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Volume H. 1/2

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 17.1920 (Public Domain)

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DER STÄDTEBAU 
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heit, ermutigt durch seinen unverkennbaren erzieherischen 
Einfluß auf das Gartenleben und die Naturliebe der Laien- 
bevölkerung, verschloß ich dieses neue Blumenreich nicht 
ängstlich den Blicken der Vorübergehenden, sondern ich 
ordnete es ein, öffnete Sichten und schuf so zugleich mit 
dem sinnigen Anzuchtsfeld den Schmuckgarten für die sonst 
an Blütenschönheit arme Wohnstadt. Es bedurfte nur eines 
kurzen Schrittes, um die Erfahrungen in jenem Anzuchts 
garten anzuwenden und sie an dieser Stelle zu verwirk 
lichen; ich teilte die gesamte Fläche in kleinere und größere 
Sonderräume, die nun nicht mehr einzig dem Zweck der 
Anzucht dienten, sondern die Möglichkeit ergaben, die An 
ordnung der Blumen nach Haltung und Farben, ihre Wirkung 
im Wechsel der Kontraste zu erproben. Und zum Beweis, 
daß mit bescheidenen Geldmitteln ebensowohl Vollkommenes, 
rhythmisch Wohlgegliedertes. wie Unvollkommenes, mangel 
haft Organisiertes geschaffen werden kann, gliederte ich 
den Garten nach den Gesetzen der Zweckmäßigkeit und 
Schönheit, um allen denen durch Anschauung die Wege zu 
zeigen, wie mit bescheidenen Mitteln schöne Zweckgärlen 
zu schaffen sind. Ich meine, daß es Aufgabe aller Garten 
ämter sein sollte, im ähnlichen Sinne der Gartenkultur dien 
lich zu sein. Von diesem lebendigen, schaffensfrohen Wirken, 
diesem Erproben und Wechselvollen lernt der Gartenfreund 
mehr zum Wohle seines eigenen Gartenheims als von Pracht 
stücken, die, um nicht im immer Wiederkehrenden lang 
weilig zu werden, unendlichen Mühen und angstvollem 
Projektieren schließlich ihre Entstehung verdanken. 
Es ist ein gepflasterter Hauptweg der die Anlage teilt. 
(Tafel 7, Plan a). In seinem Bruch ist ein breites Becken 
gebaut, welches das tageswarme Gießwasser für die jungen 
Pflänzlinge enthält. Pyramidenpappeln umstellen den Kreis; 
Hecken, die den störenden Wind abfangen, vermitteln, ver 
einigen, schaffen Raum und bestimmte Linien. (Tafel 8, 
Bild a). Dieser Mittelpunkt der gesamten Planung tritt 
schon landschaftlich als festgefügte, scharf umrissene Grün 
masse in die Erscheinung. 
Alles, was sonst zum Schutze der Anzuchtquartiere ge 
pflanzt wurde, geschah gleichzeitig mit Rücksicht auf eine 
für die gesamte Gartenwirtschaft und -gestaltung Lübecks 
anzustrebende Anwendung. 
Es wird gezeigt, welches Pflanzenmaterial bezüglich der 
örtlichen klimatischen Verhältnisse zu wählen ist, wie das 
selbe zusammengefügt — Abstand und Höhe — und tech 
nisch — Schnitt und Fiechtung — behandelt wird, um den ge 
wünschten Formenausdruck zu erreichen. Geschorene und 
freie Hecken, Pfeiler und Torbogenbildungen werden gezeigt 
in ihrem technischen Aufbau, Laubengang, offene und ge 
schlossene Heckengänge vorgeführt. (TafelS, Bild b.) Prüfungs 
abteilungen, in denen alle Neuheiten auf Wuchs, Haltung 
und Blütenfarbe geprüft werden, gleichzeitig aber Versuchs 
möglichkeiten zulassen, die Arten und Farben in ihrer har 
monischen und gegensätzlichen Wirkungzu erproben, bieten, 
gleichermaßen der Bevölkerung gesunde Anregung für die 
Ausstattung eigener Gärten mit Blumen. Von lebenden 
Heckengängen in mancherlei Formen umsäumt, reiht sich 
das Sommerblumengärtchen an die Rosenabteilung, Hier 
werden die meisten Züchtungen auf ihre Dauerhaftigkeit 
geprüft an schlichten Knüppelholzgestellen die. zum Lauben 
gang geordnet, die prächtigen Rankrosen gezogen; zugleich 
aber ist die Einteilung dieser Rosenabteilung ein Muster 
beispiel für die Gliederung kleiner Rosengärten im Bereich 
privater Hausgärtenschöpfungen. Wie der Teich des Haus 
gartens zu gestalten ist, zeigt ein Wassertümpel, welcher 
der Notwendigkeit, das Gartengelände trockenzulegen, zu 
entwässern, seine Entstehung verdankt. Wasserpflanzen 
aller Art zur Belebung öffentlicher und privater Teiche, 
insbesondere aber die farbenreichen Teichrosen, werden dort 
kultiviert und geprüft. 
Das sind eine Reihe sofort in die Augen springender 
Momente. Unscheinbar dünkt so manch andere Maßnahme. 
Wegebreiteu, Wegeführung, ihre Einfassung und Länge, 
Platzbildungen, Einordnung und Einrichtung des Kompost 
platzes, Ausbildung der Gerätebude, Rosenhag und Blüten 
rabatte am Hauptweg in ihrer Teilung und Breite, alles das 
ist mit Vorbedacht geordnet und ineinandergefügt. 
Aus dem zweiten Stockwerk eines der gegenüber 
liegenden Wohnungen wurde Tafel 9 Bild b aufgenommen. 
So ist die Aufschließung und Pflanzung des Gartens am 
ehesten zu ersehen. 
Als man dem Plan eines längst von seiten der Lehrer 
schaft gewünschten Zentralschulgartens nähertrat, wurde 
ein bisher als Kleingartenland benutztes, an den Anzucht 
garten unmittelbar anschließendes Gelände von 5000 qm 
etwa für die Planung ausersehen.. Diese Lage ist insofern 
besonders günstig, als der Jugend die Gartenformen unserer 
Blumen und Sträucherund ihre mannigfaltige Verwendungs 
möglichkeit innerhalb bewußt gegliederter Gärten leicht 
nahegebracht werden können. Andererseits bot sich die 
Gelegenheit, den heranwachsenden Bürgern die Arbeit in 
dem Strauch- und Baumzuchtgarten, die Aufzucht, Ver 
edlung und Pflege durchAnschauung lebendig und interessant 
zu machen. Durch Anschluß an vorhandene Wegeführungen 
ist eine organische Verbindung aller drei Gärten ohne 
Schwierigkeit möglich. 
Tafel 7 Plan b erläutert die Einteilung des Schulgartens. 
Wenn auch in diesem dem rein botanischen Schulunterricht 
dienenden Garten in der Hauptsache alle ästhetischen 
Forderungen hintenangestellt werden müssen, so zeigt die 
Vorlage doch, daß Anzuchtbeete, Baum- und Gehölzpflan 
zungen, Wege, sich als notwendig erweisende Felsanlagen 
und Wassertümpel für die Sumpf- und Wasserflora nach 
rhythmischen Gesetzen wohl aneinanderzugliedern sind. 
Die Zukunft für unsere grünen Reviere in den Städten 
ist dunkel und gibt zu Hoffnung wenig Anlaß: Schon be 
ginnen die Städte ihre Ausgaben einzuschränken. Daß in 
erster Linie unseren Parkanlagen ihre Entwicklungsmöglich 
keit, Sauberkeit und Pflege durch die künftige Finanzlage 
unterbunden wird, haben schon heute mit Wehmut die 
Gartenämter erfahren. 
Ob dieses gewaltsame Sparen am grünen Teil unserer 
Städte aber umsichtig ist, darüber will ich mich an dieser 
Stelle nicht einlassen. 
Für mich bedeutet dies Großstadtgrün mehr als Lunge 
und Verschönerungsakt. Ich erblicke in ihm die Kraft, be 
drängte, irregeführte Menschen seelisch und moralisch zu 
gesunden. Aber noch eines wirken sie, still und im ge 
heimen: sie erziehen zur Ordnung, zur Achtung des Kleinsten 
unter uns Menschen. 
Vielleicht werden Gärten dieser oben geschilderten Art 
künftig viel erstehen in unseren Städten, denn sie sind wirt 
schaftlich und erzieherisch.
	        
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