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Volume H. 11/12

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 20.1925 (Public Domain)

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L1PPSTADT 1. W., EINE REGELMÄSSIGE ANLAGE DES MITTELALTERS 
VON HELLMUT DELIUS, KÖLN 
Lippstadt wurde um 1170 von Bernhard II., Edler Herr zur Lippe, 
inmitten seiner großen Besitzungen am oberen Lippeufer planmäßig 
angelegt. Anzunehmen, daß die Stadt zum Schutze der Besitzungen 
des Grund* und Landesherrn gegründet worden sei, ist durchaus 
verfehlt; dazu hätte die Errichtung einer Burg genügt. Eine solche 
war aber bereits in der landesherrlichen Burg zu Lipperode 
aus dem Anfang des 12. Jahrhunderts, Vj Stunde oberhalb Lipp- 
stadts, vorhanden. Vielmehr entsprang die Gründung Lippstadts 
einer wirtschaftlich-spekulativen Absicht des Grafen Bernhard: er 
wollte eine Ackerb ü rge rsied 1 u ng schaffen, urn eine Auf 
schließung und intensivere wirtschaftliche Bearbeitung seines aus 
gedehnten Grundbesitzes zu erreichen und sich durch die Abgaben 
der Ansiedler (Wortzins, Morgenkorn) eine Einnahmequelle zu 
verschaffen. Die mit jeder Stadtgründung verbundene Absicht, 
durch Heranziehung von Gewerbekundigen die gewerbliche Pro 
duktion des Landes zu heben, ist dabei als selbstverständlich vor 
auszusetzen. 
Es lag in des Gründers Absicht, auf dem vorliegenden Gelände 
gleichberechtigte Ansiedler unterzubringen. So schuf er auf der 
Grundlage einer Einheitshofstätte von 35 X 105 Fuß (= 11,70 X 
35,10 = 410,7 qm) einen durch Einfachheit der Linienführung aus 
gezeichneten, regelmäßigen Bebauungsplan. Dieser allein gestattete 
die günstigste Bodenausnutzung. Lag doch bei der Planung nichts 
weiter vor als eine reine Bedürfnisfrage, der etwa gewundene 
Straßen schon mit Rücksicht auf die Schwierigkeit, gleichgroße 
Hofstätten auszuschneiden, ganz entgegen gewesen wären. 
Einschränkungen konnten gegebenenfalls das Gelände und Rück 
sichten auf die Befestigung machen. Das ebene Gelände bot keine 
Schwierigkeiten für eine regelmäßige Anlage. Die Befestigung 
beeinflußte nur die Gestaltung der Randblöcke. Dagegen setzte 
der Lippebogen der vollkommen regelmäßigen, rechteckigen Ge 
staltung der Baublöcke eine Grenze; er zwang dazu, zur Einhaltung 
der rechtwinkligen Baublockform die Straßen bezw. Blöcke pa 
rallel zur Lippe zu biegen. 
Gar keine andere Form der Bebauung konnte dem Bedürfnis 
einer Ackerbürgersiedlung so Rechnung tragen, wie die von Bernhard 
geschaffene Anlage. Auch heute entsteht ja noch unter den gleichen 
Bedingungen, d. h. bei Planung einer halbländlichen Siedlung, die 
gleiche Bebauungsform. 
Es bedeutet daher einen vollkommenen Irrweg, wollte man 
diese Form der Bebauung, wie es vielfach geschieht, auf das Vor 
bild des römischen Lagers zurückführen oder gar irgendwelchen 
städtebaulich - ästhetischen oder überhaupt künstlerischen Erwä 
gungen Raum geben. Auch aus den Abweichungen vom Normal 
schema, die sich überall finden, sind solche Gesichtspunkte keines 
wegs zu entnehmen. Vielmehr sind derartige Abweichungen nur 
auf Forderungen des Geländes oder Bedürfnisses oder zufällige An 
ordnungen zurückzuführen und finden damit ihre natürliche Erklärung. 
So waren zahlreiche der Abweichungen vom Normalblock hin 
sichtlich Abmessung und Form und von dem sich aus dem Block 
schema ergebenden System rechtwinklig gekreuzter Straßen diktiert 
von den Veränderungen der Stadtumrißlinie entsprechend den ver 
schiedenen Entwicklungsperioden der Stadt. 
Als solche lassen sich feststellen t 
1) um 1170 Anlage der „Altstadt“ mit Marktmittelpunkt, mit 
Rathaus und Pfarrkirche; anschließend daran wohl gleichzeitig nach 
Westen Stifts- und Burgbezirk. 
2) vor 1220: Anlage einer „Neustadt“ mit eigener Pfarrkirche: 
Einbeziehung eines anscheinend zur Gründungszeit der Altstadt 
vorhandenen Siedlungskörpers mit alter Kirche erst später.
	        
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