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Volume H. 9/10

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 20.1925 (Public Domain)

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Der Oberbürgermeister gab nach und stellte am 3. Sep 
tember 1924 die Genehmigung in Aussicht unter der Bedin 
gung, daß die alte Fassade nicht verändert werden dürfe. 
Damit wurde endlich der wahre Grund für den ganzen 
Widerstand zugegeben. Lediglich ästhetische Motive — und 
zwar im Gegensatz zu dem berufenen Gremium der Sach 
verständigen — haben 8 Monate hindurch ein wichtiges Bau 
vorhaben verschleppt. 
Soweit das Schreiben Erich Mendelsohns, 
leh finde es durchaus in der Ordnung, daß der Oberbürger- 
melsfer Berlins und seine Berater lebhafte Teilnahme an der künst 
lerischen Entwicklung der Hauptstraßen Berlins nehmen. Es er 
scheint mir aber nicht richtig, daß der Oberbürgermeister sich 
gegen seine Berater, zu denen doch der große Sachverständigen 
ausschuß in Berlin in erster Linie gehört, in Widerspruch setzt 
und eine Art willkürliches Regime im Stil des „alten Fritz’ 
führt, der vielfach die oft beachtenswerten Ratschläge seiner bau 
lichen Berater verschmähte, und der seinen Potsdamer Untertanen 
z. B. eine Kirchenfassade aufzwang, an der sie nichts Gutes sehen 
und hinter sie nicht im Gesangbuch lesen konnten. Der „alte 
Fritz"' spottete-, „Selig, die nicht sehen und doch glauben". 
Zusammenfassung-. Ich nehme keinen Anstoß daran, daß 
Mendelsohns Fassade neumodisch sein möchte, sondern daran, 
daß sie mir mit ihren Erkern altmodisch im unerfreu 
lichen Stile der 80er Jahre vorkommt. Neben dieser mir 
wichtigsten Tatsache der Massenverteilung erscheinen mir die Einzel 
heiten der (in diesem Fall wohl etwas kriegsschiff- und panzerturm 
artigen) Formengebung auch hier weniger wesentlich. W. H. 
ZUM SEEUFER-WETTBEWERB IN ZÜRICH 
VON ARCHITEKT HEINRICH PETER, ZÜRICH 
Verkleinerter Ausschnitt aus dem „Fassadenschema Alpenquai"; / Die Originale geben die Abwicklung des Züricher Quais im Maßstab 1 :500 und gehören zu den 
Unterlagen des Züricher Seeufer-Wettbewerbs. (Ganz rechts die Nationalbank; der zweite Bau von links die Tonhalle.) 
Der Stadtrat von Zürich und die Vorortgemeinden haben 
kürzlich einen Wettbewerb zur Erlangung von Plänen für den 
weitem Aushau der Seeufer ausgeschrieben. 
Solange Zürich eine befestigte Stadt war, hatten ihre Be 
wohner wenig Gelegenheit sich ihres Sees zu erfreuen. Schan 
zen und Palisaden beengten den Blick; nur das schmale 
Grcndcltor bot Einlaß für Schiffe. In den 1830er Jahren fiel 
dieser Schutz gegen kriegerische Überfälle; er war untauglich 
geworden. Einzig die Bauschanze durfte bestehen bleiben. 
Für den Bau einer Hafenanlage samt Kornhaus, den Bau der 
obern Brücke (heute Münsterbrücke) und die Erstellung der 
Uferstraßen stand der sog. Direktorialfonds der Kaufmann- 
schaft zur Verfügung. Die private Bautätigkeit setzte eben- 
falls kräftig ein. Innerhalb weniger Jahre wurden \icr neue 
Gasthöfc errichtet, welche sich die schöne Lage am See zu 
nutze machten (vgl. Abb. S. 309 und S. 395, Jahrgang 1924, 
Wasm. Monatshefte f. R.). Das Stadtbild wandelte sioh stark. 
Türme und Tore und Bastionen waren fast vollständig ver 
schwunden. Kräftige Raumassen mit klarer kubischer Ge 
staltung und einfacher formaler Durchbildung schmiegen sich 
an die Altstadt an und verwachsen mit ihren charakte 
ristischen Bauwerken aus früherer Zeit zu einem einheit 
lichen Gesamtbild. 
Bei der raschen Vergrößerung der Stadt in den sechziger 
Jahren wurde eine Eisenbahnlinie längs des rechten Ufers 
geplant, deren Bau eine Quaianlage für alle Zeiten verhin 
dert und die Stadt vom See abgesohnitten hätte. Um das 
Bahnprojekt zu Fall zu bringen, unternahm man sofort die 
Vorarbeiten für die einheitliche Ausgestaltung der Seeufer. 
Die Stadt Zürich und die Gemeinden Riesbach und Enge 
bildeten einen Ausschuß, der 1873 einen allgemeinen Wett 
bewerb mit Preisen von 15 000 Franken ausschrieb. Im neun- 
gliedrigen Preisgericht saßen zwei französische, zwei west- 
schweizerische und zwei zürcherische Fachleute. Von den 
27 cingegangenen Arbeiten wurden sieben preisgekrönt. In 
den ersten Rang wurde aber der außer Wettbewerb beur 
teilte Entwurf des städtischen Ingenieurbüros gestellt. 
Dieser bildtc dann auch die Grundlage für das endgültige 
Projekt. Für die Regelung der Mehrwertsbeiträge, der Ent 
eignung usw. erließ die Regierung des Kantons Zürich eine 
besondere Verordnung. 1880 bildete sich ein „Quai-Garantie- 
Verein“, der die Mittel zur Ausführung der städtischen Ar 
beiten, namentlich der Brücke, durch Übernahme von Bau 
terrain beschaffen half. Bald darauf wurde der endgültige 
ZÜRICH 
ENSE 
BELVÖIRPARK 
ZÜRICH 
RIESBACH 
Seeauffüllung: Zürich und Vororte 1820—1925. 
Die Seefläche zwischen Zürich und Belvoirpark wurde in dieser Zeit von 170 ha 
auf 118 ha verkleinert, also um 33°/„. ln den Wettbewerb von 1873 waren ein 
bezogen vom linken Ufer 1,5 km, vom rechten 1,8 km, zusammen 3,3 km. In den 
Wettbewerb von 1925 sind einbezogen vom linken Ufer 7,1 km, vom rechten Ufer 
6,5 km, zusammen 13,6 km.
	        
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