Path:
Volume H. 1/2

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 17.1920 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
7 
vermag, um so weniger, je mehr er sich entwickelt, und je 
höher dadurch die Bedürfnisse steigen, so ist auch der 
Gruird, aus dem die einzelnen Völker untereinander in Be 
rührung und Beziehung treten, allein im Wirtschaftlichen 
zu suchen. 
Nur weil das eine Volk hat, wessen das andere 
bedarf, deshalb verkehren sie miteinander. 
Diese Wahrheit gilt auch für das einzelne Individuum. 
Alle intellektuellen und moralischen Beziehungen, die sich 
überdies noch zwischen den Völkern und Menschen her- 
stellen, sind, so sehr sie im Vordergrund stehen, nicht als 
Grundbeziehungen, sondern als Folgeerscheinungen zu be 
trachten. Mit dieser Wahrheit ist der Standpunkt gegeben, 
von dem aus die neue Aufgabe angefaßt werden muß, wenn 
anders sie in die Tat umgesetzt werden soll. 
Eine entwicklungsfähige Gemeinschaft ist nur als eine 
solche denkbar die sich über ihre gemeinschaftlichen Wirt 
schafts- und sozialen Angelegenheiten zu verständigen ver 
mag und ferner einsieht, daß ihre Entwicklung auch das 
Gedeihen anderer Volksgemeinschaften zurV oraussetzung hat. 
Dieser hohen Aufgabe kann nur ein einheitlicher Or 
ganismus entsprechen, der nach den Gesetzen der Biologie 
zivilisatorisch lebens- und entwicklungsfähig ist. .Ihn zu 
schaffen, ist allein eine Frage der wirtschaftlichen und 
sozialen Erkenntnis und des wirtschaftlichen und sozialen 
bewußten Willens. 
Der Organismus, von dem wir reden, ist die deutsche 
Wirtschaftsgemeinschaft, geteilt in einen Produktionsmotor 
und seine entsprechende Konsumtionsfläche, Für eine bio 
logische Entwicklung des Ganzen kommt es darauf an, 
Produktions- und Konsumtionsfaktor rationell zur höchsten 
Auswirkung zu bringen. Das kann aus natürlichen Gründen 
nur geschehen durch ein beiden Faktoren adäquates Kom 
munikationsnetz und durch einen der Natur der Sache ent 
sprechenden Mittelpunktsakkumulator, dem die Erregung 
und Regelung der Bewegung obliegt. 
Die Skizzen zu einem entsprechenden Kommunikations 
netz im kombinierten, also im nationalen und kontinentalen 
Sinne, sind vom Verfasser dieser Denkschrift, der dabei von 
der Auffassung Friedrich Lists ausgeht, entworfen worden. 
Die Skizzen können wir aus technischen Gründen nicht 
beifügen, doch stehen sie jedem ernsthaften Interessenten 
zur Einsicht zur Verfügung. 
Was uns an dieser Stelle, wo wir uns mit dem Gesetz 
entwurf Groß-Berlin beschäftigen, im besonderen inter 
essiert, ist die Art der Mittelpunktsbildung. 
Wie der Mikrokosmos Mensch nicht existenzfähig ist, 
wenn nicht jeder äußere Eindruck und jedes innere Ge 
schehen zunächst dem Gehirn übermittelt wird und dann 
vom Gehirn die Anweisung empfangt, was zu tun ist, so ist 
auch der moderne Großstaat nicht existenzfähig, wenn er 
sich nicht ein Gehirn schafft, dem alle Eindrücke von außen 
und alle Bewegungen im Innern, seien sie wirtschaftlicher 
oder sozialer Natur, übermittelt werden, das mit den feinsten 
Kräften, die der Staat aufzuweisen hat, aufgebaut wird, das 
die Vorgänge im Innern und die Aktionen nach außen zu 
registrieren, anzuregen und zu beherrschen vermag. 
Das wirtschaftliche, soziale und politische Leben eines 
Volkskörpers ist das eines gewaltigen überpersönlichen In 
dividuums. Auch er hat deshalb ein registrierendes, ein 
allen Anregungen beständig ausgesetztes und selbst An 
regungen zu geben befähigtes Instrument notwendig, das in 
ihm dieselbe Rolle spielt wie das Gehirn im menschlichen 
Körper. Die natürliche Vorbestimmung, zu diesem Instru 
ment physiologisch ausgestaltet zu werden, trägt die Mittel 
punkts- und Hauptstadt eines Volksorganismus, Sie ist der 
Akkumulator, Generator und Regulator aller materiellen und 
geistigen Kräfte der Volksgemeinschaft. 
Ein den physiologischen Bedingungen entsprechender 
Organismus ist zwar die Grundlage, vermag aber als solcher 
noch nicht seine Funktionen verstandesmäßig zu bewerk 
stelligen. Dazu fehlt ihm die bewußte Seele. Zur Voll 
kommenheit muß er also die Gabe besitzen, sich seines 
Selbst bewußt zu werden, dessen Funktionen verstandes 
mäßig zu begreifen und zu regulieren und weiter die Mög 
lichkeit gewinnen, Welt und Menschheit über die Schranken 
des eigenen Mikrokosmos hinaus als ein Ganzes zu erfassen, 
sich als lebendige Zelle in den Gesamtorganismus einzu 
schalten, nicht nur die eigene Berechtigung zu lebendigem 
Wachstum erkennen und durchsetzen, sondern auch das 
lebendige Wachstum der übrigen Zellen als notwendig be 
rechtigt anzuschauen und sie in lebendiger Wechselbeziehung 
fördern. Träger dieser psychischen Mittelpunktsaufgabe im 
deutschen Gesamtorganismus können nur die besten deut 
schen Köpfe seih. (Siehe „Die Großsiedlung und ihre welt 
politische Bedeutung“, Kapitel: Großsiedlung und Konzen 
tration.) 
Wie wir vorhin den physischen Akkumulator zeichneten, 
so sprechen wir jetzt davon, daß dieser zugleich geistiger 
Akkumulator sein muß. ln dieser Eigenschaft des Mittel 
punktes liegt die Bewältigung seiner psychologischen Aufgabe. 
Die Akkumulierung der psychischen Kräfte muß im 
Gesamtorganismus wie in der Mittelpunktssiedlung pyra 
midenförmig sein. Die Mittelpunktssiedlung stellt in sich 
die Spltzenscbichtung der Gemeinschaftspyramide dar, muß 
aber selbst und als solche ebenfalls in feinster Zuschichtung 
über die Schichten der ausführenden, in die immer schma 
leren Schichten der schöpferischen Geister hineinlaufen. So 
belebt bildet der biologisch nach der physischen Seite hin 
richtig gebaute Mittelpunktsorganismus zugleich die bewußte 
Seele aller Verstandes- und willensmäßigen Akte des Wirt 
schaftslebens, ist er auch nach seiner psychischen Seite hin 
dessen Generator und Regulator. 
Gregorovius spricht in seiner Geschichte von Athen den 
historischen Städten die Bedeutung wesenhafter Porträts der 
Völker, die sie geschaffen haben, zu. In der Antike kommt 
diese Tatsache z. B. mit voller Klarheit dadurch zum Aus 
druck, daß das ganze Imperium Romanum den Namen 
seiner Weltstadt führt. 
Die Gestaltung der heutigen zivilisierten Welt ist wirt 
schaftlich und sozial mannigfaltiger geworden als die der 
Antike. Aber die funktionelle Bedeutung, der psychologische 
Ausdruck der Mittelpunktsstädte ist derselbe geblieben wie 
damals. Man kann genau so von einem Londoner Impe 
rium, wie von einer Pariser Zivilisation sprechen. 
Ausdruck der psychischen nnd physischen Eigenart 
eines Menschen ist seine Physiognomie. Sie ist demMenschen- 
kenner deutlich sichtbar, der konzentrierte Ausdruck seiner 
Gesamtpersönlichkeit. Genau so liegen die Verhältnisse bei 
einem geographisch ethnischen Individuum. Die Ver 
einigung dieser seiner beiden Pole, des materiellen und des 
geistigen, findet ihren Ausdruck in der Physiognomik seines 
Antlitzes, d. h. eben das Gehirn tragenden Mittelpunkts- 
Organismus, von dem wir sprechen. Groß-Berlin muß die
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.