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Volume H. 6

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 21.1926 (Public Domain)

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Da die Hauszinasteuerhypothek nur einen Teil dieser Beträge 
deckt, hat der Wohnungsbedürftige den übrigen Teil, sowie den 
Preis für Grund und Boden selbst aufzubringen. In Verbindung 
mit den Verpflichtungen, die er gegenüber der Beleihurgsslelle 
übernehmen muß, macht das die ganze Angelegenheit so um 
ständlich, daß es für die meisten, die sich ein eigenes Heim — 
Haus oder Wohnung — anschaffen wollen, unmöglich wird, 
diese Absicht zu verwirklichen. So sind in Berlin vom 1. April 
1924 bis 1. April 1926 von 9533 mit Mauszinssteuer erstellten 
Wohnungen nur 759 auf private Einzelanträge hin finanziert 
wordenund wahrscheinlich wird im Jahre 1926 diese Zahl 
infolge der Verschärfung der Mindestforderungen und der großen 
Geldknappheit noch niedriger sein. 
Es fragt sich nun, woher sollen die Baulustigen, denen bereits 
eine Hauszinssteuerhypothek gewährt worden ist, s'ch die übri 
gen Gelder beschaffen und alle anderen Schwierigkeiten 
bewältigen, die besonders in den Fällen aufiauchen, in denen es 
notig wird die Forderungen von vielen Menschen gleichzeitig zu 
befriedigen. Nur eine kräftige Organisation vermag alle diese 
Hindernisse zu überwinden. Abgesehen von Beamtenwohnungen, 
bei denen diese Fragen von öffentlichen Körperschaften gelöst 
werden, bleibt für die große Masse der übrigen Wohnungsbe 
dürftigen als einziger Retter in der heutigen Lage der so 
genannte „Baumensch" (ein Unternehmer, oft nur Vermittler, 
oder eine andere Mittelsperson) übrig, der für die künftigen 
Mieter alles zu besorgen hat: das Beschaffen von Geldern, Wahl 
und Kauf des Grundstücks, Aufstellung des Bauprogramms, Aus 
arbeitung eines „rentablen“ Planes, Fertigstellung des Hauses 
und schließlich die Bildung einer Bewohnerschaft. So wird ein 
solcher Unternehmer zu einem „gezwungenen Hausbesitzer", der 
die ganze Initiative und das ganze Risiko persönlich oder in 
Form einer „gemeinnützigen Gesellschaft“ übernimmt, wofür er 
allerdings eine nicht unerhebliche, vielleicht auch gerechte Ver 
gütung beansprucht, woraus sich aber eine bedeutende Ver 
teuerung der Wohnungen und andere bedenkliche 
Folgen für den Wohnungsbedürftigen ergeben. Der „Baumensch“ 
steht in jedem Falt vor einer Aufgabe mit „bekannten“ und 
„unbekannten*' Größen. Einerseits muß er, um die „bekannte“ 
Größe des beantragten größtmöglichen Hauszinssteuerzuschusses 
zu erlangen, die „Rentabilität“ des Unternehmens sich zu sichern 
suchen. Bel der Bauplanung zwingen ihn die Vorschriften der 
Beleihungsstelle mit ihren rein formalen mathematischen Be 
griffen dazu, möglichst viele kleine Wohnungen und möglichst 
viele Zimmer und Kammern bei einem Mindestmaß an umbau 
tem Raum „auszuknobeln", Auf der anderen Seite stehen als 
„unbekannte“ Größen die Miete und der ßauzuschuß des künf 
tigen Bewohners, die von alle dem abhängen, was die Wohnung 
bequemer und ansehnlicher macht, also ein gut durchdachter 
Grundriß, gut beleuchtete und bemessene Zimmer, shöne und 
geräumige Treppen, Fahrstühle usw., kurz alle Einzelheiten, die zu 
sammen Jen Begriff der „Wohnkultur“ bilden, und wofür der 
Mieter zu zahlen gern bereit, aber nicht immer imstande ist. 
Diese Vorzüge, die bestenfalls eine Erhöhung der Miete und ge 
gebenenfalls des Bauzuschusses seitens der Mieter, nicht aber er 
höhte Hauszinssteuerhypotheken mit sich bringen, werden selbst 
verständlich von den Unternehmern als „unrentabel“ ange 
sehen und daher in den meisten Fällen vernachlässigt. 
Nun stelle man sich vor, daß der Bauunternehmer, um das 
Unmögliche möglich zu machen, einen Architekten heranziehen 
will. Das ist ein Ausnahmefall, denn die Statistik der Vor 
kriegszeit zeigt, daß in Deutschland nur 3% der Bauten von 
Architekten errichtet wurden. 2 ) Der Architekt wird dann 
seine Schulkenntnisse in Geometrie auffrischen und sich vor 
Augen halten, daß bei gleicher Fläche verschiedener Rechtecke 
der Umfang beim Quadrat am kleinsten ist. Da also im Bau der 
quadratische Grundriß die wirtschaftlichste Form ist, ist es wirt 
schaftlich, möglichst tief zu bauen, so daß der Architekt recht 
tiefe Zimmer bei verhältnismäßig geringer Fassaden 
länge mit dem Rechenschieber in der Hand herauszeichnen muß 
(Abb. 1—3). Selbstredend wird es ihm selten gelingen, bei 
solchem Verfahien etwas wirklich Gutes zu schaffen, ln den 
meisten Fällen aber, wo der Bauunternehmer sich den Aufwand 
der Heranziehung eines Architekten nicht leisten will, wird jeden- 
fal’s nicht besser gebaut (Abb. 4). 
Jetzt muß die Frage aufgerollt werden: Was kostet das Wohnen 
in einem mit Hauszinssteuer erbauten Hause? Vorerst ist zu 
bemerken, daß die Bedingungen, zu welchen die Wohnungen ver 
geben weiden, sehr verschieden sind; letzten Endes aber, wenn 
alles mitberechnet wird: reine Miete, Umlagen, Verzinsung des 
Zuschusses bezw. der Einzahlung — bei Ankauf einer Eigenwoh 
nung — und Tilgung derselben, so stellt sich der Preis einer 
Vierzimmerwohnung aqf durchschnittlich ungefähr gleiche Beträge; 
in Häusern, die im Jahre 1925 erbaut worden sind, auf 3000 bis 
3500 Mark und für 1926 auf 3500 bis 4000 Mark Jahresmiele, 
wobei die Schwankungen hauptsächlich von dem Stadtteil ab- 
Hängen. Dies kann durch die untenstehende Übersicht belegt werden. 
Es handelt sich also um recht große Beträge, wenn wir sie 
mit den auf S. 90 angeführten Ziffern vergleichen, wobei aus 
PREISE VON VIERZIMMERWOHNUNGEN IN BERLIN 
1925 mit Hauszinssteuerhypotheken erbaut oder 1926 im Bau begriffen 
Stadtteil 
Jahr der 
Fertig 
stellung 
Bebaute 
Fläche 
Einzahlung 
beim Kauf 
Vermietet 
mit Zuschuß 
von 
Ver 
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Miete 
Umlagen 
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des 
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und etwaiger 
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Im 
ganzen 
qm 
FM 
RM 
Jahre 
RM 
RM 
RM 
RM 
RM 
RM 
RM 
Steglitz 
1925 
130,32 
- 
4000 
4 
120 
25 
440 
— 
1000 
- 
3140 
Grüne wald 
1925 
132 
8600 
— 
— 
135*) 
~ 
— 
946 
*— 
rd. 434 
3000 
Wilmersdorf 
1925/26 
— 
— 
6000 
5 
175 
45 
660 
— 
1200 
— 
4460 
Charlottenburg 
1925/26 
— 
— 
6000 
7 
215*) 
— 
660 
— 
857 
— 
4097 
Wilmersdorf 
1926 
— 
- 
5200 
5 a ) 
200*) 
— 
572 
— 
1040 
— 
4012 
') Bauritt Schellenberger, Berliner Wohnungsbau*. Bauwelt 1926, Nr. 17. 
2 ) Rudolf Stegemann: „Vom wirtschaftlichen Bauen“, zweite Folge S. 65. 
3 ) mit Vorrecht auf weitere 5 Jahre. 
4 ) einschließlich Umlagen usw.
	        
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