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Volume H. 5/6

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 18.1921 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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nun von diesen 4 Räumen der Hauptwohnraum, Sie 
wird am Tage etwa 16 Stunden benutzt (6 Uhr morgens 
bis 10 Uhr abends), während die Schafräume nur die halbe 
Zeit, also etwa 8 Stunden in Gebrauch genommen werden, 
und zwar während der Nachtzeit (10 Uhr abends bis 6 Uhr 
morgens). Ferner wird die Wohnküche oder der Haupt- 
tageswohnraum von etwa 6 Personen benutzt, die sich 
während der 16 Tagesstunden vollzählig oder zum Teil in 
ihr aufhalten, die 3 Schlafräume aber in der weit kürzeren 
Zeit nur von je 2 Personen. 
Im Tageswohnraum wird gekocht, gereinigt, gearbeitet, 
gelesen, ausgeruht u. a. m., er erfordert eine große Be 
wegungsfläche für die 6 Personen der Familie, auch hin 
sichtlich der Kinder, des Kochens und anderer häuslichen 
Verrichtungen mehr. Der Tageswohnraum bzw. die Wohn 
küche müssen daher eine große Grundfläche haben von 
mindestens 20 qm mit Sitzerker und Balkon, er muß ferner 
in Anbetracht der Menschenhäufung, der langen Benutzungs- 
^eit, der Koch- und Eßdünste, des Tabakrauchens usw. 
ungefähr die Hälfte des nach Anforderung der Hygieniker 
für eine Kleinwohnung nötigen Luftraumes von 30 cbm für 
die Person, also 6 X 15 = 90 cbm Rauminhalt umfassen. 
Die Schlafräume hingegen werden in Bewegung nur 
beim An- und Auskleiden, sowie bei ihrer Reinigung be 
nutzt, also wenige Minuten am Tage. Ihre eigentliche Auf 
gabe dient dem Schlafbedürfnis. Für die Dauer seines 
Schlafes aber liegt der Mensch im Bett, benötigt also keinen 
Bewegungsraum. Sodann halten sich in den Schlafräumen 
nicht sechs, sondern nur durchschnittlich 2 Personen auf, 
sie werden nicht bei Sonne, sondern des Nachts benutzt. 
Die Schlafräume können daher im Gegensatz zum großen 
und hohen Tageswohnraum von geringer Grundfläche sein, 
je nach Bestimmung 8—14 qm und ebenso, gute Tages 
belichtung und zureichende Lufterneuerung vorausgesetzt, 
von geringer Höhe, etwa 2,20 m, die zur freien Bewegung 
des Menschen und zur Aufstellung der Möbel ausreicht. 
Ähnliches gilt von der Spülküche, die auch nur vorüber 
gehend von wenigen Personen benutzt wird, wie auch vom 
Abort, von Zugangsfluren usw. Es stehen sich also grund 
sätzlich zwei große, getrennte Raumbegriffe gegenüber: 
große und hohe Tageswohnräume, kleine und niedrige 
Schlaf- und Nebenräume.“ 
* 
So formte sich die Idee des „Doppelstockhauses“ all 
mählich heraus, die auch den Entwürfen von Eduard 
Hallquisth zugrunde liegt und durch dessen beigefügte 
Planungen und Schaubilder näher erläutert wird. 
Der Grundgedanke des Doppelstockhauses ist folgen 
der: ein rechteckiger, ziemlich hoher Wohnungskörper ist 
seiner Tiefenausdehnung nach durch senkrechten Schnitt 
in zwei Teile zerlegt. Den vorderen, tieferen Teil in ganzer 
Höhe als Vollgeschoß nimmt der Tageswohnraum bzw, die 
Wohnküche ein. Den hinteren, kürzeren Teil bilden zwei 
Halbgeschosse, die die Schlaf- und Nebenräume umfassen. 
Durch den oberen Luftraum der Wohnküche ist unmittel 
bar an der Außenwand des Hauses ein Verbindungsgang 
durchgestoßen zu den Haupttreppenhäusern, die durch diese 
Anlage erst in großen Abständen notwendig werden. Von 
diesem unmittelbar belichteten und gelüfteten Gang aus 
gelangt man durch die Wohnungseingangstür über eine 
Galerie an den Türen der oberen Halbgeschoßräume vorbei 
auf einer kleinen Treppe in den großen Tageswohnraum 
hinab, der mit Herdnische, Sitzerker, Loggia ausgestattet 
ist. Von ihm aus betritt man die Räume des unteren Halb 
geschosses, das dritte Schlafzimmer, Spülküche, Abort. 
So zeigt sich die kleine Wohnung wie ein vollkommen 
in sich abgeschlossenes Raumgebilde, das nicht nur zu* 
reichende Nutzfläche und erforderliche Raumzahl bietet, 
sondern auch durch die Raumkontraste, die Höhenunter 
schiede, die wechselnden Ausmessungen, durch die Herd 
nische, den Sitzerker, die Loggia, wie durch die Raum 
diagonale der Treppe dem Auge und dem suchenden 
Heimempfinden wertvollen Anhalt bietet. 
Zusammenfassende Betrachtung der bisherigen Ausführ 
ungen zeigt die unzweifelhaft großen Vorzüge des Doppel 
stockhauses. Es erfüllt sämtliche Bedingungen für eine wirt 
schaftlich, sozial und gesundheitlich wirklich wertvolle Klein 
wohnung. Im Doppelstockhaus hat jede Wohnung Quer 
lüftung, dennoch kann eine beliebige Zahl von Wohnungen 
an ein Treppenhaus gelegt werden. Im Doppelstockhaus 
befindet sich kein dunkler Innenflur, ist der Verlust an 
toten Aufwendungen, d. h. an Treppenhäusern und Flur 
raum, auf ein Mindestmaß beschränkt, da sich unter dem 
Halbstock des Wohnganges noch Erker und Loggia be 
finden. Raumhöhe und Raumtiefen stehen in angemessenem 
Verhältnis zueinander, Belichtung, Lüftung und Lüftbewegung 
sind überall ausreichend gesichert. 
Der größte Wert des Doppelstockhauses aber beruht 
in der Tatsache, daß nun endlich die kleinste Wohnung 
der Großstadt einen Hauptwohnraum und drei Schlaf 
zimmer besitzt, gegenüber den jetzt üblichen völlig unzu 
reichenden Ein- und Zweizimmerwohnungen mit Küche. 
Bei gleicher Zahl von Kubikmetern umbauten Raumes, also 
bei gleichen Baukosten und Mieten steigt im Doppelstock 
haus die Nutzfläche jeder Wohnung um 33 bis 35 °/ 0 , d. h. 
ohne Mehrkosten ist ‘/a und mehr an Nutzfläche zugunsten 
des Mieters gewonnen. 
Dieser für Kleinwohnungen überaus wertvolle Zuwachs 
an Nutzraum wird durch Vorzüge anderer Art ergänzt und 
erweitert. Jede Wohnung ist ein in sich abgeschlossenes 
vollständiges Einzelhaus, ähnlich dem Einfamilienhaus der 
Flachsiedlung, an dem die gemeinsame Straße vorüberführt. 
Die Größenunterschiede und wechselnden Höhen der Räume, 
Herdnische, Sitzerker, Loggia, die Diagonale der Truppe 
im Raum ergeben in Gemeinschaft mit einer warmen far 
bigen Behandlung eindrucksvolle Raumwerte für den Mieter 
und das Gefühl einer Heimat in den Mietkasernen der 
großen Stadt. 
Die Entwürfe von Hallquisth sind weit eingehender 
und liebevoller iro Detail durchgearbeitet als die meinigen, 
die immer nur das Wesentliche geben wollten, nichts an 
deres beabsichtigten, als die Idee klarzustellen. 
Hallquisth hat in die äußeren Treppenaufgänge noch 
ein Lift cingefügt, das ich nicht vorzuschlagen wagte. Er 
hat Waschküche und Baderaum, die für jedes Geschoß 
am Treppenhaus Hegen, ebenso sorgfältig und liebevoll 
durchgebildet wie die Küchendiele der Einzelwohnung, die 
Schlafräume, die Herdnische, die Loggien u. a. m. Die Lage 
der Aborts ist bei ihm günstiger, würde jedoch nach den 
bei uns in Deutschland geltenden Bestimmungen nicht ge 
stattet werden. Auch auf die Trennung von Spielhof bzw. 
Parkhof, nach welchem sämtliche Fenster der Treppen-
	        
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