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Volume H. 3/4

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 17.1920 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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wandelt werden. Wie diese Bedingung der Verfasser des 
vorliegenden Projektes durchgeführt hat, zeigen die hier 
wiedergegebenen Blockansichten. Stilistisch ist der Anschluß 
an die'Mannheimer Kulturperiode der ersten Hälfte des 
18. Jahrhunderts gesucht worden. Es war die Zeit, in 
welcher die Erbauung der meisten öffentlichen Gebäude fällt, 
die der Stadt ihr charakteristisches Gepräge geben. Die 
größten Baudenkmäler jener Zeit sind außer einer großen 
Reihe hervorragender Privatbauten das Rathaus, das 
kurfürstliche Schloß, die Jesuitenkirche und Jesuiten 
kollegium, das Kaufhaus und die beiden alten Kasernen. 
Der Anschluß an oben genannte Kulturperiode ist jedoch 
in freier persönlicher Auffassung gedacht, mit dem Gebot 
der Zeit. 
Auch auf die entsprechende architektonische Ausge 
staltung der Hinterfronten war Wert gelegt. Bei der Durch 
bildung derselben ist große Linienführung der Gliederungen 
durchgeführt und die Ruhe der Frontflächen durch vor 
springende häßliche Bauteile, wie Küchenbaikone usw., nicht 
gestört worden. Letztere sind durch Loggien ersetzt, die 
so angeordnet sind, daß ein Verlust an bewohnter Boden 
fläche vermieden wird. 
Als Baumaterial der Fassaden wird vom Verfasser des 
vorliegenden Projektes für die Architekturteile der einhei 
mische hellgelbe Sandstein und für die Flächen silbergrauer 
Terrasitputz vorgeschlagen. Die Hinterfronten sind in 
gleichem Material nur einfacher angenommen. Die Dächer 
sind in schwarzgrauem Schiefer eingedeckt. 
Der Einlieferungstermin des Wettbewerbs hat durch 
den Weltkrieg eine Verzögerung von 5 Jahren erlitten. 
Der Wettbewerb wurde mit 35 Projekten beschickt. Dem 
Preisgericht gehörten als auswärtige Sachverständige die 
Herren Professor Bonatz, Stuttgart, Professor Theodor Fischer, 
München, Geh. Oberbaurat Professor Hofmann, Darmstadt 
sowie Stadtbaurat Professor Roth aus Mannheim u. a. an. 
Das Preisgericht entschied sich dahin, 4 gleiche Preise zu 
verteilen und 2 Entwürfe anzukaufen. Vorliegende Arbeit 
wurde mit einem Preise ausgezeichnet. 
EIN STÄDTEBAULICHER WETTBEWERB FÜR 
PARIS. 
Von Geh. Regierungsrat WERNEKKE, Berlin-Zehlendorf. 
Die Festungswerke, die Paris umgeben und seine bau 
liche Entwicklung hemmen, sollen auf Grund eines Gesetzes 
vom April 1919 demnächst fallen. Mit einer bevorstehenden 
Abrüstung dürfte das' bei der Stellung, die Frankreich in 
dieser Beziehung einnimmt. nicht Zusammenhängen, sondern 
der Grund dürfte eher darin zu suchen sein, daß die Er 
fahrungen, die im Kriege mit anderen Festungen gemacht 
worden sind, ergeben haben, daß diese Pariser Festungs 
werke nicht mehr zeitgemäß sind und durch neue, in einem 
weiteren Kranz die Hauptstadt umgebende ersetzt werden 
müssen. Um Pläne für die Bebauung des Festungsgeländes 
und Lösungen für andere damit im Zusammenhang stehende 
Aufgaben zu erlangen, hat die Stadt Paris einen Wettbewerb 
ausgeschrieben, zu dem allerdings nur Angehörige der gegen 
uns verbündeten Völker zugelassen sind. Die Ausschließung 
der Städtebauer der Mittelmächte ist bezeichnend für die 
augenblickliche Geistesverfassung der Franzosen und ihren 
blinden Haß gegen Deutschland. Haben doch sowohl 
Franzosen wie auch Engländer in früheren städtebaulichen 
Veröffentlichungen zugegeben, daß der deutsche Städte 
bauer ihr Lehrmeister gewesen ist, daß dieses wichtige 
Gebiet des öffentlichen Bauwesens in Deutschland zuerst 
systematisch bearbeitet worden ist und daß die deutschen 
Fachleute des Städtebaus eine führende Rolle spielen. Die 
wertvolle Mitarbeit dieser Kreise bleibt also für eine der 
wichtigsten städtebaulichen Aufgaben, die in Frankreich in 
absehbarer Zeit zu lösen sein wird, ungenutzt. Der Ver 
lust dürfte dabei nicht auf seiten der Mittelmächte liegen. 
Es sind zwei Aufgaben zu lösen; es steht nämlich 
einerseits zur Erörterung, wie die Stadterweiterung, die 
durch den Wegfall der Befestigungen möglich wird, am 
besten durchgeftihrt werden soll, und andererseits, welche 
weiteren Veränderungen im Stadtbild von Paris sie zur 
Folge haben wird. Der Wettbewerb bezieht sich auf beide 
Fragen, sie werden in ihm aber getrennt behandelt. Die 
verschiedenen eingehenden Entwürfe sollen zu einem Ge 
samtplan zusammengearbeitet werden, da ein französisches 
Gesetz vom 14. März 1919 für Stadterweiterungen einen ein 
heitlichen Plan vorschreibt. Dieses Gesetz, dem alle Städte 
von mehr als 10000 Einwohnern unterworfen sind, ist zu 
nächst auf die Wiederherstellung der durch den Krieg ver 
wüsteten Gegenden gemünzt. Bei seiner allgemeinen 
Fassung zwingt es aber auch andere Städte, zielbewußte 
Richtlinien für ihre zukünftige bauliche Entwicklung auf 
zustellen- Wenn das Gesetz verständig gehandhabt wird, 
kann es sicher viel Segen stiften. Durch den auf Grund 
des Wettbewerbs und dieses Gesetzes aufgestellten Bebau 
ungsplan wird dann auf viele Jahre hinaus die Entwicklung 
der französischen Hauptstadt festgelegt sein, die bisher 
stark darunter zu leiden gehabt hat, daß ein solcher Plan 
fehlte und die Gestaltung von Neuanlagen und Erweiterungen 
dem Zufall und privaten Einflüssen überlassen blieb. 
Der Wettbewerb umfaßt vier Teile. Im ersten werden 
allgemein gehaltene Pläne für die zukünftige Entwicklung 
von Paris und seinem Vorortgebiet gefordert, das bereits 
bis auf etwa 30 km über die Grenzen der eigentlichen Stadt 
hinaus in zahlreichen Vororten verschiedener Größe dicht 
bevölkert ist. Die Verkehrsmöglichkeiten zwischen Paris 
und diesen Vororten sind zurzeit recht mangelhaft; die 
Vororte untereinander besitzen mit Ausnahme der bekannten 
Gürtelbahn, wohl eine der ältesten Stadtbahnen, keine Ver 
bindung, und diese entspricht infolge ihrer veralteten Anlage 
neuzeitlichen Ansprüchen nicht mehr. Durch Schaffung 
von Verbindungen in diesem Außenbereich soll den Arbeitern 
die Möglichkeit geboten werden, bei der Wahl ihres Wohn 
orts weit freiere Hand zu haben, als es jetzt der Fall ist. 
Der französische Arbeiter hat wie derjenige der anderen 
Staaten Europas auch, aber vielleicht sogar noch in er
	        
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