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Volume H. 3/4

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 17.1920 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
22 
II. 
Es ist deshalb um so überraschender, daß in diesem in 
der Baukunst und im Städtebau so anspruchslosen und 
erfindungsarmen Volk ein Baukünstler und Städtebauer auf- 
tritt, der an Erfindungsgabe, Ächönheitssinn und Ideenreich 
tum die meisten Künstler überragt, die zurzeit auf diesem 
Gebiet schöpferisch tätig sind. 
Sein Auftreten und auch seine Wirkung ist nur zu er 
klären durch die ungewöhnlich reiche Blüte, welche die 
bildende Kunst überhaupt im letzten Jahrzehnt des 19. Jahr 
hunderts und insbesondere die Baukunst um die Jahrhun 
dertwende in Finnland erlebt. Er ist nämlich nicht ein 
einzeln leuchtender Stern im heutigen baukünstlerischen 
Schaffen Finnlands, aber er leuchtet am hellsten, und sein 
Licht wird alle anderen überdauern. 
Wie man aus den oben angegebenen Andeutungen über 
das Städtewesens Finnlands erwarten kann, weist der ge 
schichtliche Entwicklungsgang der finnischen Baukunst nur 
selten Höhepunkte von größerem Interesse auf. Sie be 
schränken sich im wesentlichen auf den Kirchenbau. Erst 
zu Beginn des 19. Jahrhunderts erlebt die junge Hauptstadt 
Finnlands für ein paar Jahrzehnte einen für ihre Verhält 
nisse traumhaften Aufschwung der Baukunst in den macht 
vollen Schöpfungen des genialen Carl Ludwig Engel, dem 
die ungeheure und zugleich beneidenswerte Aufgabe zufiel, 
aus dem Nichts eine Stadt von Palästen aufbauen zu dürfen. 
Im Verlauf von ein paar Jahrzehnten verwandelte er das 
kümmerliche Provinznest zu einem .für damalige Verhält 
nisse machtvollen Stadtbild, dessem Mittelpunkt er ein so 
einheitliches und großzügiges Gepräge in dem von ihm 
meisterhaft beherrschten neuklassizistischen Stil zu ver 
leihen wußte, wie es keine andere Stadt im Norden (abge 
sehen von Petersburg) aufzuweisen hat. Aber Engel war 
kein geborener Finnländer, sondern ein aus dem Auslande 
eigens für diese eine Riesenaufgabe berufener Deutscher. 
Diese unerwartete architektonische Glanzperiode, die ihre 
Entstehung politischen Ursachen verdankte, war nur an den 
einen Künstler geknüpft; an seinen Zeitgenossen ging sie 
spurlos vorüber, ohne Anregungen und ohne irgendwelchen 
schöpferischen Nachwuchs. Bedeutungsvollere, d, h. öffent 
liche Bauten wurden während der folgenden Jahrzehnte in 
der Regel von ausländischen Architekten ausgeführt. In den 
siebziger und achtzigerjahren traten eine Reihe einheimischer 
Baukünstler auf. die eine freiere Ausbildung überlieferter 
Formen anstrebten, aber über einen die Antike und die 
Renaissance nachahmenden Eklektizismus kamen sie alle 
nicht hinaus. 
Erst um die neunziger Jahre erhob sich auch in Finn 
land eine frische und junge Opposition gegen den Schlen 
drian in der Baukunst. 
Norman Shaws Wiederbelebung der alten nationalen 
Ziegelrenaissance brachte die Anwendung des unverputzten 
Ziegels auch in Skandinavien und Finnland wieder zu Ehren. 
Es entstanden nun eine Reihe bemerkenswerter Gebäude, 
wo der „Rohbau“ in schöner und geschmackvoller Weise 
durchgeführt wird und der Putz sich nur auf Einzelheiten 
und verbindende Teile beschränkt. Mit der Achtung vor 
dem Material als solchem trat nun auch das Bedürfnis nach 
edlerem und schönerem Material zutage. Aber dieses Ma 
terial mußte von auswärts verschrieben werden, und die 
hohen Beförderungskosten veranlaßten die Baukünstler ihre 
Blicke auf die Hilfsquellen des eigenen Landes zu richten. 
Und man entdeckte, das die Heimat in Überfülle ein Material 
zu bieten hatte, daß an Solidität und kraftvoller Schönheit 
seinesgleichen suchte — den Granit. Von nun an begann 
die finnländische Hauptstadt und nach ihrem Beispiel bald 
auch andere Städte sich hier und da in den unzerstörbaren 
grauen und rötlichen Mantel des Urgebirges zu kleiden, und 
es entstanden allmählich Bauwerke, die durch das edle 
natürliche Material ihrer Fassaden sich in kraftvoller Vor 
nehmheit von ihrer plebejischen Parvenüumgebung ab 
heben. Bald wurde noch ein anderes einheimisches Material 
gefunden: der Topfstein, der sich als vorzüglich für Bau 
zwecke eignet: er ist leicht zu behandeln, bietet im roh- 
behauenen Zustande eine lebhafte malerische Oberfläche 
und schillert zu Blöcken gesägt in einem entzückenden 
Silberton. 
Inzwischen hatte eine junge Architekturfirma: Gesellius 
Lindgren und Saarinen ein Werk geschaffen, das trotz 
des vergänglichen Zweckes, dem es diente, von unerwarteter 
Bedeutung für die Entwicklung der finnischen Baukunst 
werden sollte. In dem Wettbewerb um einen finnischen 
Ausstellungspavillon für die Weltausstellung in Paris 1900 
hatten sie den ersten Preis gewonnen. Das kleine Gebäude 
erregte allgemeines Entzücken durch seine romantische 
Originalität. Die feierliche Würde mittelalterlicher finnischer 
Baudenkmäler schien sich hier mit der Natursymbolik der 
Volksdichtung „Kalewala" und einer kapriziös modernen 
Phantastik verschwistert zu haben. Mit diesem kleinen 
Pavillon brach zunächst eine kurze Periode ausschweifender 
Romantik in der finnischen Baukunst ein. Aber schon 
nach wenigen Jahren machte sich eine Reaktion gegen die 
allzu launische Erker-, Loggien und Turmarchitektur geltend 
und schlug teilweise in einen extremen Aszetismus um, wie 
er wiederum in ein paar von demselben Architektentrio ge 
schaffenen interessanten Wohnhäusern in Helsingfors zu 
tage trat. Nach diesen ersten stürmischen Anläufen und 
tastendem Suchen nach einem eigenen Stil fanden dann die 
jungen finnischen Baukünstler den Anschluß an die neue 
Formensprache der modernen Baukunst in den großen 
Kulturländern und lernten sie mit ihrem eigenen Tonfall 
und Rhythmus reden. Heute ist eine so stattliche Anzahl 
schöpferisch hervorragender Architekten in Finnland am 
Werk, daß nicht nur im eigenen Lande die Baukunst alle 
übrigen bildenden Künste an selbständiger Blüte überflügelt 
hat, sondern auch einen Wettbewerb mit den besten Kräften 
der übrigen Länder nicht zu scheuen braucht. 
III. 
Der stärkste Anreger, die führende Kraft und der 
glänzendste Vertreter dieses Aufschwungs der finnischen 
Baukunst ist der im Jahre 1873 geborene Eliel Saarinen. 
In ihm vereinigen sich in seltenem Grade die Grund 
bedingungen, die den großen Baukünstler bilden und kenn 
zeichnen; die klare Übersicht über den Grundriß als den 
Ausgangspunkt für die jeweilig gestellte Aufgabe, der un 
trüglich sichere Instinkt für den organischen Zusammen 
hang zwischen Aufbau und Grundriß, für Raumverteilung 
und Raumdimensionen; das feine Gefühl für die Ausbildung 
und richtige Abwägung der Massen und der künstlerische 
Blick für die architektonische und monumentale Wirkung. 
I Wenn man die lange Reihe der Saärinenschen
	        
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