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Volume H. 7/8

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 17.1920 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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eine Hausreihe vom Kirchplatz, doch der 
alte Zugang zu diesem blieb erhalten. Ge 
meinsam mit der Kirche ist er der Mittel 
punkt der Stadt, von dem sie sich aus 
breitete mit dem Wachstum des Handels. 
Die beiden Beispiele zeigen, wie die 
Marktplätze der westfälischen Städte in der 
Hauptsache aus der Wirkung der Kirchen 
entstanden sind, wie sie ihrem Wesen nach 
sich selbständig behaupteten und doch eines 
das andere beeinflußte als eigenartige städte 
bauliche Momente. In ihnen beruht das 
Wachstum der Städte und zugleich auch, 
als Erbe für uns, nicht nur ihre Schönheit, 
sondern auch die Pflicht, sie ihrer Eigenart 
entsprechend zu erhalten und auszubauen. 
Die natürlichen Grenzen ihrer Wechsel 
wirkung zu zerstören heißt beiden ihr 
Wesen rauben, das darin beruht, den 
Frieden des geweihten Ortes mit dem Ge 
triebe des Handels, des Gewerbefleißes, des 
frohen Lebens zu vereinen, ohne sie zu 
stören. 
BAUET RÄUME, KEINE ZELLEN! 
Von JAKOB DETLEF PETERS, Architekt, Altona. 
Das Siedlungsproblem ist schon zur Genüge von den 
verschiedenen Standpunkten betrachtet und bearbeitet worden, 
vom wirtschaftlichen, städtebaulichen, bautechnischen, 
bodenreformlichen usw., nur von dem einen nicht: vom 
seelischen Standpunkte aus. 
Steht ein Architekt vor der Lösung einer Wohnungs 
aufgabe, so hat er hierzu den Charakter und die Lebens 
gewohnheiten des Bewohners zu studieren. Ist er einer, der 
hohe idelle und sittliche Gesichtspunkte mit seinem Wirken 
verbindet, wird er bestrebt sein, mit der Lösung seiner Auf 
gabe die Bewohner zu Höherem emporzuführen. Er wird 
versuchen, althergebrachte Lebens- und Wohngewohnheiten 
klarer, präziser im neuen Hausorganismus zum Ausdruck 
zu bringen. Sich dessen bewußt, kulturell fördernd zu 
wirken, hat er zunächst das Problem des Raumes, Wohn- 
leibes, zu bewältigen, denn alle andern Dinge sind mehr 
oder weniger zivilisatorischer Art. 
Wohnräume für seinen Mitmenschen zu schaffen, er 
fordert ein starkes Fluidum mit dem Bewohner selbst. Und 
wo dieses nicht in persönlicher Beziehung geschehen kann, 
weil der Architekt bei Kleinhaussiedlungen einer ganzen 
Gruppe gegenübersteht, hat er sich mit dem Innenleben 
dieser eingehendst zu beschäftigen. 
Wie eng Gefühlsleben und Raum miteinander verbunden 
sind, in Wechselwirkung stehen, mag daran ersehen werden, 
daß ein Mensch, der in großen Räumen geboren und auf 
gewachsen ist, nicht imstande ist, ohne enorme seelische 
Depression einen Tag in der Wohnung eines Großstadt- 
Arbeiterviertels zu atmen. Das Deprimierende ist nicht 
allein das sogenannte Milieu, es ist ebensoviel die räumliche 
Beengtheit, die Wände, Steine ringsum, die immer zu er 
drücken willens scheinen. 
Und in diesen Zellen leben Menschen jahraus, jahrein. 
Sie fliehen von den Akkord-Arbeitsstellen, die beengt, weil 
jede unnütze größere Bewegung an ihrem Verdienste frißt, 
durch Straßenfluchten in Schluchten, die man Wohnterrassen 
nennt; gelangen in ihre Behausung, Wohnung — Zellen! — 
so eng, daß der Mann mit der einen Hand den Rock an den 
Kleiderhaken hängen kann, während er mit der andern seine 
Frau am Küchenherd begrüßt. 
Brauchen wir uns denn zu wundern, wenn er eines Tages 
aufbrüllt, beide Hände gegen die Wand stemmt und die 
Zelle sprengt? 
Dies ist geschehen. 
Wir haben den Zustand schon seit Jahren erkannt, — 
bauen Arbeitersiedlungen auf dem freien Lande. 
Doch — bemühen wir uns schärfer zu sehen: ist es 
denn bisher wirklich besser geworden, haben wir dieser 
seelischen Evolution wirklich Rechnung getragen ? 
Es scheint doch nicht! 
Denn die Bau wissenschaft hat nach zehnjähriger eigener 
Erfahrung und solcher aus England, Holland und Amerika 
festgestellt: eine Wohnküche braucht nur(?) qm groß zu 
sein, ein Wohnraum genügt mit (?) qm. Ist es nicht 
genau dasselbe wie früher? Stellen wir nicht die Wände aui 
dem flachen Lande wieder ebenso eng um den Menschen, 
daß er sich gerade noch bewegen kann, — sind es nicht 
wiederum Zellen ? 
Denken wir nur einmal an den Wohnraum, der im 
Mindestausmaß hergestellt wird und in den Langseiten die 
Fenster, gegenüber eventuell zwei Türen hat! Dahinein 
kommt der Arbeiter mit seinen Möbeln, die in ihren Ab 
messungen immer noch die bürgerlichen Grundmaße haben. 
Was bleibt denn noch als Bewegungsraum übrig? Was kann
	        
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