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Volume H. 1/2

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 18.1921 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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Abend. Ja, es gibt viele, die eine besondere Lust daran 
haben. 
Dies alles zusammen nun: die steinernen Truhen mit 
den vielen Menschen, die hohen Steinspalten, die hin- und 
herziehen wie tausend Flüsse, die Menschen darin, das 
Lärmen und Tosen, der schwarze Sand und Rauch über 
allem, ohne einen Baum, ohne Himmelsblau, ohne klare 
Luft und Wolken — dies alles ist das, was der Papalagi 
eine „Stadt“ nennt. Seine Schöpfung, auf die er sehr stolz 
ist. Obgleich hier Menschen leben, die nie einen Baum, 
nie einen Wald, nie einen freien Himmel, nie den großen 
Geist von Angesicht zu Angesicht sahen. Menschen, die 
leben wie die Kriechtiere in der Lagune, die unter den 
Korallen hausen, obgleich diese noch das klare Meerwasser 
umspült und die Sonne doch hindurchdringt mit ihrem 
warmen Munde. Ist der Papalagi stolz auf die Steine, die 
er zusammentrug? Ich weiß es nicht. Der Papalagi ist 
ein Mensch mit besonderen Sinnen. Er tut vieles, das 
keinen Sinn hat und ihn krank macht, trotzdem preist er 
es und singt sich selber ein schönes Lied darauf. 
Die Stadt ist also dies, wovon ich sprach. Es gibt 
aber viele Städte, kleine und große. Die größten sind 
solche, wo die höchsten Häuptlinge eines Landes wohnen. 
Alle Städte liegen verstreut wie unsere Inseln im Meere. 
Sie liegen oft nur einen Badeweg, oft aber eine Tagereise 
weit auseinander. Alle Steininseln sind miteinander ver 
bunden durch gekennzeichnete Pfade. 
Zwischen allen Steininseln ist das eigentliche Land, 
ist das, was man Europa nennt. Hier ist das Land teil 
weise schön und fruchtbar wie bei uns. Es hat Bäume, 
Flüsse und Wälder, und hier gibt es auch kleine richtige 
Dörfer. Sind die Hütten darin auch aus Stein, so sind sie 
doch vielfach mit fruchttragenden Bäumen umgeben, der 
Regen kann sie von allen Seiten waschen und der Wind 
sie wieder trocknen, ln diesen Dörfern leben andere 
Menschen mit anderen Sinnen als in der Stadt. Man nennt 
sie die Landmenschen. Sie haben gröbere Hände und 
schmutzigere Lendentücher als die Spaltenmenschen, ob 
gleich sie viel mehr zu essen haben als diese. Ihr Leben 
ist viel gesunder und schöner als das der Spaltenmenschen. 
Aber sie selber glauben es nicht und beneiden jene, die sie 
Nichtstuer nennen, weil sie nicht auch in die Erde fassen 
und Früchte hinein- und herauslegen. 
• Wir aber, die wir freie Kinder der Sonne und des 
Lichtes sind, wollen dem großen Geiste treu bleiben und 
ihm nicht das Herz mit Steinen beschweren. Nur verirrte 
kranke Menschen, die Gottes Hand nicht mehr halten, 
können zwischen Steinspalten ohne Sonne, Licht und Wind 
glücklich leben. Gönnen wir dem Papalagi sein zweifel 
haftes Glück, aber zertrümmern wir ihm jeden Versuch, 
auch an unseren sonnigen Gestaden, Steintruhen aufzu 
richten und die Menschenfreude zu töten mit Stein, Spalten, 
Schmutz, Lärm, Rauch und Sand, wie es sein Sinn und 
Ziel ist. 
DER WIEDERAUFBAU IN DEN ZERSTÖRTEN 
GEBIETEN NORDFRANKREICHS. 
Von OTTO GRAUTOFF. Hierzu die Tafeln 9—10. 
Eine Fahrt durch die zerstörten Gebiete des nördlichen 
Frankreichs gehört zu den schmerzlichsten Eindrücken, die 
den Fremden in Frankreich erwartet. Man fährt durch ein 
Ruinenfeld, durch Dörfer und Städte, die in Schutt und 
Asche liegen, aus denen hier und da aufragende Pfeiler 
an Kirchen, hohe, melancholische Mauerflächen an Rat 
häuser oder sonstige städtische Bauten erinnern. In diesen 
Trümmern suchen Menschen nach Andenken an ihre Habe, 
oder sie bemühen sich, die Grenzen ihres Besitztums aus 
findig zu machen. Aus einzelnen eingestürzten Hausern 
wird der Schutt herausgeholt. Zerschossene Häuser werden 
wieder instand gesetzt. Terrainverschiebungen werden aus 
ausgeglichen, Wege und Landstraßen gangbar gemacht. 
Man spürt in den Aufräumungsarbeiten und in dem 
Wiederaufbau keineswegs immer ein System, nicht immer 
organisierte, zielbewußte Arbeit, die von einer Stelle aus 
angeordnet und geleitet wird. Das ließe sich leicht tadeln. 
Allein nur ein oberflächlicher Beobachter wird das tun. 
Wandert man selbst durch Dörfer und Städte, wird man 
sich des ungeheueren Umfangs dieses großen Unglücks be 
wußt, wird auch ratlos und wüßte nicht, wo man anfangen 
sollte. 
Der Staat ist eigentlich dazu da, die Hilflosigkeit der 
einzelnen Bürger zu Überwinden, ihnen Stütze und Halt zu 
bieten; aber die französische Regierung leidet zurzeit unter 
den schwersten Geldnöten. Gleichzeitig werden unermeß 
liche Anforderungen an dieselbe Regierung gestellt. Zahl 
lose Nationaldenkmäler befinden sich in ernster Lebens 
gefahr. Für ihre Rettung und Erhaltung mußte der Staat 
allein 36 Millionen flüssig machen, die sich folgendermaßen 
verteilen: 3 Millionen für das Departement de l’Aisne, dar 
unter 400000 Franken für die Kathedrale in Soissons und 
650000 Franken für das Kollegium in Saint-Quentin, 700000 
Franken für die Kunstbauten in den Ardennen, 3 Millionen 
für den Pas de Calais, davon die Hälfte für Arras, je X '/ 2 
Millionen für die Somme und die Oise, je Vj 2 Millionen für 
die Marne und Maas, 1 Million für die Meurthe und Mosel, 
1 Million für den Norden usw. Dieser Gesamtbetrag, der 
nur für die ersten, dringenden Notstandsarbeiten ausreicht, 
übersteigt die Gesamtsumme des Budgets der Denkmal 
pflege um das Sechsfache. 
Ein weiteres Hindernis, die Arbeiten schneller zu fördern, 
ist der große Mangel an männlichen Arbeitskräften, der sich 
in Frankreich besonders in der Provinz fühlbar macht. Die 
vorhandenen Arbeitskräfte sind nicht alle geeignet für Lei 
stungen, die beansprucht werden. Hinzu kommt, daß die 
großen und wohlhabenden Industriellen vor allem den Wie 
deraufbau ihrer Fabriken betreiben. Sind die Fabriken 
wieder instand gesetzt, so wird die Industrie wieder auf 
genommen. Dadurch aber werden dem allgemeinen Wie 
deraufbau von neuem wertvolle Arbeitskräfte entzogen. 
Dieser Erwägung wird entgegengehalten, daß die Wieder 
aufnahme der Industrie für Frankreich auch eine Lebens 
frage sei. So ergibt sich ein circulus vitiosus, aus dem schon
	        
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