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Volume H. 3/4

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 17.1920 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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liehe, das, worauf der ganze Wert der Gioconda z. B. be 
ruht. Sollte zwischen Notwendigkeit dem Geiste nach und 
empirischer Zufälligkeit ein geheimer Zusammenhang be 
stehen? So daß es einer Notwendigkeit entspricht vor Gott, 
wenn zufällig auf Erden ein Genie ersteht, zu bestimmter 
Zeit in die Geschichte eingreift, von ungefähr eine bestimmte 
Linie zieht? — Ich weiß nichts Bestimmtes, so vieles ich 
ahne. Aber durch die unmittelbare Manifestation eines 
selbständigen Sinnes allein scheinen mir die Wunder der 
Renaissance- und der Mogulenkunst erklärbar. 
Taj Mahal. 
Wie ein Schloß, erbaut aus dem Schimmer des Mondes, 
herabgesunken in einer lichtdurchfluteten, elfendurchtanzten 
indischen Nacht, wie eine Vision, wie ein Bild aus einem 
traumhaft zarten Märchenlande, unwirklich und verirrt, mit 
nichts in der Welt an machtvoller Schönheitsoffenbarung 
zu vergleichen, erhebt sich im Innern Indiens das Herz der 
Welt, der Taj-Mahal. 
Er ist die Krone der Kunstschöpfungen aller Zeiten, und 
seine Wirkung ist so stark, daß alles, was man je an 
künstlerischen Eindrücken empfing, restlos aus der Erinne 
rung herausgleitet, um im Meere der Vergessenheit zu 
versinken. 
Wenn ich an ihn denke, glaube ich, daß wir die er 
habenste Offenbarung des Genius Goethes verloren haben: 
Die indische Reise, die er nicht schrieb, den Taj-Mahal, 
von dem er nicht spricht, das Werk, das er in mondschein 
umflossenen einsamen Märchennächten zu seinen Füßen 
sitzend empfangen hätte. 
So ist der Taj allen denen verloren, die ihn nicht selbst 
aufsuchen können, denn jeder noch, der zu ihm kam und 
Briefe sandte oder Bücher schrieb, gestand, daß seine Feder 
vor dem Taj versagte. 
Europa kennt ihn nicht. Der Leser liest den leeren 
Namen und ahnt nicht, was an ihm vorüberschwebt. Er 
weiß nicht, daß die Pyramiden, daß die ungeheuren Tempel 
an den heiligen Wassern des Nils, daß die gigantischen 
Baalsäulen am Libanon, daß Ephesus, daß alle sieben Welt 
wunder zusammenschrumpfen und versinken, daß selbst 
die heilige Schönheit des 'alten Hellas ehrfürchtig in den 
Schatten tritt, wenn der Taj-Mahal aus der Tiefe der Ge 
dankenwelt des weltdurchpilgernden Schönheitssuchers auf 
taucht. Nichts bleibt ihm von dem Schimmer der Akro 
polis, nichts von der Wirkung des St. Peter, nichts von der 
Agia Sophia, nichts von allen sonnengeborenen Wundern 
des Orients, wenn der Taj neben sie tritt. 
Sie alle verbleichen — wie die Sterne und Sternchen ver 
bleichen, wenn die Majestät des Vollmondes über dem Hori 
zonte erscheint . . . 
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Damals, als arm und reich noch gleichbedeutend war 
mit gemein und edel, und der Sprung von dem einen in 
das andere um so viel länger dauerte als etwa eine Reise 
um die Welt, geschah es, daß ein armer Perser, Myrza 
Ghyjas, an der ostindischen Küste landete, um auf einent 
reichgesegneten Boden sein Glück zu versuchen. Er 
stammte aus Schiras und hatte nichts als einen starken 
klaren Kopf und eine kleine Tochter, Arjmand Banu, die 
an Schönheit den Rosen glich, unter denen ihre Mutter sie 
geboren hatte. 
Schon damals war die Kluft zwischen den Vornehmen 
und Geringen, den Reichen und Armen im Orient größer 
und unüberwindlicher als irgendwo unter einer milderen 
Sonne. Und wenn man außer Betracht läßt, daß diese 
Sonne selbst den im Staube Geborenen der gegen Morgen 
gelegenen Länder eine viel größere Beweglichkeit der 
Intelligenz mitgibt als den schwerblütigen, gern der idealen 
Tiefe zugewandten Völkern des Nordens, muß man den 
armen Perser, von dem hier die Rede ist, für ein souve 
ränes Genie halten, w6nn man erfährt, daß er als Landes 
fremder und arm Geborener nach fünfzehn Jahren der 
mächtigste Mann im mächtigsten Reiche des ganzen Welt 
ostens war. 
Sein Kaiser, der Großmogul Schah Jehan-Shahabu-din- 
Ghazi, heiratete Arjmand Banu und gab der zarten Rose 
aus Schiras den Zunamen Mumtaz-i-Mahal, Wunder 
höchster Weiblichkeit. Er war mehr Künstler als Kaiser, 
genial wie sein erster Diener — die richtigen Männer zu 
erkennen und an die richtigen Plätze zu setzen, war schon 
damals ein Hauptbefähigungsnachweis für Monarchen — 
und lebte nur für seine Frau wie sie für, ihn. Noch heute 
ist ihr Verhältnis zueinander sprichwörtlich für den ganzen 
Osten, für alle Länder der Vielweiberei. Auf den turm 
hohen Mauern des Forts zu Agra, das die weite Ebene 
des Jumna beherrscht, entstand ein flacher, dem Laufe der 
Mauern angepaßter Marmorpalast, in dessen lichtem Schutze 
die heiligen Stunden dieser Liebe nur zu schnell in das 
tote Meer der Ewigkeit flössen. Dem Reiter in der Ebene 
erscheint der Palast wie das Nest eines Adlerpaares auf 
schroffem, himmelstürmendem Fels. Er schwebt in Luft 
und Licht, sein leuchtendes Dach ruht auf zierlichen Säulen, 
der marmorumschlossenen Gemächer und Höfe sind wenige, 
und doch sahen nur die Sonne, der Mond und die Sterne 
das heimliche selige Leben des Kaisers und der Kaiserin. 
Das in die Marmorqüadern des Fußbodens eingelassene, 
mit den kostbarsten Edelsteinen verzierte Marmorbecken, 
in dem sich die schneeweißen Glieder der Kaiserin von 
den Fluten duftender Essenzen liebkosen ließen, liegt luft 
umfächelt inmitten eines offenen, den jähen Absturz der 
Mauer überragenden Balkons. 
Schah Jehan Shahabu-din-Ghazi, der seinen Schwieger 
vater zum Itimadu d’daulah, zum Vizekaiser ernannt und 
sich aller Sorgen entledigt hatte, wurde in allen Ländern 
der aufgehenden Sonne als der glücklichste der Sterblichen 
gepriesen, bis Arjmand Banu Mumtaz-i-Mahal ihn nach 
siebenjähriger Ehe im verfrühten Kindbett plötzlich sterbend 
verließ. Da brach das vom rosigen Licht durchflutete 
Gebäude, in dem seine Gedanken bisher gewohnt hatten, 
zusammen und finstere Trübsal umhüllte seinen Geist. Und 
als er wieder zu sich kam, beschloß er, über den irdischen 
Resten seiner Frau ein Denkmal zu errichten, so schön 
und so kostbar, daß es in allen Zeiten unerreicht sein 
sollte. Und die Allgewalt seiner im Unirdischen wurzelnden 
Sehnsucht setzte das Unmögliche Arch. Er gab der 
Schönheit einen Leib, er schuf die Verkörperung der Liebe, 
der Liebe aller Männer und aller Frauen aller Zeiten. 
Mit den Millionen seines unerschöpflichen Reichtums 
kaufte er ganze Länder, in denen er den Marmor, den er 
brauchte, wußte, ließ ihn durch die Hunderttausende seiner 
Sklaven brechen und durch eigene Karawanen herbeiführen. 
Seine Gesandten durchstreiften die ganze Welt und brachten 
die kostbarsten Edelsteine r und Goldbarren, die berühmtesten
	        
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