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Volume H. 11/12

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 18.1921 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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Folgen haben. Dies besonders deshalb, weil die volle Aus 
wirkung städtebaulicher Maßnahmen oft erst späterer Zu 
kunft Vorbehalten bleibt. Die schweren Sorgen, die wir mit 
verfehlten Bau- und Grünplänen früherer Generationen täg 
lich erleben, sollten doch unsere Wachsamkeit und unsern 
Weitblick aufs äußerste schärfen. 
Wir können nicht ganze Stadtteile, Siedlungen, Parks 
und Friedhöfe wie Kreide von der Wandtafel fortwischen 
und bessere hinsetzen. 
Die städtebauliche Grüntätigkeit der freischaffenden 
Gartenarchitekten wird künftig mehr als bisher Beachtung 
verdienen. Wer Gelegenheit hatte, den Spuren dieser Pio 
niere in den verschiedenen Teilen unseres Vaterlandes nach 
zugehen und sie bei ihrer stillen abseitigen, oft recht un 
dankbaren Arbeit zu beobachten, wird finden, daß das, was 
in der Stadt geschaffen wird, nur ein Bruchteil des Ganzen 
ist. Für die meisten „Städter“ hört aber die Kultur bei der 
Endstation der Straßenbahn auf. Und doch würde die Stadt 
auch geistig und seelisch verhungern und erkranken, wenn 
ihr nicht vom Lande jene gewissen, sich ständig verjüngen 
den und erneuernden Kräfte zuströmten. Eine Zeitlang 
bedrohten allerdings die kranken Dünste der Städte die länd 
liche Kultur sowohl im Bau- wie im Gartenwesen. Die 
ländlichen Ortsverschönerungsversuche wohlmeinender Ver 
eine nach städtischem Muster haben sich bis heute noch 
nicht überall zum Besseren wenden lassen. 
Hier setzte zähe stille Arbeit der Gartenarchitekten ein. 
Mühsame Aufklärungsarbeit war nötig, um wieder natür 
liche, gesunde Ansichten zu schaffen. An Stelle von blumen- 
beet- und bunten gehölzverzierten Teppichrasen — Blau 
fichten und Blutpflaumen mit weißem Eschenahorn waren 
sehr beliebt — träumt wieder unter blühenden Linden der 
stille Anger, Da gab es vorhandene Naturschönheiten zu 
schützen oder zu erhalten. Oder mit kärgsten Mitteln, oft 
unter Verzicht auf klingenden Lohn wurden Grundlagen 
zu Garten- und Naturschönheiten für kommende Geschlech 
ter geschaffen. Mit Wenig mußte Viel geleistet werden. 
Von den ungezählten Kleinstadt- und Landfriedhöfen, die 
des städtischen Fabrikschundes und gärtnerischer Mätzchen 
entkleidet, einer edlen Kultur anheimgegeben wurden, er 
zählt keine Statistik, kein Buch — keine Zeitung. Und 
von hier wird die Revolution auf das Grün der Großstädte 
losmarschieren. — Man denke ja nicht, daß die Arbeit 
draußen leichter sei. ln der Stadt fließt das Geld leichter, 
und die Stadtväter der kleineren Gemeinden nehmen es bei 
Verhandlungen an Widerstandskraft mit ihren städtischen 
Kollegen mehr als. reichlich auf, 
Das Landleben ist die Schule der Sparsamkeit. Dort 
können wir für die Stadt in heutiger Zeit — wenn auch 
nicht alles — doch sehr viel lernen. 
Daß auch unter solchen Umständen, wo für Zier und 
Tand und umständliche Pflegearbeit die Mittel fehlen, ein 
fache große Wirkungen sehr wohl erreichbar sind, mochte 
ich an den beigefügten Bildern von Arbeiten des Hambur 
ger Gartenarchitekten Jacob Ochs erläutern. Rasen, Baum, 
große Sträucher und einfachste Hecken genügen. Das 
Mauerwerk der Terrassen ist reichlich berankt. Wo es die 
Mittel erlauben, mögen einfache Brunnen und Aussichts 
häuschen eingefügt sein. Wege sollen nur dort sein, wo 
sie wirklich gebraucht werden. Ein gelegentliches Über 
schreiten der Wiese schadet ihr nichts, Spiel- und Weide 
flächen wird man überhaupt nicht durch Wege zerschneiden. 
Die Unterschriften der Bilder dürften auf das Wesentliche 
genügend hinweisen. Man lasse sich bei den Bildern mit 
den Aussichtshäuschen nicht durch die Wirkung der Archi 
tektur ablenken und denke sich die Lindenlaubengänge bis 
an die Stelle dieser Bauten fortgesetzt, wo ihr Dach viel 
leicht kuppelartig erhöht wäre. Die Wirkung wäre bei 
dieser einfachen Pflanzung noch reiner und stärker. — Die 
räumliche Wirkung des Reitplatzes mit seinen geschorenen 
hochstämmigen Lindenwänden erinnert fast an einen Ar 
kadenhof. Hier ist durch Vermeidung einer Beschattung 
von oben ein Trockenhalten des inneren Platzes gewähr 
leistet. Auch sonst zeigen uns die Bilder, wie man schattige 
Wege schaffen kann, ohne auf der übrigen Fläche die Vege 
tation durch Überschattung zu behindern: Punkte, die bei 
öffentlichen Anlagen gar oft nicht beachtet werden. 
Die streng regelmäßige Pflanzung dieser Parkanlagen 
hebt sich wohltuend von der noch oft üblichen „landschaft 
lichen“ Schablone ab und läßt uns neue schönere Gestal 
tungsmöglichkeiten für die Zukunft vorausahnen. Dem 
malerischen Reiz auch großer, frei wachsender Vegetation 
wird bei alledem voll Rechnung getragen. 
Im übrigen mögen die Bilder für sich selbst sprechen. 
Kleinere städtische Schmuckanlagen stehen heute noch 
unter denselben Schönheitsgesetzen wie früher zu Zeiten 
hochstehender Kultur. Erst wenn sich überall wieder die 
Erkenntnis durchgesetzt hat, daß ein frei wachsender 
schöner Einzelbaum oder eine Gruppe solcher im Straßen- 
und Platzbild mehr Wert hat und stärker wirkt als eine 
niedrige gärtnerisch noch so sehr verzierte Fläche, beginnt 
die Gesundung. Die Voraussetzung dazu muß allerdings 
schon bei der Bearbeitung der Bebauungs- und Flucht 
linienpläne geschaffen werden. 
Neuere Bebauungspläne haben auch schon mit der 
Reform des Vorgartenwesens in mehrgeschossigen Reihen 
hausstraßen begonnen. Vorgartenland ist Straßenland. 
Also sollte es auch gemeinnützig behandelt werden. Man 
erwäge die Vorgärten eines ganzen Straßenzuges — unbe 
schadet des Eigentumsrechtes der Besitzer — bis zur Bau 
flucht als einheitlichen Grünstreifen ohne Gitter und Tren 
nung zu behandeln. Wenn die Besitzer die — nicht 
unbeträchtlichen — Kosten für Gitter nebst Sockel, Zugangs 
wege zum Haus, Bodenvorbereitung und Pflanzung, ebenso 
die Kosten für die alljährliche Pflege der Einzelstücke 
genossenschaftlich zusammenlegten, würde sehr viel mehr 
herauskommen, als gebraucht würde, um durch einheit 
liche Anlage und beste Pflege die Straßen zu Musteranlagen 
ihrer Art zu machen. Einige malerische Bäume und große 
derbe Blütensträucher im Rasen, besonders aber reichliche 
selbstklimmende Berankung der Hauswände würden selbst 
bei bescheidenen Mitteln mehr erreichen als die stereotypen 
Alleen und fast stets verunglückten Einzelgärtchen hinter frag 
würdigen Einfriedigungen. Erst bei niedriger, sich öffnender 
Bebauung, wo der Besitzer etwas auf seinen Garten hält, 
können wir auf die „Sozialisierung“ der Vorgärten verzichten. 
Auch bei unseren Friedhöfen sind wir der Lösung des 
Problems um keinen Schritt nähergekommen. Sowohl 
Architekten als auch Gartenarchitekten haben — das haben 
die Wettbewerbe gezeigt — viel schöne und überaus reiz 
volle Einzelheiten für den Friedhof geschaffen. Wir sollten 
uns aber nicht der Tatsache verschließen, daß der Fried 
hof kein Beieinander schöner Teile sein soll, sondern ein 
einheitlicher Organismus,
	        
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