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Volume H. 5/6

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 17.1920 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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punkt für das zukünftige Schaffen auf dem Gebiete der 
Stadtbaukunst sein kann. Es ist Aufgabe der Leser, diese 
verschiedenen Arbeiten für denselben Zweck zu vergleichen 
und dabei zu einer kritischen Würdigung und Wert 
bestimmung zu kommen. Eine allgemeine Mehrheit für 
einen der Entwürfe wird sich hierbei kaum ergeben, denn 
nach guter deutscher Art hat die doch noch recht junge 
Materie des modernen Städtebaues in Deutschland schon 
längst eine Anzahl von Sonderrichtungen, die sich zumeist 
um irgendeine der auf diesem Gebiete erfolgreichen Per 
sönlichkeiten scharen und einen Unterteil der Gesamtaufgabe, 
wie z. B. das Grünflächenproblem oder die Verkehrstechnik, 
besonders betonen. Am Wesentlichen wird hierbei oft 
vorbeigetappt. Um aus den Kölner Entwürfen nur einiges 
zu erwähnen, so könnte man z. B. den Eindruck festhalten, 
daß der Entwurf Schumacher noch zu stark von Prinzipien 
des Hochbaues, vor allem von der Art bestimmter Haus 
grundrisse beeinflußt und daß der erste Eindruck eine Ver 
knüpfung solcher Grundrisse zu städtebaulichen Maßstäben 
zu ergeben scheint. Oder daß seine Projektierung von 
Monumentalgebäuden in den Mittelachsen und Blickpunkten 
allzusehr auf schöne Einzelbildwirkungen ausgeht und den 
Eindruck des in seinem Landschaftscharakter betonten 
Grüngürtels notwendig zerstören muß. Was Professor 
Schumacher will, das scheint die Durchwachsung der 
Wohnanlagen mit Grünflächen zu sein. Aber er hat diese 
wertvolle Absicht wohl nicht weitgehend genug durch 
geführt, um überzeugen zu können. Bei der letzten Aus 
wirkung seiner Planidee wäre er zwangläufig zu noch 
stärkeren Auflösungen großer Blockeinhelten gekommen, 
sein Lageplan hätte den Eindruck eines mehr zufälligen 
Zusammenhanges von Motiven verloren, und er würde in 
einem bestimmten Stadium seiner Arbeit vor überraschend 
neuartigen Problemen gestanden haben. Die Richtung 
seiner Arbeit ist demnach von zweifellosem Wert, doch 
fehlt ihr jene überzeugende, rücksichtslos durchgreifende 
Verfolgung, die allerdings genötigt hätte, die üblichen 
Bahnen der Stadtbaukunst zu verlassen. 
Der in diesem Hefte wiedergegebene Entwurf von 
Professor Bonatz schlägt den gegenteiligen Weg ein, und 
zwar gleichfalls ohne ihn entschlossen bis zu * Ende zu 
gehen. Seine Arbeit besticht beim ersten Eindruck durch 
die sehr große Ruhe und Geschlossenheit. Er hat die Ge 
bäudemassen einerseits, die Grünflächen andererseits zu 
großen Einheiten zusammengebunden. Manchmal zu weit 
gehend; so war es wohl z. B. kaum richtig, den jetzt vor 
handenen großen eilten Obst- und Baumgarten in der west 
lichen Verlängerung der Stadtgarten-Unterführung am 
Rande des Umlegungsgebietes fast ganz in einen Wohn 
block aufgehen zu lassen. Bei dieser starken Konzentration 
aber, die einen mächtigen Grüngürtel um den eigentlichen 
Kern von Köln legt, hat Professor Bonatz zu wenig auf 
den Umstand geachtet, daß städtebauliche Werte außer 
ordentlich empfindlich und relativ sind. So dürfte der 
Grüngürtel im wesentlichen zu breit geraten sein, indem er 
eine organische Verbindung des inneren und des äußeren 
Stadtbezirkes von Köln unmöglich macht. Der Großstadt 
organismus erleidet eine Störung, die besonders westlich 
seiner Anlage des Aachener Torbahnhofes fühlbar wird. 
Bonatz hat den Grüngürtel einfach möglichst breit geplant, 
ohne Rücksicht darauf, ob diese Breite noch einen Wert 
hat oder bereits nachteilig wirkt. Ein Spaziergang im 
Berliner Tiergarten'macht fühlbar, daß das Auge breitere 
Grünanlagen wie etwa 120, höchstens 150 m nicht konzipieren 
kann, und er selbst scheint einiges davon gefühlt zu haben, 
indem er den schwer zu bewältigenden Leerraum mit 
Schrebergärten, Sportplätzen usw. füllte. Seine Idee der 
Konzentration von grün wäre vielleicht zu weit stärkerer 
Wirkung gelangt, wenn er sie nicht genau parallel zum 
kreisförmigen Ablauf der Ringanlagen disponiert hätte, zu 
mal ein Verkehr in Ringrichtung kaum stattfinden wird, 
im Interesse der Anlagenwerte auch kaum erwünscht sein 
kann. Angenehm fällt die Zurückhaltung in der Placierung 
monumentaler Gebäude auf, denen er stets durch Anlehnung 
an Blocks oder andere Häuserkomplexe für das Auge des 
Beschauers immer das Maßverhältnis verschafft, dessen sie 
zu ihrer Wirkung unbedingt bedürfen. Wohl kaum eine 
Zeit hoher Baukunst hat dieses Grundgesetz der Relation 
stärker begriffen wie die Gotik. Absolute Monumental 
bauten sind fast ausnahmslos ein Unding. 
Das sind einige wenige sehr persönliche Bemerkungen 
zu den beiden Planungen des Kölner Umlegungsgebietes, 
die der Öffentlichkeit bisher vorliegen. Sie können natur 
gemäß nur weniges andeuten, ohne ein Recht auf maß 
gebende Wertung beanspruchen zu wollen. Denn ’ ohne 
eine sehr genaue und eingehende Kenntnis der örtlichen 
Verhältnisse und der wirtschaftlichen Grundlagen in Köln 
ist es unmöglich, ein anderes als ein oberflächliches Urteil 
abzugeben. Und daran dürfte niemandem weniger gelegen 
sein, als dem Herausgeber dieser Zeitschrift. 
Wenn ich dennoch an dieser Stelle keinen Punkt mache, 
sondern die Niederschrift meiner Gedanken fortführe, so 
geschieht das nicht zu Zwecken einer irgendwie ein 
gestellten Einzelkritik, sondern weil manches an diesem 
Wettbewerb und seinen Ergebnissen jenseits einer dogma 
tischen Wertung zum Nachdenken anreizt. Wie z. B. der 
Umstand, daß in dem Wettbewerb für das Umlegungsgebiet 
Köln, in welchem, wie bekannt, Professor Jansen-Berlin, 
Professor Schumacher-Hamburg und Stadtbaudirektor Stoß 
in Köln um die Palme rangen, das Urteil nicht von einem 
erlesenen Kreise städtebaulicher Fachleute gefallt wurde, 
sondern von einem Laienkollegium. Ein solches Verfahren 
ist selbst dann grundsätzlich zu verwerfen, wenn sach 
verständige Preisrichter zum gleichen Ergebnis gekommen 
wären. 
Zu der Bearbeitung der hauptsächlichen Teilstrecke 
des Gesamtentwurfes, des Abschnittes zwischen Subbel- 
rather Straße und Luxemburger Straße, kann ich einige 
Anmerkungen nicht unterdrücken. Zunächst die, daß so 
wohl Professor Schumacher wie auch Professor Jansen 
und Professor Bonatz die westlich unmittelbar an das 
Bahngelände anschließenden, erst zu geringem Teil be 
bauten Blöcke, nicht fortzuschaffen versucht, sondern deren 
vollständigen Ausbau projektiert haben. Diese Wohnblock© 
sind in ihrem Wohnwert ganz außerordentlich beeinträchtigt, 
wenn nicht geradezu unbrauchbar und schadenbringend 
durch den großen und noch ständig wachsenden durch 
gehenden Bahnverkehr, der auch des Nachts sehr lebhaft 
ist. Es ist schlechterdings sehr eigenartig, nach den Er 
fahrungen, die man in anderen Großstädten wie Paris und 
Berlin, doch mehr wie ausreichend gemacht hat, ohne
	        
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