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Volume H. 9/10

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 18.1921 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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der freien Gruppierung der vorgelagerten Einzel- und 
Gruppenhäuser anpassen. Bei dem hier bereits neu er 
richteten Gewerbeschulgebäude gibt der vorgestreckte Saal 
anbau die Überleitung von der hohen, geschlossenen zu der 
niedrigen aufgelösten Bauweise. 
Der gesamte Bebauungsplan entspringt zunächst rein 
wirtschaftlichen und verkehrstechnischen Grundlagen. Aus 
der bescheidenen Zweckerfüllung und den genau erwogenen 
örtlichen Bedürfnissen an Geschäfts- und Wohnhäusern 
und öffentlichen Gebäuden entwickeln sich ganz von selbst 
städtebauliche Anlagen, aus deren Eigenart und wechsel- 
vollen Gestaltung sich allenthalben künstlerische Werte 
schaffen lassen. 
Der Fortfall der Bahnanlage reißt in die Stadt eine 
weite Lücke. Durch die schräg auf den Bahnhof zulaufende 
neue Geschäftsstraße wird die verkehrsreiche Marktstraße 
in nahe Verbindung mit dem neuen Bahnhof gebracht und 
so die klaffende Wunde schnell wieder geschlossen. Weiter 
hin wird die teilweise, nur 9 m breite Marktstraße ent 
lastet durch Öffnung der ehemaligen Güterbahnhofstraße, 
die nur 35 m Abstand von der Marktstraße hat und das 
Neubaugebiet im Norden begrenzt. Außer Geschäftszwecken 
soll die Neubebauung hauptsächlich Wohnzwecken dienen 
und außerdem Platz schaffen für ein Sparkassengebäude, 
ein neues Stadthaus, eine städtische Badeanstalt und ein 
Stadttheater. Von einer Zusammenlegung der in Frage 
kommenden öffentlichen Gebäude ist bewußt Abstand ge 
nommen, Die Schaffung eines Forums ist nicht überall 
zweckmäßig und wirtschaftlich. Die Gebäude am Wil 
helmplatz — Theater und Hochhaus — sollen den Anfang 
bilden zur Ausgestaltung eines Platzes, mit dem der Stadt 
später einmal ein Herz gegeben werden kann ganz 
eigener Art. 
Für das geschlossen bebaute Wohnviertel ist die Straßen 
aufteilung in Nordsüdrichtung vorherrschend im Anschluß 
an das bestehende Straßennetz. Hierdurch erhalten die 
Wohnungen zum größten Teil die günstige Ostwestlage. 
Am Südende sind die Straßen weit geöffnet, in zwei Fällen 
platzartig, ein andermal mit allmählich zunehmender per 
spektivischer Erweiterung. So gewinnen die Wohnstraßen 
freien Ausblick ins Rosengartenviertel und nehmen um 
gekehrt von Süden her Licht und Sonnenwärme voll 
in sich auf, was bei dem feuchten Seeklima besonders 
wertvoll ist. 
Die Verschiedenartigkeit der Bebauung des nur 14 ha 
großen Geländes in geschlossener und offener Bauweise, 
mit öffentlichen Gebäuden, Geschäftshäusern und Wohn 
häusern in Hoch- und Flachbau bringt den Ausbau überall 
gleichzeitig in Fluß und fördert den schnellen Zusammen 
schluß der alten und neuen Teile des Stadtkörpers, Das 
ganze Stadtgebiet beim Bahnhof erhält ein abwechslungs 
reiches, eigenartiges und gegen den jetzigen Zustand voll 
ständig verändertes Aussehen. 
Für die Einordnung der öffentlichen Gebäude in den 
Stadtplan sind besondere Gesichtspunkte maßgebend ge 
wesen. Das Sparkassengebäude, dessen Errichtung am 
dringendsten ist und dessen Lage an einem Verkehrsbrenn 
punkt gewünscht wurde, liegt am Laubenplatz, wo die 
neue Hauptverkehrsader mit den alten zusammenfließt. 
Das Bahnhofs- und das Sparkassengebäude bilden die 
beiden Pole, zwischen denen sich eine neue Verkehrsbahn 
mit reichem Geschäftsleben naturgemäß entwickeln wird. 
Das Stadttheater, die Badeanstalt und das Stadthaus sollen 
erst später gebaut werden. Die Plätze dafür sind deshalb 
an Stellen vorgesehen, wo die Bautätigkeit nicht sofort 
einsetzen wird. Durch mannigfache Vorentwürfe sind die 
günstigsten Grundstücksformen und Größen, die innere 
Gestaltung und der äußere Aufbau für die öffentlichen Ge 
bäude wie auch die günstigste Parzellierung der Geschäfts- 
und Wohnhausgrundstücke ermittelt. Auf wirtschaftlichen 
Grundlagen ist versucht, das Äußerste und Beste heraus 
zuholen. Es sind keine Kulissen hingestellt. Die Bau 
gedanken sind aus der inneren Zweckerfüllung heraus 
durchforscht und zu lebenswahren Gebilden entwickelt. 
Nur ein nach allen Richtungen hin durchgearbeiteter Be 
bauungsplan gibt eine Grundlage und Gewähr dafür, daß 
kein Eckchen Bauland nutzlos bleibt, daß jedes Bedürfnis 
an der richtigen Stelle voll befriedigt wird und daß auch alle 
Wirtschafts-, Verkehrs-, Gesundheits-, Kultur- und Kunst 
interessen gewahrt werden. (Abb. im Text und Tafel 45 
rechts.) Zum Beispiel hätte die Badeanstalt auf einer von 
vornherein festgelegten Baustelle nichtso sparsam und zweck 
dienlich angelegt werden können. Die Baustelle liegt nicht 
an teurer Verkehrslage, wohl aber ln nächster Nähe, un 
mittelbar von dem verkehrsreichen Laubenplatz erreichbar. 
Die Form des Bauplatzes ist genau nach dem Bedarf 
ermittelt. Bei einer nicht planmäßig vorberechneten, son 
dern zufällig gegebenen Baustelle, ist das Bauland in der 
Regel entweder zu reichlich oder zu knapp, also unwirt 
schaftlich in seinen Abmessungen. Nur durch freie Wahl 
und Gestaltung des Bauplatzes kann ein Höchstmaß von 
Vorteilen herausgeholt werden. Hier noch die günstige 
Stellung der Schwimmhallen, die weite Öffnung der Neben 
straße gegen Süden durch die niedrig gehaltenen Trakte 
für Wannen- und Kurbäder, deren terrassenartige Dächer 
unmittelbar von den Schwimmhallen aus betreten werden 
können. Dachgartenartig ausgebildet, in geschützter Lage 
und voll besonnt geben die Terrassen Gelegenheit für Luft- 
und Sonnenbäder, welche die Badenden im Sommer in den 
geschlossenen Schwimmhallen immer schmerzlich ver 
missen. Die unmittelbare Nähe einer Seewasserspülleitung, 
welche die Schwimmbassins mit Seewasser speisen soll 
und noch manche anderen Gründe und Erwägungen waren 
für die Planung der Badeanstalt an dieser Stelle und in 
dieser Form ausschlaggebend. 
Das Beispiel deutet nur flüchtig an, daß der Bebauungs 
plan Zweckerfüllung in wirtschaftlichster Form anstrebt, 
daß er nur Wert hat, wenn er in allen Teilen seinen Da 
seinszweck voll ausschöpft. 
Bei immer gründlicherer Durchbildung bis zur Voll 
endung in der Wirklichkeit werden dann auch auf Straßen 
und Plätzen äußerlich Eindrücke entstehen, welche die 
inneren Werte harmonisch wiederspiegeln. 
Städtebaupläne lassen sich am besten beurteilen, wenn 
zu ihrer Darstellung Mittel verwendet werden, die der 
Wirklichkeit so nahe wie möglich kommen, wenn neben 
der Flächendarstellung auf dem Papier die körperliche 
Wirkung im plastischen Modell veranschaulicht wird. 
Schon in früheren Zeiten wurde dieses beste Darstellungs 
mittel mit Erfolg angewendet, besonders zur Barockzeit, 
die gerade auf städtebaulichem Gebiet hervorragendes ge 
leistet hat. 
Im Modell lassen sich die Baumassen, die Gebäude 
gruppen und Bauteile, die Straßenfluchten und die Platz-
	        
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