Path:
Volume H. 1/2

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 17.1920 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
18 
Wenn ich noch jene bunte Graphik streife, die jetzt 
als Baukunst zum Überdruß ausgeklingelt wird und auch 
hier darauf hinweise, daß das Mittel der Papierfläche, eine 
Formabsicht festzuhalten, zum Endzweck ausgebaut wird, 
so habe ich einige der wesentlichsten Gründe festgestellt 
für die Tatsache, daß die junge Baukunst trotz aller 
papiernen Programmatik Arbeiten von wahrhaft raum 
künstlerischer Bedeutung noch nicht geschaffen hat. Betont 
sei nur noch, daß die Vermanschung der reinen künstle 
rischen Formprobleme der Raumschöpfung mit den an sich 
sehr ernsthaften sozialen Entwicklungen unserer Zeit der 
Sache selbst nur schaden kann und die Urheber in den 
Verdacht einer üblen Konjunktur-Politik bringt. 
Es sollen hier einige Arbeiten von jüngeren Architekten 
gezeigt werden, die in der Idee ihres Strebens ernst zu 
nehmen sind, und die — teils bewußt, teils gefühlsmäßig — 
sich ehrlich, oft leidenschaftlich um Baukunst bemühen und 
zugleich sämtlich den Vorzug haben, mit ihren künstle 
rischen Ideen durch eine sehr konkrete berufliche Basis 
verknüpft zu sein. So ist ihre Arbeit als eine Selbststeige 
rung über das Schaffen des Alltags hinaus zu würdigen. 
Ein Versuch, aus der Menge der Baubeflissenen einige 
wenige herauszuheben, kann die Bedeutung eines Wert 
urteiles nicht haben. Vielleicht sitzt irgendwo in einer 
Ecke Europas das architektonische Genie, auf das wir 
warten und das wir noch nicht kennen. Im heutigen Krisen 
stadium sind Überraschungen nicht nur zu erwarten, sie 
sind wahrscheinlich. 
« 
Das große Verwaltungsgebäude, das Karl Wilhelm 
Schulten, Düsseldorf, in Abb. 1 Tafel 10 zeigt, ist charak 
teristisch durch rhythmische Problemstellung. Die Verhält 
nisse dieses Baues oder vielmehr dieser Front scheinen gut 
abgewogen, das Spiel und Widerspiel des vertikalen Auf 
lösungsrhythmus und der horizontalen Bindung wirkungsvoll 
durchgeführt. Gut auch die beruhigte Fläche des seitlichen 
oberen Abschlusses über der Lebhaftigkeit der Fronten. 
Was diese Arbeit gegenüber dem Mannesmannröhren- 
Gebäude von Peter Behrens in Düsseldorf, an das sie er 
innert, auszeichnet, ist das Empfinden für den Wert der 
relativen Dissonanz. In diesem Falle würde die nüchterne 
Reihung monoton, ja quälend wirken, wenn sie nicht zu 
der starken und ruhigen vertikalen Masse in der Mitte des 
Baues in einen sehr wirkungsvollen Kontrast gesetzt wäre. 
Rhythmus an sich ist ebensowenig ein Evangelium wie 
Glas an sich. Die unteren Eckbetonungen erscheinen auf 
gelegt, der Kontrast von sachlichem Pfeiler-Rhythmus zum 
ornamental betonten Haupteingang gibt Wirkung. 
Für das prinzipielle Schaffen Schultens typisch ist Abb. 2 
Tafel 10. Er versucht in einer Komposition Körper ver 
schiedener Verhältnisse harmonisch abzustimmen und zu 
sammenzufügen. Doch leidet dieses Bemühen noch unter 
dem Ausdrucksmittel der Zeichnung, die immer zur Ansichts 
flächenwirkung verleitet. Arbeit mit plastischem Material 
dürfte den zweifellos begabten Architekten weiter führen. 
• 
Ähnliches Bemühen zeigt der Architekt K. P. Andrae, 
Dresden. Leider läßt sich der Verfasser zu einer stark 
graphischen Behandlung seiner Blätter verführen, die — ihre 
Geschicklichkeit ungeachtet — das wesentlich Architekto 
nische gefährdet. Ein Symptom der graphischen Gefahr, 
auf die wiederholt hingewiesen wurde. Die Manie vieler 
begabter junger Architekten, sich graphisch auch in Ra 
dierung und Holzschnitt zu betätigen, bedeutet in der Tat 
eine ernste Bedrohung der körpersinnlichen Grundelemente 
des architektonischen Formausdruckes. Wieder einmal zeigt 
sich, wie leicht alle leidenschaftliche Bemühung in eine irrige 
Richtung treiben kann, weit ab vom Ziel. Abb. 3 Tafel 11 ist 
eine jener Arbeiten von Andrae, die schon einige Zeit zurück- 
liegen. Die untere, längere und niedrigere Horizontalmasse 
des Baues gibt eine Art Sockel zur hinter ihr erwachsenden 
schmäleren und höheren Form, die aber wieder betont 
horizontal gebunden ist, was besonders dem Eckumlauf 
zugute kommt. Noch stärker, im engeren Horizontal- 
Rhythmus, wächst die oberste Masse des gekuppelten Turmes 
heraus. Ein Torhallenbau vermittelt Übergänge. Zwei senk 
rechte Pilaster überschneiden flankierend und verhelfen den 
Horizontalen erst zum Wert, der stets in der Relation be 
steht. Das vorgelagerte Wasserbecken gibt ein Gefühl der 
horizontalen Ruhe, hebt zugleich durch die unterbewußte 
Empfindung der Tiefe den monumentalen Ausdruck der 
Gesamtanlage, schafft zuletzt Kontrastreiz zwischen mächtig 
geformten festen Massen des Baues und der leichten flächen 
haften Flüssigkeit des Wasserspiegels. 
In neuerer Zeit widmet sich Andrae, von Architekturen 
des Orients angeregt, jenen exzentrischen Versuchen, an 
denen die junge Baukunst so reich ist. Abb. 4 Tafel 11 zeigt 
einen solchen Entwurf, der wertvoll dadurch ist, daß er von 
Tradition frei zu kommen sich bemüht und mit einer nicht 
geringen raumsinnlichen Wucht Wirkung ausübt. Hier darf 
jene andere Gefahr angedeutet werden, die darin besteht, daß 
man nur die mitteleuropäische Bautradition mit der. indischen 
oder ägyptischen vertauscht, wobei in Wahrheit nichts ge 
wonnen und nur der Rock gewechselt ist. Im ganzen ge 
nommen ist der Eindruck einer wertvollen Entwicklung in 
einer Reihe von Arbeiten Andraes nachhaltig. 
* 
Abb. 5 und 6 Tafel 12 zeigen Entwürfe des jungen Ham 
burger Architekten J. D. Peters. Zahlreiche Arbeiten von ihm 
bemühen sich um jene bereits erwähnte enge Beziehung 
zwischen Bau und Raum, Masse und Luft, Bauwerk und 
Landschaft. Von völlig Ungeformtem her verdichtet sich 
die Materie allmählich zur Baumasse, in ihrer Festigkeit 
betont durch die eingerammten breiten Kamine. Der Ent 
wurf in Abb. 5 ist (wie bei Lloyd Wright, Amerika-China) 
wesentlich horizontal gebunden und dadurch in seinem Aus 
druck von einer gesicherten Ruhe. Die kontrastierende 
Wirkung der lotrechten Säule wird gemildert durch das 
umgebende Wasser, das das Lastgefühl aufhebt, und durch 
die ruhig sich schließende Kreisform des Bassins. Gut 
gefühlt die Raumtiefe, d. h. die ausschlaggebende Bedeutung 
der dritten Dimension. 
Auf ähnlicher Grundlage, der Entwicklung der Raum 
tiefe, diesmal durch Pfeiler-Rhythmus, beruht der Entwurf 
in Abb. 6. Hinleitung zur Tiefe ferner durch Behandlung 
der Fußbodenfläche, die in diesem Sinne aber doch nicht 
stark genug ist. Das Gewicht der umlaufenden Wandfläche 
über den Pfeilern aufgehoben durch Malerei. Zusammen 
bindung des Raumes durch die Art der Deckenbehandlung. 
Im ganzen trotz graphischer Gefahren Arbeiten voll starker 
Empfmdungswerte im räumlichen Sinne.
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.