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Volume H. 3/4

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 17.1920 (Public Domain)

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DER STÄDtEBAU 
füllt und gewaltige Risse und traumhafte Städteentwürfe 
spannten sich auf den Reißbrettern seines Ateliers'aus. Die 
neue Bundeshauptstadt von Australien, für die ein inter- 
nationaler Wettbewerb ausgeschrieben war (in welchem er 
den Zweiten Preis errang), begann vor seinem inneren Auge 
zu entstehen, Wie gerufen kam ihm diese neue große Auf 
gabe von Munksnäs und die Möglichkeit ihrer Verwirk 
lichung. Und die Besteller konnten ihre Anregung in keine 
fruchtbarere Phantasie versenken als in diejenige dieses 
Künstlers und keine schaffensfrohere Kraft finden, die mit 
solchem heiligen Eifer sich des gewaltigen Werkes annahm 
wie Saarinen. 
V. 
Wwlch eine Riesensumme von Arbeit allein in den Vor 
bereitungen zu dem Stadtplanentwurf Munksnäs-Haga steckt, 
davon bekommt man annähernd einen Begriff beim Studium 
der umfangreichen Denkschrift, die Saarinen anläßlich eine, 
imponierenden Ausstellung erscheinen ließ, in welcher er 
dem erstaunten Helsingfors im Jahre 1915 die Pläne, Risser 
Profile, Berechnungen, Bautypen, perspektivischen Dar 
stellungen, photographischen Vorbereitungen und ein voll 
ständiges, von seiner Gattin Loja Saarinen, unter genauester 
Beachtung der Niveauunterschiede, bis in die feinste Einzel 
heit ausgeführtes Modell der geplanten Stadt vorführte. 
An der Hand dieser gediegenen und künstlerisch ge 
schmackvollen Denkschrift, der auch die nach dem Modell 
der Frau Saarinen angefertigten photographischen Ab 
bildungen in diesem Heft entnommen sind, läßt sich die 
Idee, die Saarinen zu verwirklichen beabsichtigt, in ihrer 
Entstehung, ihrer Begründung, ihrer Ausgestaltung und 
ihrer Lebensfähigkeit verfolgen. 
Fassen wir zu diesem Zweck das Gesamtbild des 
künftigen Groß-Helsingfors ins Auge. Wie aus dem Plan 
ersichtlich, liegt die finnische Hauptstadt auf einer an 
Buchten reichen und von einem Kranz von Inseln um 
gebenen Halbinsel. Die südlichen Teile des Gewässers sind 
tief und bilden vorzügliche Hafenbassins. Das Verhältnis 
zwischen nutzbarem Boden und Wasserflächen ist nicht 
günstig: 115 zu 244. Auch sonst sind die Erweiterungs 
möglichkeiten der Stadt geopraphisch begrenzt und nur in 
NW- und NO-Richtung vorhanden. Dazwischen liegen in 
gerader nördlich verlaufender Richtung die Gelände der bis 
ins Herz der Stadt vordringenden Eisenbahn und umfang 
reiche fiskalische Grundstücke mit militärischen Schieß 
plätzen. 
Auf Grund eines reichhaltigen und sorgfältig ausge 
wählten statistischen Materials stellt Saarinen folgende Be 
rechnungen über die voraussichtliche Weiterentwicklung 
von Helsingfors auf: Abgesehen vom slawischen Osten 
Europas weist Finnland den größten Geburtenüberschuß in 
Europa auf: 15%r> und es ist anzunehmen, daß sich hier 
wie überall anderswo dieses Verhältnis in beschleunigtem 
Tempo zugunsten der Städte verschieben wird. Helsingfors 
weist folgende Einwohneranzahl in Tausenden auf: 1870: 
28,5 — 1880: 43,3 - 1890: 61,5 - 1900: 93,5 — 1910: 
147,2 — 1914: 170,5. Hiervon entfallen auf die Arbeiter 
bevölkerung im weitesten Sinne 55—60%, davon 8% reine 
Industriearbeiter. In der bürgerlichen Bevölkerung unter 
scheidet Saarinen hinsichtlich ihrer Siedlungsverteilung eine 
wohlhabende Klasse 12—15 °/o und den Mittelstand 27 — 30%. 
Dieses prozentuale Durchschnittsverhältnis: Wohlhabende 
15%, Mittelstand 30%, Arbeiter 55% entspricht genau dem 
in Stockholm, Kopenhagen und Berlin. 
Um die Siedlungsaussichten für ein so großes Gebiet 
wie Munksnäs-Haga zu berechnen, sucht Saarinen auf 
Grund des statistischen Materials die Bevölkerungszunahme 
in Helsingfors für die Zeitperiode 1915—1945 zu errechnen. 
Er kommt hierbei zu dem Ergebnis, daß die Gesamtbe 
völkerung Finnlands 1945 rund 5 Millionen, mit Sicherheit 
aber mindestens 4 V* Millionen betragen wird. Für Helsingfors 
berechnet er die Einwohnerzahl im Jahre 1945 auf rund 
550000, mindestens aber auf rund 373000. Nach den Be 
rechnungen des Stadtplanarchitekten Bertel Jung kann 
Helsingfors auf dem ganzen der Stadt zur Verfügung 
stehenden Gebiet eine Bevölkerung von höchstens 280000 
Einwohnern aufnehmen. Eine Erweiterung des Stadtgebietes, 
beziehungsweise die Gründung neuer Siedlungen ist also 
unumgänglich. 
Die Verteilung der Bevölkerungsklassen in der Siedlung 
hat sich in der Weise vollzogen, daß von der Geschäfts 
stadt im Kern der Halbinsel ausgehend sich die Arbeiter 
siedlung nach Nordosten, die bürgerliche dagegen nach 
Nordwesten entwickelt hat. Da Helsingfors nur zu ge 
ringem Teil Industriestadt ist, wird der weitere Zuwachs 
vor allem auf den bürgerlichen Teil der Bevölkerung ent 
fallen; für weitere Siedlungszwecke kommen also haupt 
sächlich die im Nordwesten der Stadt gelegenen Gebiete 
inbetracht. 
Noch bis vor wenigen Jahrzehnten wies Helsingfors den 
charakteristischen Typus des Landstädtchens auf: umfang 
reiche Baublocks, die zum geringsten Teil mit ein- bis 
zweistöckigen Holzhäusern bebaut waren und große Hbf- 
räume mit ansehnlichen Gartenanlagen und dergl. aufwiesen. 
Das hat sich seit etwa 30 Jahren vollkommen verändert. 
Wie überall anderswo hat auch in Helsingfors der neue 
Bautyp der Mietkaserne den früheren vollkommen verdrängt. 
Seit der Jahrhundertwende ist, von England ausgehend, 
eine lebhafte Bewegung gegen die Mietkaserne zugunsten 
einer, wie es heißt, gesünderen Bau- und Wohnform im 
Gange, das „Familienhaus“ oder „Eigenheim“. Die Frage 
darüber, welchem dieser beiden Siedlungssysteme der 
Vorzug zu geben sei, ist jahrelang eifrig debattiert worden, 
und jedes derselben hat entschiedene Gegner und ebenso 
entschiedene Anhänger gefunden. Bis vor kurzem schien 
es, als neigte die Mehrzahl dazu, die Mietkaserne zu ver 
werfen. Gegenwärtig dürfte man im allgemeinen zu der 
Ansicht gekommen sein, daß keine der beiden Formen un 
bedingt vor der anderen vorzuziehen sei, da Nutzen und 
Notwendigkeit beider sich die Wage halten. Wir wissen, 
daß heute die Sterblichkeit im Durchschnitt in den modernen 
Städten oft geringer ist als auf dem flachen Lande; bei dem 
heutigen Stand der Hygiene sind also Einwände gegen die 
Gesundheitsschädlichkeit der großstädtischen Bauweise 
nicht bedingungslos stichhaltig. Die sozial-ethischen Gründe, 
die für das Eigenheim sprechen, sind unwiderleglich. Dafür 
hat aber die Mietkaserne einen sehr in die Wagachale 
fallenden Grund anzuführen: sie wird stets und unter allen 
Umständen die billigste Siedlungsform sein. 
Diese geschichtlichen, kommunalpolitischen und sozialen 
Tatsachen sind die gegebenen Voraussetzungen, die als 
Basis für den Saarinenschen Stadtplan dienen. Außer ihnen 
sind aber noch eine Reihe anderer Forderungen zu berück 
sichtigen, um der neuen Schöpfung Wert, Nutzer! und Dauer
	        
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