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Volume H. 1/2

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 20.1925 (Public Domain)

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werden. Schon vermag' er Ungeheures, schon be 
wegte er 500 Baumeister und Tausende von Mit 
arbeitern in allen Landen deutscher Zunge. Rainer 
Maria Rilke hat einmal sehr schon die feierliche 
Stunde des status nascendi in der Kirchenbau 
kunst folgendermaßen geschildert: 
Wcrkleute sind wir: Knappen, Jünger, Meister, 
Und bauen dich, du hohes Mittelschiff. 
Und manchmal kommt ein ernster Hergereister, 
Geht wie ein Glanz durch unsere hundert Geister 
Und zeigt uns zitternd einen neuen Griff, 
Wir steigen in die wiegenden Gerüste, 
In unsern Händen hängt der Hammer schwer, 
Bis eine Stunde «ns die Stirnen küßte. 
Die strahlend und als ob sie alles wüßte 
Von dir kommt, wie der Wind vom Meer. 
Ulm, wie so manche andere Stadt, war im 
Mittelalter auf die baukünstlerischen Anregungen 
angewiesen, welche — wie hier geschildert — die 
„ernsten Hergereisten“ vom Oberrhein, von Straß 
burg oder vielleicht auch geradeswegs von Reims 
und Amiens brachten. Auch später folgte Deutsch 
land in baukünstlerischen Dingen meist An 
regungen aus Frankreich und Ita’ien; ganz neuer 
dings wieder ist in der Stadtbaukunst der folgen 
schwere Gartenstadtgedanke uns nicht auf eige 
nem Boden gewachsen. Immerhin sind seit 1889 
einige der wichtigsten Klarstellungen auf dem Ge 
biete der Stadtbaukunst in Deutschland gemacht 
worden. Camillo Sittes, Gurlitts und Wölfflins 
Entdeckung der großen Baugesinnung, die im Ba 
rock erst zur Blüte kam (die aber von der Gotik 
schon vorbereitet wurde), und Arbeiten wie 
Brinckmanns „Platz und Monument“ sind von 
internationaler Bedeutung geworden. Sollte Ulm 
aus diesen deutschen Leistungen und Anregungen 
keinen Nutzen zu ziehen verstehen, bevor sie im 
Ausland in bauliche Taten umgesetzt und uns von 
„ernsten Hergereisten“ wieder vermittelt werden? 
CAMILLO SITTE 
UND DIE „FISCHERSCHULE“ 
ln Ulm ist eine lustige und verheißungsvolle 
Pressefehde um die Gestaltung des neuen Münster 
platzes entbrannt. Auf Seite 52 werden hier einigt 
Proben aus dem Federkrieg wiedergegeben. Was 
immer die Bedingtheiten sein mögen, die gegen 
die einzelnen Kämpfer geltend gemacht werden, 
so verdient doch die Entschlossenheit Anerkennung, 
mit der der Ausdruck „Fischerschule“ in beiden 
Lagern gebraucht wird. Die Bekämpfer der so 
genannten „Fischerschule“ haben in diesem Feder 
krieg den verwegenen Versuch gemacht, auf ihre 
Gegner den ganzen Fluch der Lächerlichkeit zu 
wälzen, der seit den (neuen Grund legenden) 
Arbeiten von Camillo Sitte, Cornelius Gurlitt, 
Lichtwark, Wölfflin, Brinckmann, Schultze-Naum- 
burg, Ostendorf, Paul Wolf und anderen auf der 
romantisierenden Baukunst und Stadtbaukunst von 
„um 1900“ lastet. Dieser Versuch muß angesichts 
der Art, wie sich die Vertreter der sogenannten 
„Fischerschule" bei dieser Gelegenheit äußerten, 
vielleicht als nichtganz geicheitert betrachtet werden. 
Abb. 52 / Gerasa. Der von der deutschen Baalbek-Expedition aufgestellte Plan zeigt (punktiert) die 
große symmetrisch geordnete klassische Tempelanlagc mit achsialer Zugangsstraße. Zum Teil ausgewischt 
vom Durcheinander einer später „gewachsenen“ Stadt. 
Abb. 53 / Spalato. Der Domplatz mit dem Periskyl des Diocletianspalastes wirkt wie das 
Mittelschiff einer christlichen Basilika.
	        
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