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Volume H. 1/2

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 18.1921 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
18 
in normalen Zeiten eine Regierung schwer einen Ausweg 
finden kann, der aber unter den obwaltenden Umständen 
nicht zu überwinden ist. 
Zieht man alle diese Schwierigkeiten in Betracht, so ist 
das, was Regierung, Stadtverwaltung und die bürgerliche 
Initiative geleistet haben, anerkennenswert. In erster Linie 
sind die Eisenbahnlinien, Kanäle, Landstraßen und Land 
wege wieder in brauchbaren Zustand gesetzt. Hier ist mit 
Energie und Umsicht gearbeitet worden. Alle größeren und 
die meisten kleineren Ver 
kehrswege sind benutzbar 
gemacht Der Eisenbahn 
verkehr vollzieht sich so 
regelmäßig wie vor dem 
Kriege. Die städtischen 
Trambahnen verkehren an 
vielen Orten wieder. Die 
elektrische Bahn von Laon 
nach Reims ist im Betrieb. 
Überall, wo schon neues 
Leben erwacht ist, sind die 
alten Bahnhöfe instand ge 
setzt oder — teils in primi 
tiver Art neue Bahnhöfe 
errichtet. Die Straßen der 
Städte sind wiederherge 
stellt, die Einschußstellen 
und die zerrissenen Bürger 
steige ausgebessert. 
Im Norden sind die 
Schäden am schnellsten und 
gründlichsten beseitigt. Das 
stark zerstörte Bethune, das 
1918 unbewohnbar war und 
öde und verlassen unter den 
Ruinen dalag, ist heute 
schon wieder eine lebhafte 
Stadt. In Arras wurden 1914 
4500 Häuser gezählt. 1200 
wurden im Kriege ganz, 
3200 teilweise zerstört. Alle 
diese Häuser waren 1918 
unbewohnbar. Nur etwa 
hundert Bauten sind vom 
Kriege verschont geblieben. 
Vor dem Kriege hatte Arras 
26000 Einwohner. Heute 
zählt es 50000. Teilweise 
wohnen die Bürger der 
Stadt in hölzernen Notstandsbauten, aber man beginnt 
bereits die Fassaden am großen und kleinen Platz 
wiederherzustellen. Lens zählte vor dem Kriege 35000 Ein 
wohner, heute 10000. Wie in Arras, so kann man auch in 
Lens heute schon wieder alles kaufen, dessen Städter be 
dürfen. Die Schulen und Hospitäler sind instand gesetzt. 
Ein Möbelgeschäft in Lens hat in den letzten sechs Monaten 
einen Umsatz von 3890000 Franken gehabt. Es handelt sich 
größtenteils um neue Möbel. Möbel aus dem liquidierten 
Besitz früherer Auslandsdeutscher sieht man nirgends. Viel 
seitig klagt die Bevölkerung über die Verschleppungsmanöver 
der Pariser Zentrale. Lauter erheben sich diese Klagen in 
den östlichen Provinzen, in denen die Arbeiten der Auf 
räumung und des Wiederaufbaus nicht in dem gleichen 
Maße gefördert sind. Die Bevölkerung ist nicht deutsch 
feindlich. Sie fordert von Deutschland Bezahlung der Kriegs 
schäden, ist aber mißtrauisch, ob die Zahlungen erfolgen 
werden. 
Inzwischen werden in Paris Verhandlungen geführt, die 
zu einer Umwandlung des gesamten Städtebauwesens Frank 
reichs führen sollen. Mehrere Ministerien, die Direktion 
der schönen Künste, die Provinzialstände und die Stadtver 
waltungen nehmen an diesen 
Tagungen teil, auf denen 
nach einer neuen Basis für 
den Städtebau nach wirt 
schaftlichen, gesundheit 
lichen und sozialen Grund 
sätzen der neuen Zeit ge 
sucht wird. Man weiß aus 
deutscher Erfahrung, wie 
schwerfällig ein solcher 
Ausschuß arbeitet, der sich 
aus verschiedenen Verwal 
tungsgebieten zusammen 
setzt. Alle Nachrichten, 
die bisher über diese Ver 
handlungen in die Öffent 
lichkeit gedrungen sind, be 
wegen sich daher auch nur 
in allgemeinen Andeutungen, 
die im Grunde genommen 
nicht viel mehr erkennen 
lassen als den guten Willen 
der Zentralleitung, ganze 
Arbeit im großen Stile zu 
leisten. 
Auffällig ist, daß bisher 
noch mit keinem Worte 
davon gesprochen worden 
ist, aus der großen Reihe 
junger Architekten die besten 
Kräfte zu architektonischen 
Organisatoren im Städte 
bauwesen zu berufen. 
In Frankreich haben 
sich vor etwa fünfzehn 
Jahren eine stattliche An 
zahl junger Leute von 
Malerei und Plastik abge 
wandt und zuerst der Innen 
architektur zugewandt. 
Diese tapferen, jungen Künstler sind einen schweren, aber 
nützlichen Weg gegangen. Sie haben ganz von unten an 
begonnen, haben mit eigenen Händen Stühle, Tische, Schränke 
gebaut, haben Wandbespannungen, Beleuchtungskörper und 
dergleichen mehr entworfen, sind ganz allmählich vorge 
schritten zur Ausstattung ganzer Innenräume. Von der 
Innenarchitektur sind manche von ihnen zur Außenarchi 
tektur übergegangen. Schon vor dem Kriege haben einige 
von ihnen Siedlungspläne und Villenkolonien entworfen. 
Heute entwickeln sie Städtebaugedanken — aber für sich. 
Bis jetzt hat noch keine offizielle Stelle aus diesen Kreisen 
Künstler berufen. Niemand hat sich bisher daran erinnert, 
daß auf Künstlern wie Paul Baigneres, Paul Follot, Andre 
Abb. 3. Kathedrale und erzbischöfliches Palais in Reims.
	        
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