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Volume H. 3/4

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 17.1920 (Public Domain)

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OEfc STÄDTEBAU 
steckt sich und es ist, als ob er vergangen und seelenlos 
sei. Unter dem Monde aber, wenn er sich in den Fluten 
des Jumna spiegelt und das starke weiße Licht auf viele 
Meilen über die fruchtbare Steppe zurückspielt, ist er voll 
geheimnisvollen Lebens, durchsichtig und hellsichtig. Er 
dringt tief in die Seelen der regungslosen einsamen Ge 
stalten, die sich unter den Zypressen zu seinen Füßen 
zusaromenkauern, die Augen auf ihn gerichtet, um sein 
Geheimnis einzusaugen. Er durchleuchtet die alten und 
jungen Pilger aus aller Herren Länder, er berührt Saiten 
in ihnen, die sie noch nicht kannten oder die sie längst 
verrostet und zersprungen geglaubt, er erweckt Seelentöne 
und Harmonien von ungeahnter erdenferner Schönheit. 
Wie es einen alten Mann urplötzlich selig durchfluten kann, 
wenn er dem holden Liebreiz eines im ersten Frühling 
knospenden Mädchens begegnet, so zwingt der Taj die 
Augen in seinen Bann und läßt sie nicht von sich auf 
Stunden und Stunden. Wer kam, um zu reflektieren und 
sein Geheimnis zu ergründen, vergißt es und wird unfähig, 
zu denken. Das ist sein Zauber, wie ihn vollendeter kein 
Kunstwerk birgt, daß er das Denken, diese Quelle der 
großen Schmerzen der Menschen, autlöst und vergessen 
macht. Und wer fern von ihm ist und grübelt, erkennt 
von seines Wesens Spur nicht mehr, als daß die knoten 
lose Klarheit seiner Linien, die schlackenlose ideale Rein 
heit seiner Form und Proportion, der Adel seines Sub 
stantiellen göttlich sind. 
Eine Prachtstraße von der vierfachen Breite der abend 
ländischen Chausseen führt vor ein rotes Sandsteintor, die 
Mitte einer laubüberragten, zinnenbekrönten Mauer, die den 
weiten dufterfüllten Park und das Heiligtum umschließt. 
Das Tor ist von reichem und starkem Stil, von Koran 
inschriften bedeckt, und mit Kuppeln aus weißem Marmor 
gekrönt, die -das Licht des Mondes aufsaugen und ihren 
Überfluß an den viel verschlungenen arabischen Schrift 
zeichen bis in das zarte Rosa des Torgrundes herunter 
rieseln lassen. 
Eine lautlose Wächtersphar im weißen Burnus ver 
neigt sich tief und geleitet den Pilger auf nackten Füßen 
in den tiefen Schatten des mächtigen Torgewölbes, aus 
dem heraus der erste unvergeßliche Blick den Taj erreicht. 
Im bewegungslosen Staunen verharrt der Fremde. In 
einer Entfernung von etwa sechshundert Metern erhebt 
sich vor ihm der mächtigste Marmorbau, den die Erde 
tfägt, aber es ist, als ob er durchsichtig sei, als ob er in 
unwirklicher Ferne sanft dahinschwebe. Wie eine unge 
heure Perle thront die Kuppel auf dem schimmernden 
Postament der Wände, flankiert von vier leuchtenden 
Minaretts, die in den Ecken einer mächtigen, vom Mond 
licht durchtränkten Plattform liliengleich und sehnsüchtig 
aufragen, wie um den Himmel zu einem zarten Kusse 
herabzulocken. 
Instinktiv mit vorsichtigen und leisen Schritten nähert 
sich der Pilger. Zur Rechten und Linken einer schnur 
geraden Allee, die geteilt wird durch das langgestreckte 
Marmorbett eines zauberhaften Wasserspiegels, in dem der 
Marmor mit dem Mond spielt und die Zypressen mit den 
Sternen tändeln, streift sein Blick unbewegliche Gestalten, 
die in den tiefen Schatten der heiligen Bäume sitzen. 
Der Pilger wandelt im Traume. Der Duft des blüten 
strotzenden Parkes umkost ihn, und je mehr er sich den 
schneeigen Wänden des Riesenpostamentes nähert, um so 
erdentrückter, unwirklicher und unbegreiflicher fühlt er 
sich. Und schließlich läßt er sich nieder, um sich zu 
sammeln. 
Das, was er sieht, ist so unwahrscheinlich, daß er 
verwirrt wird, daß er greifen möchte, um sich zu über 
zeugen, was ist. Und wieder erhebt er sich, wagt sich 
aus dem Schatten der Tiefe an die funkelnde Marmor 
treppe, ersteigt sie und schleicht sich scheu ob seiner 
Kühnheit an das Heiligtum heran. Und er blickt sich um, 
ein wenig beschämt, ob ihn niemand beobachtet, und be 
rührt mit dem Finger den ganz und gar vom Monde durch 
glühten Marmor. Er fühlt das Körperliche, atmet auf und 
schleicht sich herein. Über die Gesichter der einsamen 
Andächtigen aber, die sein scheues Tun aus dem lautlosen 
Schatten der Tiefe beobachten, zieht das gütige Lächeln 
der Erinnerung, des Verstehens und der Verwandtschaft. 
Eine mächtige Halle nimmt den Pilger auf. Sie emp 
fängt ihr wundersames Dämmerlicht allein durch die beiden 
gigantischen Marmormäntel, die sie fensterlos einhüllen. 
Das Licht, das der äußere auf seiner Außenseite aufnimmt, 
strömt der durch einen Rundgang von ihm getrennte innere 
als sein eigenes in weichem Glimmen in die Halle hinein. 
Ganz so, als käme es aus ihm selbst, denn es scheint, als 
sei er von unzähligen Adern durchzogen, durch die das 
seltsame Leuchtet}, flutet. So ist es Marmorlicht, das den 
Pilger umfängt, nicht Mondlicht. 
Ein hohes, feinmaschiges Gitter, sprühend von ein 
gelegtem Gold und Edelsteinen, schließt die Sarkophage 
von Schah Jehan und Arjmand Banu ein, Das Schweigen 
des Todes weht um sie. Der leiseste Ton — ein Atemzug, 
ein zarter Seufzer — zittert an den Wänden herauf, um 
erst nach minutenlangem Sein in der mächtigen Kuppel 
langsam zu ersterben. 
Der Pilger verharrt regungslos. Unter dieser Kuppel, 
in die ein genialer Baumeister das empfindlichste Echo der 
Welt hineinbannte, empfindet er das Klopfen seines Herzens, 
das Knistern eines Briefes in der Tasche als Störung. Und 
plötzlich schrickt er zusammen. 
Zu Füßen der Sarkophage, da, wo das Licht erstirbt, 
kniet ein mohammedanischer Großer, der Wüsten und 
Meere durchquerte, um an dieser heiligen Stätte zu beten. 
Er betet mit tiefer, leise murmelnder Stimme. Und während 
er betet, rollt es durch die Kuppel wie ferner gewaltiger 
Donner, wie die verhaltene Stimme eines allmachtstrotzenden 
Gottes. Schauer der Ehrfurcht, Erschütterung durchziehen 
die Brust des Pilgers. Ein Gott greift in seine Seele , . . 
« 
Der Pilger schleicht hinaus. Unter der ungewohnten 
und seltsamen Last einer tiefen Bescheidenheit senkt sich 
sein Haupt. Im Schatten einer Zypresse sinkt er auf eine 
Bank, und zu Füßen des Wunders, das unendlich ernst, 
unendlich milde, überströmend von lebendiger Schönheits 
macht auf ihn herabblickt, fühlt er, daß alle Kämpfe seines 
Lebens ihn verlassen, daß sein Stolz, der seine Einsamkeit 
erträglich machen, der seine wilde, stumme Sehnsucht 
hart bemänteln sollte, schmilzt, und daß sein Herz, sein 
Geist und seine Seele von der Sammlung ihrer Erfahrungen 
frei werden. Er fühlt ein Geschenk, das er nicht kannte, 
nach dem er sich wieder und wieder gesehnt, das er heim 
lich Verzweifelt gesucht und dessen Entbehrung ihn das
	        
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