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Volume H. 1/2

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 18.1921 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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Abb, i. Germersheim. Stadtbild 15, 
platz zahlloser Kämpfe und diese wiederum für die Be 
wohner eine Quelle ständiger Kriegsnot waren. Im Mittel- 
alter hatte sich die Stadt, wie andere Städte und Ortschaften 
in jener Zeit, zu ihrem Schutze umwehrt mit starken Mauern, 
die nach Merians Stadtbild in der Topographie der Pfalz 
aus dem Jahre 1645 von stattlichem Umfang gewesen sein 
müssen. Die mittelalterlichen Befestigungen sind frühe zu 
grunde gegangen. Nach ihnen sah die Stadt namentlich in 
den Kämpfen mit Franzosen in ihrer Gemarkung starke, 
aber unständige Feldbefestigungen. Wohl hatte Vauban 
gegen Ende des 17. Jahrhunderts den Plan, — die Zukunft 
Germersheims gewissermaßen vorausahnend — diesen Rhein 
übergang als starke Festung auszubauen; allein er drang 
mit seinen Ideen nicht durch. Erst später nach Beendigung 
der Freiheitskriege, zu Anfang des vorigen Jahrhunderts, 
wurde das Vauban’sche Projekt wieder aufgegriffen und die 
Stadt Germersheim zur Festung bestimmt: als Stromsperre 
und Brückenkopf am Rhein. Der Festungsbau begann im 
Jahre 1832 und wurde zu Ende geführt im Jahre 1855. Die 
Festung gab der Stadt ihr Gepräge. Von Nutzen war aber 
die Festungseigenschaft für die Stadt nicht. In der Zeit, 
als nach 1870/71 die Gemeinwesen im Reiche einen mäch 
tigen Aufschwung nahmen, war es Germersheim versagt, 
an der allgemeinen Entwicklung teilzunehmen, da es ihm 
infolge der Rayonbeschränkungen unmöglich gemacht war, 
über seine Festungsgrenzen hinauszuwachsen. Erst un 
mittelbar vor dem Kriege wurden die Fesseln gelockert: 
der innere Ring wurde als Festungsbestandteil aufgegeben 
und die Rayongrenze um ein beträchtliches Stück hinaus 
geschoben. Heute sind auch die letzten Beschränkungen 
beseitigt, da Germersheim nicht mehr Festung sein darf. 
Der dadurch bedingte vollständige Wegfall der Rayongrenze 
vermag den Generalbaulinienplan nicht zu beeinflussen, da 
dieser Plan nicht über jene Grenze hinausgehen sollte. 
Lage der Stadt. Germersheim liegt unter 49° 13' nördl. 
Breite und 8° 22' östl. Länge (von Greenwich) auf einer 
Höhe von 106,707 über Normalnull. Der größte Teil der 
Stadt erhebt sich um 10—14 m über den mittleren Wasser 
stand des Rheins, der in einer Entfernung von 600 m an 
der Stadt vorbeifließt. 
Bevölkerung. Die Bevölkerung zählte im Jahre 1875: 
6455 Personen, im Jahre 1910: 5838 Personen, also eine 
Bevölkerungsabnahme: die Folge der früheren Rayon 
beschränkungen. 
Plan und Bild des heutigen Bestandes der Stadt. 
Der heutige Bestand der Stadt läßt sich in zwei Hälften 
teilen: die nördliche Altstadt und die südliche Neustadt. 
Die Altstadt zeigt den typischen Charakter mittelalter 
licher Stadtbildungen: gewundene und gebrochene Straßen, 
Gebäudevor- und Rücksprünge, Straßenverengungen und 
-erweiterungen. 
Von der Altstadt hebt sich scharf ab die planmäßig 
ausgebaute Neustadt. Der Baukondukteur Dyk hatte als 
Vorstand der Zivilbaubehörde im Jahre 1834 den Plan für 
die Neustadt entworfen und hierzu eine Bauordnung aufge 
stellt. Die Straßen schneiden sich meist rechtwinklig, die 
Baublöcke haben strenge, reguläre Form. Die Regelmäßig 
keit hat auch nicht eine Spur von Schematismus; die 
Straßenbilder sind vielmehr bei aller Anspruchslosigkeit 
von guter, freundlicher Wirkung. Die Tradition des Bau 
kondukteurs Dyk darf daher auf eine Fortsetzung ihres 
Systems Anspruch machen umsomehr, als diese Form der 
Planung den heutigen, städtebaulichen Bedürfnissen am 
besten entspricht. 
Erweiterung der Stadt, So gut die Vergangenheit 
für die äußere Form: für das Kleid zum Körper, Richtung 
zu geben vermochte, so wenig ließ sie Schlüsse zu auf die 
künftige Entwicklung des Körpers selbst. Wie wohl selten 
eine Stadt ist das heutige Germersheim infolge seiner jahr 
zehntelangen Umschnürung ein in sich vollständig ge 
schlossenes Gebilde. Es fehlen ihm die Verästelungen nach 
außen, welche die Wachstumskräfte einer Stadt zum Aus-
	        
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