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Volume H. 3/4

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 17.1920 (Public Domain)

JAHRG. XVII 
1920 
HEFT 3/4 
21 
PER STÄPTEBAU 
MONATSHEFTE FÜR STÄDTEBAU UND SIEDLUNGSWESEN 
HERAUSGEBER H. DE FRIES, BERLIN 
GEGRÜNDET VON THEODOR GOECKE UND CAMILLO SITTE :: VERLAG VON ERNST WASMUTH A.-G., BERLIN W8 
INHALTSVERZEICHNIS; Bin finnischer Städtebauer. Von Johannes öhquist. Dazu die Tafeln 13—19. — Wettbewerb fUr die architektonische 
Ausgestaltung des Baugebietes Schafweide und Altwasser in Mannheim. Von Architekt Heinrich Voll, Berlin, Dazu die Tafel 20. Ein städtebau 
licher Wettbewerb für Paris. Von Geh. Regierungsrat Wernekke, Berlin-Zehlendorf. — Taj Mahal. Ein monumentales Grabdenkmal in Indien. Dazu 
die Tafeln 21 und 2a. —. Chronik. 
Nachdruck der Aufsätze ohne ausdrückliche Zustimmung der Schriftleitung verboten. 
EIN FINNISCHER STÄDTEBAUER. 
Von JOHANNES ÖHQUIST. Hierzu die Tafeln 13—19. 
I. 
In Finnland gibt es keine „alten“ Städte in dem .Sinne, 
daß sie noch heute wenigstens einen Teil ihrer ursprüng 
lichen Gestalt beibehalten hätten. Von den rund 35 Städten 
Finnlands sind nur 3 um das Jahr 1300, 1 um 1400, 3 während 
des XV., 3 im Verlauf des XVI. und 12 während des XVIII. 
Jahrhunderts gegründet worden. Alle übrigen sind jüngeren 
Datums, darunter gibt es sogar solche aus den letzten Jahr 
zehnten. 
Aber auch unter den ältesten Städten gibt es keine ein 
zige, die aus ihrer frühesten Zeit etwas anderes aufzuweisen 
hätte als ein einzelnes Gebäude: die aus unbehauenen Granit 
blocken gefügte ehrwürdige mittelalterliche Kirche oder die 
Ruine eines ehemaligen Schlosses. Ja die meisten tragen 
weder im allgemeinen noch im einzelnen kaum mehr eine 
Spur des Alters an sich. Aus Holz gebaut, wie sie durch 
weg waren, sind sie wiederholt von verheerenden Feuers 
brünsten heimgesucht worden oder in den immer wieder 
kehrenden Kriegen das Opfer feindlicher Überfalle und 
Plünderungen gewesen, die oft genug den ganzen Ort dem 
Erdboden gleichmachten. Wenn dann die Stadt wieder auf 
gebaut wurde, geschah es ohne Pietät vor der Vergangen 
heit und ohne viel Voraussicht für die Zukunft. Man baute 
schlecht und recht nach Maßgabe der bescheidenen Mittel 
und gemäß den Bedürfnissen des Augenblicks. Es waren 
Landstädtchen ohne Aussicht, je etwas anderes zu werden. 
Manche von ihnen sind jedes Jahrhundert mindestens ein 
mal ein Raub der Flammen geworden. Von Geschichte 
Anmerkung der Schriftleitung; Der Verfasser des Textes ist Herr 
Professor Johannes Öhquist, Mitglied der finnischen- Gesandtschaft in 
Berlin, der durch seine persönliche und nahe Bekanntschaft mit Professor 
Saarinen über dessen Arbeit, Ideen^und Ziele eingehend unterrichtet ist. 
und Überlieferung und sichtbaren Denkmälern ist hier also 
kaum etwas vorhanden. 
Dazu kam, daß eine eigentümliche Naturerscheinung 
an der Küste des Bottnischen Meeres die Bewohner einzelner 
Städte zwang, ihre alten Wohnstätten aufzugeben und neue 
aufzusuchen. Langsam aber stetig hebt sich nämlich das 
Land an beiden Seiten des Bottnischen Meerbusens — im 
nördlichen Teil bis zu 1,70 m im Jahrhundert, im Süden 
geringer — und Orte, die einst als Hafenstädte am Meer 
entstanden, sehen sich nach einigen hundert Jahren vom 
Meer getrennt, und die Bewohner müssen, um ihrem ge 
wohnten Gewerbe nachgehen zu können, dem fliehenden 
Meere nachwandern, wie das in einer der bedeutendsten 
Städte österbottens, Wasa, geschah, das 1610 als Hafenstadt 
aufgebaut, im 19. Jahrhundert sich 5 km entfernt vom Meere 
befand. Als zudem im Jahre 1852 ein entsetzlicher Brand 
die Stadt zerstörte, entschlossen sich die Bewohner, sie ganz 
aufzugeben und gründeten das neue Wasa an der neu ent 
standenen Küste. 
Wo es in Finnland noch kümmerliche Reste alten oder 
älteren Städtetums gibt, da weist es das übliche Bild auf: 
krumme und enge Gäßchen, die freilich dank den ein 
stöckigen Holzhäuschen nicht finster sind, im übrigen aber 
nicht erkennen lassen, ob bei ihrer Anlage irgendwelche 
Absichten praktischer oder künstlerischer Art obgewaltet 
haben. Derartige Prinzipien lassen sich sogar bei den 
Gründungen und Neuregelungen aus dem letzten Jahrhundert 
nur in recht dürftigem Grade feststellen. Die jüngeren und 
jüngsten Schöpfungen des Städtebaues in Finnland sind von 
einer phantasielosen Eintönigkeit und schachbrettartigen 
Regelmäßigkeit, die in den Städten, wo die ewig gleiche 
Physiognomie der einstöckigen Holzhäuser hinzukommt, 
geradezu tödlich langweilig wirkt.
	        
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