Path:
Volume H. 3/4

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 18.1921 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
30 
Wohnungen; Spandauer Wettbewerb siehe „Volkswohnung“ 
Heft 20, 1920.) Es scheint mir besser, solche stark zurück 
geschraubten Forderungen schnell und gut zu erfüllen, als 
mit unerfüllbaren Hoffnungen und vielen Planungen herum 
zu operieren und schließlich doch nicht zum Ziele zu 
kommen. Es ist allerdings nicht verständlich, daß einer 
seits eine provinzielle Siedlungsgesellschaft und Bau 
beratungsstelle auf solcher Einschränkungsbasis einen 
Musterentwurf herausgibt und an die Gemeinden zum Ge 
brauch verschickt, andererseits dann die zuständige Re 
gierungsstelle gegenüber solchen Kleinheimentwürfen 
hinsichtlich der Zuschußerteilung sich wegen der angeblich 
fehlenden „Querlüftung“ ablehnend verhält. Überhaupt 
scheint in dieser Beziehung ein Durcheinander zu herrschen. 
Hier ordnend und zielsicher einzugreifen und mit be 
stimmten Vorschlägen und Forderungen an die maßgeben 
den Stellen heranzugehen, erscheint mir wiederum aus der 
Architektenschaft heraus dringend geboten. Wir dürfen 
nicht weiter einfach Zusehen, wie in den Kohlenbezirken 
iür sogenannte Bergmannswohnungen aus dem Vollen 
heraus das Geld weggegeben wird, und wie andererseits 
in vielen Teilen unseres Vaterlandes die kümmerlichsten 
Wohnzellen für nicht minder wichtige Familien 
unterbringung zu erstehen gezwungen sind. Wer heute 
als wohnungsuchender und siedlungsmutiger Mann auftritt, 
der muß, wenn er nicht selbst schon so vernünftig ist, 
darüber aufgeklärt werden, daß er in dem verarmten 
Deutschland eben nur mehr auf ein Wohnungsminimum 
rechnen kann. Diejenigen Siedler, die in dieser Beziehung 
vernünftig vorangehen, sind die wahren Siedlungspioniere 
auf der Grundlage der Selbsthilfe, weil sie von vornherein 
freiwillig Verzicht leisten auf Dinge, die nur bei jetzt 
unerschwinglichem Mehrkostenaufwande gegeben werden 
könnten. 
Selbsthilfe. 
In diesem Sinne ist die Selbsthilfe sehr hoch einzu- 
schätzen; ja, sie ist geradezu die Voraussetzung weiterer 
erfolgreicher Siedlungsarbeit. Was die Selbsthilfe, soweit 
sie heute als Schlagwort gebraucht wird, hinsichtlich 
positiver Mitarbeit beim Hausbau anlangt, so kann 
diese nicht allgemein, sondern nur nach Lage der örtlichen 
Verhältnisse richtig beurteilt werden. Der Umstand, daß 
es dem Hauptmann Schmude geglückt ist, die Selbsthilfe 
für das Siedlungswesen im Magdeburger und manch 
anderen Bezirken (bes. Reg.-Baumeister Köster in Eisleben) 
erfolgreich auszunützen, ist noch kein Beweis dafür, daß 
man nun allgemein diesen Weg beschreiten könnte oder 
gar müßte. Zu begrüßen ist, daß vielerorts gleichartige 
Versuche namentlich von Seiten der Gemeinden unter 
Heranziehung der Erwerbslosen aufgegriffen wurden, weil 
hierdurch dieses Problem, das heute geradezu gefahr 
drohend in den Siedlerköpfen umläuft, möglichst gründlich 
und bald entweder nach der einen oder nach der anderen 
Seite geklärt wird. In Brandenburg ist ebenfalls ein Selbst 
hilfeverfahren eingeleitet, jedoch nur für die Errichtung 
von 10 Probewohnungen in verschiedener technischer Aus 
führung, Ob sich diese Selbsthilfe dann in größerem Um 
fange verbilligend anwenden lassen wird, soll dadurch 
erwiesen werden. Ich bin aber von vornherein der Über 
zeugung, daß in erster Linie das geschulte Bauhandwerk 
dazu berufen ist, Baufacharbeiten bestens und billigst aus 
zuführen, und bin weiter der Meinung, daß wir mit Über 
treibung der Selbsthilfe dieses berufene Bauhandwerk zum 
großen Teile steuerunfähig und brotlos machen und damit 
letzten Endes mit der viel gerühmten Selbsthilfe nichts 
anderes als eine Verschiebung in den Schichten der Er 
werbslosen erreichen. 
Wenn immer wieder auf den großen Wert der Selbst 
hilfe für die Errichtung des „Glücksheims“ in Lehmbau 
weise selbst von Ministerstelle aus hingewiesen wird, so 
muß man, ohne die wirklichen Vorteile des Lehmweller 
baues hintanzusetzen, aus der praktischen Erfahrung 
heraus doch bekennen, daß heute einmütig folgende drei 
Voraussetzungen für den Lehmsiedlungsbau vorhanden sein 
müssen: 1. brauchbarer (nicht zu fetter und nicht zu 
magerer) Lehm in unmittelbarer Nähe der Baustelle, 
2. trockene Witterung oder wenigstens fachgemäßer aus 
reichender Schutz während der Bauausführung, 3. fach 
kundige Leitung bei der Ausführung. Ich habe mich selbst 
durch eingehende Besichtigung und Rücksprache bei der 
Reichsversuchsstelle in Sorau orientiert und muß bei aller 
hohen Anerkennung für die dort geleistete Arbeit das prak 
tische Ergebnis für die Allgemeinheit doch einigermaßen 
fragwürdig einschätzen. Der Hauptwert der Selbsthilfe 
kommt auch dort in der Einschränkung, die sich die 
Siedler im Wohnbedürfnis auferlegen, zum Vorschein. 
Mitarbeit der Gemeinden, 
Weit höher als die Selbsthilfe der Siedler ist nach wie 
vor die Mithilfe der Gemeinden anzuschlagen, vorausgesetzt, 
daß diese Mithilfe sich in praktischer, fördernder Arbeit 
unter Heranziehung guter Architekten äußert. Zunächst 
sind die neuen Zonenbauordnungen nicht auf den aus 
schließlichen Flachbau im Stadterweiteruogsgebiet einzu 
stellen, sondern es ist dem Bedürfnis an Hochbau genügend 
Rechnung zu tragen. Jene Spar- und Bauvereine, Bau- 
gesellschaften und Bauvereinigungen, die sich früher mit 
der Erstellung von Kleinwohnungen in mehrgeschossigen 
Miethäusern sehr segensreich befaßt haben, sind in erster 
Linie wieder für den Wohnungsbau heranzuholen und zu 
unterstützen. Von den Baugesellschaften muß verlangt 
werden, daß sie auch wirklich nach dem neuzeitlichen Be 
bauungsplan ihre Siedlungen anlegen. Sogenanntes wildes 
Bauen, wie es sich leider vielerorts eingeschlichen hat, ist 
mit allen Mitteln zu unterbinden. Da die Hochbauten in 
breiteren und teueren Straßen zur Ausführung kommen, so 
sind die Anliegerbeiträge nicht allein auf die am 
Straßenrand zu bauenden Häuser zu verrechnen, sondern 
auf die eingeschlossenen großen Blockeinheiten aus 
gleichend umzulegen. Insoweit noch manche Städte die 
Anliegerbeiträge nach dem alten Straßen- und Anlieger 
beitragssystem in vollem Umfange zur Anrechnung bringen, 
ist darauf hinzuwirken, daß die in vielen Städten ein 
geführten Erleichterungen und Nachlässe allgemein zur 
Geltung kommen. Schließlich haben sich die Städte für 
die Erlangung der Reichs- und Staatszuschüsse an alle 
Baulustige werktätig einzusetzen und müssen trotz ihrer 
wenig günstigen Finanzlage aus dem Gebot der Not 
wendigkeit heraus selbst an der Zuschußleistung anteilig 
mitwirken, solange die Zwangswirtschaft im Wohnungs 
bauwesen fortbesteht. Insoweit noch nicht alle Stadt 
verwaltungen von der unbedingten Notwendigkeit überzeugt
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.