macht 
schon am nächsten Gartenzaun zu Ende ist“. Die Forderungen des Bauprogramms und 
die Bedingungen der Baustelle sorgen schon häufig genug für ein Abweichen von der 
strengen Regelmäßigkeit der Gesamtanlage, wie es die Entwürfe für die neuen Rat 
häuser in Bochum und Düsseldorf gezeigt haben. Aber darüber hinaus eine künstlerische 
Unordnung künstlich Hervorrufen zu wollen, kann nicht als „beziehungsreich und zukünftig“ 
(Worte der Baugilde), sondern nur als bedenklich bezeichnet werden. —- Daß die über 
tragende Achse sich städtebaulich nur bei hervorragenden Gebäuden auszuwirken sucht, ist 
selbstverständlich. 
Ein vierter Einwand besagt, man dürfe nicht „von außen nach innen“, sondern nur 
umgekehrt bauen. Dabei wird nicht erkannt, daß die eigentliche Baukunst erst dort be 
ginnt, wo ein ernsthaftes Bemühen die innere und äußere Organisation eines Hauses zu 
einem klaren Ganzen zu vereinigen sucht. 
Der fünfte Vorwurf endlich ist allen Achsgegnern gemein. Man nennt die nach der 
klarsten und einfachsten Erscheinungsform strebenden Architekten kurzweg „Klassizisten“. 
Ostendorf hat zwar nachdrücklich darauf hingewiesen, daß die Achse mit den übrigen 
Gestaltungsmitteln der Baukunst, besonders mit der Formsprache nicht das geringste zu 
tun hat. Vergebens, Niemand liest ihn mehr. Statt dessen hagelt es von ähnlichen Schlag 
wörtern wie: akademisch, formalistisch, dogmatisch, allzu billig erkauft, verführerisch ein 
faches Rezept, des eigenen Nachdenkens enthoben, bornierte Monomanie, billiges Pathos, 
phantasielos, erstarrt, vertrocknet usf. Ich hoffe, daß nach allem, was hier von der Achse 
Abb. 18 / Johanneskirche zu Stralsund rr.it „Paradies“ 
gesagt wurde, sich ein weitei es Eingehen 
hierauf erübrigt. Die rheinisch-westfä 
lische Architektenschaft, welche im heu 
tigen Deutschland wohl die Führung 
inne hat, arbeitet überwiegend auf Achse. 
Abb. 19 / St. Etienne zu Caen 
Abb. 20 / Zadelstaat mit Dom zu Utrecht 
Abb. 21 / Cnthedrale zu Angers
	        
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