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Volume H. 1

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 21.1926 (Public Domain)

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Die Einbindung einer Nebenbahn oder eines Schleppgleises in 
die freie Strecke der Hauptbahn wird von deren Verwaltung bei 
einem nur etwas dichteren Zugverkehr von vornherein abgelehnt 
oder doch nur gegen Widerruf gestattet, wodurch aber die Grund 
einlosung nur auf einen noch ungünstigeren Zeitpunkt verschoben 
wird. Die Ausführung von Nebenbahnen scheitert sehr häufig 
an den zu hohen Kosten der Einmündung in die Hauptbahn. 
Dadurch verliert die Stadt einerseits eine billige Zufuhr und ein 
größeres Angebot von Lebensmitteln und landwirtschaftlichen 
Erzeugnissen, andererseits eine leichtere Absatzmöglichkeit von 
Handelswaren und gewerblichen Erzeugnissen. 
Eine Schleppbahn verträgt nur ausnahmsweise, etwa wenn sie 
von mehreren Unternehmern benützt wird, die Belastung durch 
eine teure Gmndeinlösung. Eine oder die andere Unternehmung 
wird unter Umständen, z, B. wenn sie ihren Betrieb erweitern 
will, einer teuren Grundeinlösung für die Schleppbahn die voll 
ständige Verlegung ihres Werkes in einen Nachbarort vorziehen. 
Dann verliert die Stadt einen wichtigen Steuerträger und mit 
den Angestellten auch eine große Zahl von Verbrauchern. 
Die Stadt kann aber auch selbst ein Schleppgleis brauchen für 
ein Gas- oder Elektrizitätswerk, ein Schlachthaus, ein Lagerhaus. 
Es kommt vor, daß die Baukosten dafür bei der Verfassung des 
Stadterweiterungsplanes durch einige anders geführte Linienzüge 
auf dem Papier hätten wesentlich verringert werden können. 
Die Anlage von Straßen in Fabrikvierteln soll wegen ihrer 
Wichtigkeit in einem besonderen Aufsatze behandelt werden.*) 
Man sollte meinen, daß die Lage der Straßen in der Nähe 
der Bahn nur in ständigem Einvernehmen zwischen Stadt- und 
Bahnverwaltung festgelegt würde. Das ist nun leider nicht der 
Fall; gewöhnlich tut jeder Teil so, als ob das Wohl und Wehe 
des anderen ihn nichts anginge. Es kommt auch vor, daß; die 
Stadt in der Bahn ihren Feind sieht, weil nicht jede Ihrer manch 
mal übertriebenen, manchmal nur aus parteipolitischen Gründen 
gestellten Forderungen sofort erfüllt wird, und gern eine Gelegen 
heit wahmimmt, wo sie ihrerseits der Bahn unangenehm werden 
kann. Die Bahn glaubt sich durch das Enteignungarecht genügend 
gesichert und läßt mit überlegener Gleichgültigkeit ihrev Linie 
rechts und links vollständig einbauen, womöglich noch von Fabriken. 
Die Folgen werden Ja von anderen getragen, und im übrigen hat sie 
der Amtsnachfolger auszukochen. Das ist ein ungesunder Zustand. 
4. SCHLUSS 
Es hat sich gezeigt, daß die Blockabsonderung eigentlich nur 
den einen Vorteil hat, von der Bahn aus ein gefälliges Bild zu 
geben. Hingegen entspricht die Blockdurchdringung mit offener 
Bauweise und Gärten vom Standpunkte der Schönheit, der An 
nehmlichkeit, der Wirtschaftlichkeit und der Erweiterungsfähig 
keit der Bahn, sie verdient also öfter als bisher angewendet zu 
werden, wenn man ihren Nachteilen begegnen kann. Die jetzige 
Zeit des Stillstandes der Bautätigkeit sollte zu einer Überprüfung 
der Stadterweiterungspläne benützt werden, wobei auf die Höhen 
lage der Bahn im Gelände mehr als bisher Bedacht zu nehfnen ist. 
Die Blocktiefe soll reichlich bemessen werden, die Blocklänge 
soll sich von einer Bahnkreuzung bis zur nächsten erstrecken (Abb. 2). 
Sind zwischen den Bahnkreuzungen noch Sackgassen (Abb. 9), 
so geht ein Teil der früher genannten Vorteile der Blockdurch 
dringung ganz verloren. Solche Sackgassen sollten überhaupt 
ganz vermieden werden. Dem Ortsunkundigen,, der bei Dunkelheit 
die Bahn übersetzen muß, sind sie ein Greuel. In den . in der 
Nähe Wohnenden erwecken sie häufig den Wunsch nach einer 
neuen Bahnkreuzung, denn die Bahn wird dort fortwährend als 
Hindernis für den Straßenverkehr empfunden; bei einer ununter 
brochenen Häuserreihe nach Abb. 2, ob mit offener oder ge- 
*) Kern: Di« Anordnung von Schleppreisen und Straßen in Gewerbevierteln, «r- 
acheint demnächst in d«r Zeitschrift d. Osterr. Ing. u. Arcfa. Ver. 
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Abb. 9 
schlossener Bauweise, jedoch viel weniger. 
Bei einem nur etwas breiteren Flusse wird 
niemand der Stadt zumuten, daß sie für 
jede unbedeutende Wohnstraße eine Brücke 
baue; der Bahn gegenüber ist man leider 
gewöhnlich nicht SO einsichtsvoll. 
Es ist eine Bodenverschwendung, wenn 
alte diese Sackgassen unmittelbar an den 
Bahngrund stoßen (Abb. 10 oben u. Abb. 11). 
Wenn schon die Stadt glaubt, auf der Grund 
abtretung für die Straßen auch bei den letz 
ten beiden Häusern unbedingt bestehen zu 
müssen, so sollte sie den Straßengrund so 
gleich wieder an die beiden Hauseigentümer 
verpachten (Abb. 10 unten), wie es ja im 
Kriege so häufig geschehen ist. 
Es wurde erwähnt, daß ein beim Bahn 
baue angelegter Wirtschaftsweg (Parallel 
weg) oft die Veranlassung zur Blockabson 
derung gibt. Da diese einer Gleisvermehrung 
hinderlich ist, so müßten die Bahnverwal* 
tungen eigentlich trachten, die Wirtschafts 
wage nicht unmittelbar neben dem Bahn 
körper, sondern in größerem Abstande da 
von anzulegen. Diese Wegabriickung ist aber 
nicht immer durchführbar, selbst wenn sie 
von den Bahnverwaltungen überhaupt an 
gestrebt würde, was aber fast nie der Fall 
ist. Liegt nun der Wirtschaftsweg unmittel 
bar neben der Bahn, so kann man trotz 
dem die früher der Blockdurchdringung zu 
geschriebenen Vorteile dadurch erreichen, 
daß man an diesem Wege, der ohnehin nur 
2,5 -4m breit'ist, keine Hauser bauen läßt, 
sondern ihn als einen Fußweg erklärt und 
die Austeilung des Straßennetzes so trifft, als ob dieser Fußweg 
gar nicht vorhanden wäre (Abb. 12); nur wird man hier bei einem 
größeren Abstande der beiden Bahnkreuzungen vielleicht noch in 
Blockmitte einen Fußweg vorsehen. Ein solcher Fußweg längs der 
Bahn ist eigentlich eine Bodeoverschwendung, er ist wegen seiner 
geringen Überwachung bei manchem Gartenbesitzer nicht sehr be 
liebt. Er ist aber eine angenehme Abwechslung in dem Einerlei 
der übrigen Straßen. Ein Fußweg längs der Bahn wird von der 
Bevölkerung immer gern benützt, um so mehr, wenn er neben 
Gärten verläuft und mit Baumen bepflanzt ist. 
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