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Volume H. 9/10

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 20.1925 (Public Domain)

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Entwurf von den drei Gemeinden genehmigt, eine gemein 
same Verwaltung für das ganze Unternehmen bestellt und 
mit der Ausführung begonnen. Zum Quaiingenieur wurde 
Stadtingenieur A. Bürkli gewählt. 
Im Sommer 1888 waren die Quaibauten im großen Ganzen 
beendet. Sie bilden vom Zürichhorn bis zum Belvoirpark in 
der Enge eine zusammenhängende Uferpromenade mit zwei 
bis vier Baumreihen, unterbrochen von großem und kleinern 
Anlagen, die mit ihren mächtig gewordenen Baumgruppen 
das Ufer heute reizvoll beleben. Die Ufer mauern im innern 
Teil, anschließend an die Quaibrücke, ergeben zusammen mit 
den straffen Alleen einen ruhigen, klaren Sockel für den 
Aufbau der Stadt. In den äußern Gebieten sind die Ufer 
etwas freier gestaltet. Gepflasterte Böschungen, von Treppen 
unterbrochen, wechseln mit einem flach ins Wasser hinaus- 
laufendcn Strand ab. der unregelmäßig mit Steinblöcken be 
festigt ist, ein beliebter Spielplatz für Kinder. Je eine Hafen 
anlage in der Enge und im Rießbach dienen der Baustoff 
beförderung. Badeanstalten, Dampfschiffstege, Stände für 
Mietboote und sonst noch allerlei gehören zu der notwen 
digen Einrichtung eines Sccufers. Daß man sich aber nicht 
nur mit solchen Kleinigkeiten, sondern auch mit dem archi- 
tektonischen Rahmen, den Neubauten auf dem aufgefüllten 
Terrain eingehend beschäftigte, ist wohl selbstverständlich. 
Doch war diesen Bemühungen nicht durchweg Erfolg be- 
schieden. (Siehe Abb. 2.) Zwischen dem Bau des Stadt 
theaters (1891) und der Nationalbank (1922; vgl. auch Ab 
bildungen in „Wasm. Monatsheften“, 1924, lieft 11/12) liegen 
eine Reihe von Bauten, die in ihrer weithin sichtbaren Lage 
recht eindrücklich von der architektonischen Verwirrung der 
letzten Jahrzehnte Zeugnis ablegen. Den besten Absichten 
und Vorsohriftcn zum Trotz war cs nicht möglich,etwa den 
bemerkenswerten Anfängen aus den vierziger Jahren zu 
folgen oder sich sonst anständig und sachlich auszudrücken. 
Man sehe sich daraufhin etwa die Tonhalle mit der vom 
Trocadero entlehnten Silhouette an oder das „Rote Schloß“ 
mit seinem Gewirr von Türmchen und Erkern. Wie. ruhig 
wirkt dagegen die Nationalbank; ein verheißungsvoller Auf 
takt für die der Zukunft vorbehaltene Vollendung der Quai- 
hebauung beim Bürkliplatz. 
Im Jahre 1893, also fünf Jahre nach dem gemeinsamen Aus 
hau der Quaianlagen durch die Stadt und die beiden Ge 
meinden Ricsbach und Enge, schlossen sich diese mit noch 
weitern neun Gemeinden zu der heutigen Stadt zusammen. 
Den QuaJbautcn wurde seither — dem sportlichen Zuge der 
Zeit folgend — die ßoothausanlagc und das Strandbad in 
der Enge hinzugefügt. Der Besuch der Quaianlagen ist im 
Laufe der Jahre so stark gewachsen, daß die breiten Rasen 
streifen zum größten Teil zur Promcnadcnflächc umgewan- 
delt werden mußten. Die Reitwege sind vollständig ver 
schwunden. Die Quaistraßen, welche seinerzeit für den 
Luxusverkehr gedacht waren, haben sich infolge der Steige 
rung des Verkehrs im allgemeinen und dank ihrer schlanken 
Führung zu eigentlichen Verkehrsstraßen entwickelt. Der 
Wert und die Schönheit der Quaianlagcn werden dadurch 
stark beeinträchtigt. Es sind deshalb schon beim Wett 
bewerb Groß-Zürich (1918) Vorschläge gemacht worden, um 
die Quaianlagen am rechten Ufer vom Durchgangsverkehr 
zu befreien. Feste Gestalt haben sie aber noch nicht an 
genommen. Für den Innern Teil des linken Ufers ist in dieser 
Richtung damals überhaupt nichts versucht worden, was das 
Preisgericht ausdrücklich bedauerte. Der neuerdings aus 
geschriebene Wettbewerb für die Secufergestaltung wird 
unter andern! auch auf diese Frage Antwort geben müssen. 
Ein ziemlich eingehendes Programm liegt ihm zugrunde, das 
allerdings die Möglichkeiten einschränkt, dafür aber eher zu 
brauchbaren Vorschlägen führen wird, als wenn jeder Teil 
nehmer vollständig frei wäre. Gerade beim Wettbewerb 
Groß-Zürich, welcher in bezug auf die Quaianlagcn voll 
ständig freie Hand ließ, sind keine unmittelbar verwend 
baren Vorschläge eingegangen. Neben einem Übersichtsplan 
im Maßstab 1 : 2500, einem Plan des Stadtgebietes im Maß 
stab 1 : 1000 und weitern Detailplänen, werden Fassaden 
schemata für das noch unüberbaute Terrain im innern Stadt 
gebiet verlangt. Wenn es sich hier auch mehr um eine 
akademische Frage handelt, da keine tatsächlichen Baupro- 
grammc vorliegen, so wird es dafür um so interessanter sein, 
nach dem Wettbewerb auf dieses Thema, wie die Archi 
tekten von heute sich die zukünftige Bebauung der Ufer vor 
stellen, zurückzukommen. Ein Vergleich des Wcttbcwerhs- 
ergebnisses mit demjenigen vor 50 Jahren kann überhaupt 
lehrreich werden, besonders wenn man bedenkt, daß diesmal 
im neungliedrigcn Preisgericht neben fünf Schweizern, zwei 
Deutsche und ein Holländer als Fachleute sitzen. Der fran 
zösische Einfluß von damals ist vollständig ausgeschaltet. Es 
ist möglich, daß Überlegungen sentimentaler oder heimat- 
schützlerischer Natur hineinspuken, wie kürzlich bei der 
Quaiverlängerung in Luzern, wo der „Heimatschutz“ sich für 
ein sogenanntes natürliches Ufer stark ins Zeug legte. Auf 
den Ausgang des Wettbewerbes wird man also sehr gespannt 
sein können. 
Und darüber hinaus wird cs sich zeigen, ob auch diesmal 
ein von der »Stadt im Verein mit mehreren Gemeinden durch 
geführter Quaiausbau zustande kommt und ob derselbe 
wieder zum Vorläufer einer weiteren Stadtvereinigung wird. 
Die vor einem halben Jahrhundert gemachten Erfahrungen 
werden sicherlich für die Zukunft wertvolle Fingerzeige 
bieten. 
Die Preisrichter des Züricher Seeufer -Wettbewerbs sind die 
Schweizer: H. Klöti, E. Bosshard, H. Herter, Fr. Rothpelz, H. Ber- 
noulli, J. A. Frey tag, der Holländer Granpre - Moliere und die 
Reichsdeutschen Hermann Jansen und Fritz Schuhmacher. 
EIN SIEG DER LONDONER FREIFLÄCHENPOLITIK 
Während in Berlin schwer verantwortlicher Weise an 
vielen Stellen der Lungen der Großstadt geknabbert wird 
und Beispiele von Lungenschwindsucht wie die am Rande 
des Zoologischen Gartens oder des Prinz-Albrecht-Gartens 
(vgl. „Wasm. Monatsh.“, Jahrg. 1924, S. 197 ff) gleichgültig 
hingenommen werden, macht man in London verständnisvolle 
Anstrengungen für die Vergrößerung der städtischen Lungen. 
In diesem Jahre wurde in London ein wichtiger Sieg in der 
Frciflächcnfragc öffentlich gefeiert. Es (handelt sich um den 
seit dem Jahre 1865 brennenden Kampf für die Rettung der 
alten Hampsteadcr Heide, die bebauen zu dürfen gewissen 
lose Grundherren etwas wie scheinbar „rechtliche“ An 
sprüche hatten. Die beifolgende kleine Karte (entnommen 
der Londoner Zeitung „The Times“) zeigt die verschiedenen 
Fetzen mit den Daten, wann sic den Ansprüchen der Bodcn- 
ausschlachtung entrissen wurden. Der erste Erfolg in diesem 
langen Kampfe wurde bereits im Jahre 1868 verzeichnet zu 
einer Zeit, in der die „rechtlichen“ Ansprüche des Haupt
	        
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