Path:
Volume H. 5/6

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 17.1920 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
wie zweifelhaft und werden hierbei durch die als „Ab 
schluß“ vorgepflanzten Baumreihen noch nachdrücklichst 
unterstützt. Die Mehrzahl der Blockbewohner aber müßte 
sich einige Meter weit aus den Fenstern hängen, um einen 
Blick ins vielgepriesene Grün zu erhaschen. Da der 
menschliche Organismus hierauf noch nicht eingerichtet 
ist, ist eine solche Anordnung völlig wertlos, solange noch 
die Blocks als lange Rechtecke gebaut werden, die eine 
Schmalwand nach der Grünanlage zu öffnen. Ehe nicht 
die Blockanlage im Grundriß und im Aufbau so 
wie in der kubischen Durchbildung sich staffel 
förmig zum Grün hin öffnet und so mit ihm unlösbar 
verwächst (oder einfach aber kühn diagonal statt 
rechteckig gestaltet wird), solange kann von einer 
günstigen direkten Beeinflussung der Klein 
wohnungen durch Grünanlagen keine Rede sein. 
Dann aber wird das Grün kein Streifengrün mehr sein, 
sondern Raumgrün, und die städtebaulichen Methoden der 
Gegenwart werden auch in diesem Punkte einer grund 
legenden Umgestaltung dringend bedürfen. 
Kann es noch immer eine Frage sein, wo der Kern des 
städtebaulichen Problems der zukünftigen Großstadt zu 
suchen ist? Die grundsätzliche Neugestaltung des Klein 
wohnungswesens ist eine der ernstesten, wenn nicht das 
ernsteste Problem der Volkswirtschaft unserer Zeit wie der 
Zukunft. Man verfolge die innerpolitischen Bewegungen, 
die ausnahmslos irgendwie mit dieser Materie in Verbindung 
stehen. Der heutige Zustand ist eine Quelle der Krankheit, 
der Enge, der Not, des Hasses und der Revolte, Kann es 
für irgendeinen unter uns eine schönere und größere Auf 
gabe geben, als mitzuarbeiten an diesen Dingen, die für 
die Zukunft der Nation von denkbar größter Bedeutung 
sind? Es ist Unsinn, die Großstädte zurückbilden, aus 
löschen oder flachwalzen zu wollen. Sie sind zwangs 
läufige Bildungen des Wirtschaftssystems unserer Zeit, ge 
boren aus der rapiden Entwicklung von Industrie und 
Handel bei gleichzeitigem Rückgang der Landwirtschaft 
und sind fest im Grundgefüge der Vergangenheit verankert. 
Die Großstädte werden im Gegenteil eine weitere 
Zunahme und Ausdehnung erfahren und damitnoch 
entscheidender wie heute zu Brennpunkten der 
innerpolitischen und außenpolitischen Entwicklung 
werden. Die Großstadt bekämpfen, heißt diese 
starke Konzentration kulturbiidender Faktoren 
hinwegleugnen, die sie nun einmal ohne jeden 
Zweifel repräsentiert. Aufgabe ist allein, den 
Zusammenhang der Großstadtbildung mit den 
nationalen und weltwirtschaftlichen Notwendig 
keiten zu erkennen und die Organisation der 
Großstadt danach aufzubauen. 
Auch von diesem Pole aus hat das Kölner Problem 
von keiner Seite aus Durchbildung erfahren. Köln ist ein 
noch immer im starken Wachsen begriffener Groß 
organismus, und dessen Durchbildung und Formgestaltung 
ist nicht nur für Köln, für das Rheinland als Grenzland 
zweier noch feindlicher Völker, sondern für die handels 
politische und staatenbauliche Entwicklung Europas von sehr 
wesentlicher Bedeutung. 
Der Vertrag von Versailles ordnet im Artikel 180 die 
Schleifung der Kölner Festungswerke an, wodurch die 
Voraussetzungen zur räumlichen Ausdehnung der Stadt 
gegeben sind. ; Gleichfalls durch Bestimmung des Ver 
sailler Friedens werden die Seehafen-Ausnahmetarife für 
Bremen und Hamburg beseitigt und im gleichen Augen 
blicke der Rhein internationalisiert. Es ist hier nicht der 
Ort, um die auf dieser völlig neuen Basis notwendig ein 
setzende Entwicklung Kölns eingehender zu behandeln. 
Von Bedeutung ist noch die Tatsache, daß die kanalbau 
lichen Bestimmungen des Friedensvertrages Deutschland 
die Fortführung des geplanten Schelte-Rhein-Kanals auf 
erlegen, wobei das südliche Kanalprojekt mit Köln als 
Mündungsort die meisten Aussichten zu haben scheint. 
Hierzu tritt Kölns Bedeutung als Kohlenumschlagplatz. 
Es ist nach alledem mehr wie wahrscheinlich, daß 
ein weitblickender Volkswirt über jenes Gelände an 
einer der bedeutendsten europäischen Menschen- und Güter 
verkehrsstrecken und ihren Haltepunkten ganz anders dis 
poniert hätte, wie es vom Standpunkt des Stadtbau 
fachmannes aus geschehen ist. Dann aber hätte die 
Gesamtplanung des Umlegungsgebietes von Köln von viel 
weitsichtigeren und unendlich großzügigeren Grundlagen 
ausgehend wie heute zu einem ersten und entscheidenden 
Schritte auf dem Gebiete einer neuen Stadtbaukunst der 
Zukunft führen können, und diese soviel diskutierte und so 
wenig vollverstandene Materie hätte von über ihr liegenden 
Gesichtspunkten aus die denkbar stärksten und fruchtbarsten 
Anregungen erfahren können. Noch ist es nicht zu spät, 
und es ist wohl der Hauptwert der Arbeit von Professor 
Bonatz, daß das Problem Groß-Köln noch einmal grund 
sätzlich aufgerollt wird und daß es dann vielleicht weit 
weniger in den jeweiligen Lösungen als schon bereits in 
der Aufgabenstellung ganz anders angesehen wird, wie 
heute. Dann, aber nur dann auch, könnte Köln so ein 
Großstadtkörper unserer Zeit ebenso wie der Zukunft 
werden, der, an einem entscheidenden Brennpunkt des 
Weltgeschehens liegend, seiner kaum hoch genug zu 
schätzenden Aufgabe auch gewachsen wäre. (Siehe auch: 
Alfons Paquet: „Der Rhein als Schicksal“. Kurt Wolff 
Verlag, München 1920.) 
Die Bausteine aber, aus denen ein solcher 
Riesenorganismus zu errichten ist, wenn er ge 
sund, lebensfähig und arbeitsfreudig sein soll, 
sind die Wohnzellen, die Volkswohnungen. Heute 
sind diese Zellen krank. Wollen wir an einer 
solchen Aufgabe verzweifeln, deren Lösung das 
Fundament einer besseren Zukunft bedeutet? 
Wollen wir aus Verzweiflung, aus Mangel an 
Interesse und Energie, ausRespekt vor traditionell 
Schlechtem, aus Rücksichten auf eine eventuelle 
Umwertung der Grundrente und des Bodenkredites 
uns einreden, es wäre nun einmal unmöglich, an 
diesen Dingen etwas zu ändern? Wollen wir auch 
hier warten, bis uns endgültiger Zusammenbruch 
rücksichtslos zum Neugestalten zwingt? Ob wir 
nun wollen oder nicht? 
Vielleicht ist es nicht ohne Wert, einmal mit Schärfe 
diese Fragestellung festzulegen in der Hoffnung, daß sich 
ernsthafte und zuversichtliche Köpfe finden, die sich in 
leidenschaftlicher und hingebender Arbeit um ihre Be 
antwortung bemühen. Denn eine Antwort ist möglich, 
H. de Fries.
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.