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Volume H. 3/4

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 17.1920 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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höhtem Maße, den Wunsch, ein Häuschen zu besitzen und 
einen Garten zu bewirtschaften, und gerade die jetzige Zeit 
mit der Ein- und Durchführung verkürzter Arbeitsstunden, 
Bestrebungen, die nicht nur bei uns, sondern auch bei 
unseren Feinden im Gange sind und auch dort zu heftigen 
Reibungen Anlaß geben, läßt den Wunsch nach Haus und 
Garten, also nach einem Heim im Vorort, besonders leb 
haft werden. Zu seiner Erfüllung gehören aber, wenn nicht 
die Wahl der Arbeitsstätte sehr beschränkt sein soll, vor 
allem gute Verkehrsverbindungen. Um diese zu schaffen, 
sollen neue Ausfallstraßen gebaut werden, soll ferner die 
unterirdische Schnellbahn, der „Metro“, über den Ring der 
alten Festungswerke hinaus verlängert werden, sollen weiter 
auch Kanäle zur Abkürzung der von der Seine gebildeten 
Krümmungen angelegt werden. Letztere soll auch mit anderen 
Wasserstraßen in Verbindung gebracht werden, so daß auch 
zu Wasserneue Verbindungsmöglichkeitengeschaffen werden. 
Augenscheinlich will man also dem Verkehr zu Wasser, 
der bisher im großstädtischen Verkehrswesen sehr vernach 
lässigt worden ist, in Paris endlich die ihm zweifellos ge 
bührende Aufmerksamkeit widmen. Um allen hier gestellten 
Anforderungen zu genügen, ist es nötig, daß ein Plan, der 
das gesamte in Frage kommende Gebiet umfaßt, aufgestellt 
wird. Wollte man nur für die einzelnen Vororte Verbesse 
rungen in Erwägung ziehen, so würde jede Einheitlichkeit 
fehlen und den mannigfaltigen Beziehungen, die die Vororte 
zueinander haben, könnte nicht Genüge geleistet werden. 
Paris leidet an einem Mangel an Park- und sonstigen 
Grünflächen; sie im Innern der Stadt zu schaffen, ist wegen 
des hohen Preises für den Grund und Boden wie in anderen 
Großstädten auch ausgeschlossen. Aber in der Umgebung 
Anden sich noch Gegenden mit hohen landschaftlichen Reizen, 
Parkanlagen und Wälder. Um sie zu erschließen und für 
die Erholung der Bewohner von Paris nutzbar zu machen, 
bedarf es ebenfalls der Schaffung von Verkehrsmöglichkeiten, 
Zur Gewinnung weiterer Grünflächen soll auch der äußere 
Hing der Festungswerke, der acht bis fünfzehn Kilometer 
außerhalb der eigentlichen Stadt liegt, wenn er frei wird, 
zu Parkanlagen und Gartenstädten ausgenutzt werden. 
Für diesen Teil des Wettbewerbs werden nur allgemein 
gehaltene Skizzen und großzügige Pläne eingefordert; es 
wird mehr Wert auf neue Gedanken als auf ins einzelne 
gehende Ausarbeitung gelegt Fünf Preise im Betrage von 
5 bis 30000 Franken sind ausgesetzt; außerdem stehen den 
Preisrichtern 10000 Franken, jedenfalls zum Ankauf weiterer 
Entwürfe, zur Verfügung. 
Der zweite Teil des Wettbewerbs bezieht sich auf die 
Verschönerung des jetzigen Paris. Es gibt dort wie in 
allen älteren Städten Stadtviertel, die namentlich in hygienischer 
Beziehung neuzeitlichen Ansprüchen bei weitem nicht ge 
nügen und daher schon längst hätten beseitigt und durch 
bessere Anlagen ersetzt werden sollen. Solche Verbesserungen 
waren früher infolge der Beschränkungen, die der Festungs 
gürtel der Stadt Paris inbezug auf ihre Erweiterung auf 
erlegte, unmöglich. Wenn jetzt, wie es das den Ab 
bruch der Festungsanlagen anordnende Gesetz verlangt, das 
Festungsgelände mit billigen Kleinwohnungen bebaut wird, 
durch die also Ersatz für die jetzt vorhandenen Klein 
wohnungen in jenen alten Stadtteilen geschaffen wird, wird 
es möglich sein, an die Stelle der engen Bebauung jener 
Gegenden eine weiträumige zu setzen und dadurch eine 
erhebliche Verbesserung herbeizuführen. Dadurch wird 
ferner die Möglichkeit geboten, neue Straßendurchbrüche 
und Boulevards zu schaffen, wie es in Paris zur napo- 
leonischen Zeit schon einmal geschehen ist, und hieraus 
werden sich erhebliche Verbesserungen der Verkehrsver 
hältnisse ergeben. Im Zusammenhang damit steht die Be 
seitigung der Hochwassergefahr für die tiefer gelegenen 
Teile von Paris, die bekanntlich durch die Hochwasser der 
Seine stark zu leiden haben. Einerseits sollen zu diesem 
Zwecke die Flächen am Fluß aufgehöht werden. Um 
fassendere Abhilfe soll aber andererseits dadurch herbeige 
führt werden, daß ein Umgehungskanal äuf dem linken 
Seineufer angelegt wird, der das Hochwasser abtängt und 
es in unschädlicher Weise um Paris herumführt. Dies sind 
nur die bedeutendsten Anfgaben, die im zweiten Teil des 
Wettbewerbs der Lösung harren; ihnen gliedern sich noch 
eine Reihe von Aufgaben von untergeordneter Bedeutung 
an. In dieser Abteilung betragen die Preise, vier an der 
Zahl, 4 bis 7000 Franken, und 6000 Franken stehen über 
dies zur Verfügung. 
Der dritte Teil des Wettbewerbs behandelt die Bebau 
ung des Festungsgeländes und seiner nächsten Umgebung. 
Hier ziehen sich um die inneren Befestigungen mit ihren 
Gräben und Glacis weite Flächen hin, die, solange die 
Festungen als von militärischem Wert angesehen wurden, 
unbebaut bleiben mußten. Von dem hier verfügbar werden 
den Gelände sollen große Teile verkauft werden, um die 
Mittel zur Durchführung der Stadterweiterungs- und Ver- 
schonerungspläne zu beschaffen. Unter den hier zu er 
richtenden Gebäuden sind Kasernen — das sieht nach Ab 
rüstung aus! —, Krankenhäuser, Schulen, Markthallen in 
Aussicht genommen; sie sollen die älteren entsprechenden 
Anlagen im Inneren der Stadt ersetzen, die neueren hy 
gienischen Ansprüchen nicht mehr genügen. Auch Fabriken 
sollen hier gebaut werden, doch ist für sie, um Belästigungen 
durch Rauch hintanzuhalten, elektrischer Betrieb in Aus 
sicht genommen. Zur Gewinnung des hierzu nötigen Stromes 
und überhaupt zur Versorgung von Paris mit Licht und Kraft 
sind große Anlagen im Oberlauf der Rhone mit Fernleitungen 
geplant. Die Arbeiterviertel in der Umgebung der Fabriken 
sollen als Gartenstädte mit reichlichen Spielplätzen ausge 
bildet werden. Die besondere Erwähnung der Spielplätze in 
diesem Zusammenhang läßt erkennen, daß man in Frank 
reich endlich die mit dem Fehlen des Nachwuchses und 
dem Geburtenrückgang verbundenen Gefahren erkannt hat, 
die durch die MenschenVerluste im Kriege noch erhöht 
worden sind, und daß man sich infolgedessen genötigt sieht, 
etwas für die heranwachsende Jugend zu tun. Diese Grün 
flächen sollen eine Ergänzung der schon erwähnten, weiter 
draußen gelegenen Parkanlagen in den Außenbezirken der 
Innenstadt bilden. Da die jetzigen Festungswerke zum 
Teil in hügeligem Gelände liegen, bieten sich hier dem 
Städtebauer ganz besonders reizvolle Aufgaben zur Lösung. 
Ein Teil des Festungsgeländes im Westen der Stadt soll 
zur Anlage einer dauernden Ausstellung Vorbehalten bleiben. 
Die Preise sind in dieser Abteilung dieselben wie beim 
zweiten Teil des Wettbewerbs. 
Im vierten Teil sollen Einzelaufgaben gelöst werden. 
Die Wettbewerber können gewisse Teile, z. B. die Be 
bauung einer bestimmten Geländefläche, nach eigener Wahl 
herausgreifen und dafür Entwürfe aufstellen. Auch schrift 
stellerische Arbeiten mit und ohne zeichnerische Dar 
stellungen, z. B. über Wohnungsfragen, öffentliche Gesund-
	        
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