Path:
Volume H. 9/10

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 17.1920 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
97 
beziehungslos Bau neben Bau, sondern die einzelnen Ele 
mente bewerten durch Beziehung und Gegensatz einander. 
In seiner ursprünglichen Gestalt ist uns heut kein Markt 
platz mehr erhalten. Große Brände, von denen fast jede 
Stadt im Laufe der Zeiten mehrfach heimgesucht wurde, zer 
störten die bis ins 16. Jahrhundert hinein aus Holz errich 
teten Markt- und Rathäuser. Der Vergleich der kubischen 
Verhältnisse dieser kleinen Giebelhäuser mit den vertikal 
entwickelten Massen der Pfarrkirche muß in der Wirkung 
ihrer gegensätzlichen Größenverhältnisse gewaltig gewesen 
sein. Die Schönheit der Situation des Patschkauer Oberringes 
mit der mächtigen Pfarrkirche oder auch des Markt 
platzes in Ober-Gloigau beruht auf dieser wundervollen 
Beziehung. Die bewundernswerte Fähigkeit der alten Stadt 
baukunst besteht eben darin, daß sie jeden Neubau, gestaltet 
im Geiste seiner Zeit, in die bestehende Situation ohne Miß 
klang einzufügen versteht. Auch die schlichten baulichen 
Verbindungen Oberschlesiens bilden, sofern ihre Harmonie 
noch erhalten ist, Werte von ausgeglichener Einheit. 
Das Rathaus war in alter Zeit das Kaufhaus und auch 
Verwaltungshaus der Stadt. Meist steht es frei in der Mitte 
des Platzes (Ober-Glogau), vielfach aber angelehnt an einen 
Häuserblock, Im allgemeinen wurzelt die Entstehung dieser 
Häuserblocks auf dem Marktplatz darin, daß anfangs leichte 
Bauten (Bauden) zu Handelszwecken hier standen. Der 
Handelszweck des Rathauses war früher bedeutungsvoller 
als der Verwaltungszweck. Geräumige Niederlagsgewölbe 
im Unterstock der Rathäuser von Oppeln, Ober-Glogau u. a. 
zeugen davon. Das Äußere der ersten Rathäuser dürfte 
sich von dem der hölzernen Bürgerhäuser wohl nur durch 
den Umfang unterschieden haben. Als eines der letzten 
dieser Art ist uns das Rathaus in Myslowitz (abgebr. 1855), 
ein Schrotholzbau mit Säulenvorhalle, bekannt. Die ersten 
massiven Gebäude stammen aus dem 15. Jahrhundert, er 
hielten jedoch ihre gegenwärtige Gestalt im 17, Jahrhundert 
und später. Eine bedeutsame Rolle bei der architektonischen 
Ausgestaltung der Rathäuser spielte der Ratsturm. Er ver 
körpert in Zeilen der Blüte in seinem Aufbau den Wohl 
stand der Gemeinde. Kirche und Turm sind die Wahr 
zeichen jener Gewalten, deren Kampf um die Vorherrschaft 
zuerst die Welt bewegte. Dieser Wettstreit drückt sich 
auch in den Bauwerken jener Zeit aus. Später entstehen 
dann jene stattlichen Rathäuser, welche uns so deutlich 
die aufstrebende Macht des Bürgertums zur Anschauung 
bringen (Neiße, Kosel, Ottmachau u. a.). 
Gläubiger Sinn errichtete im barocken Zeitalter zur 
Zierde des Marktplatzes Heiligenstandbilder. Mit starkem 
Raumgefühl sind sie meist gegen eine Seite des Platzes 
gerückt. Sie verstärken damit die Plastik der Raumwirkung. 
Neustadt, Ratibor, Leobschütz und Ottmachau zeigen uns 
ansprechende Lösungen hiervon. 
Die Stellung der Hauptkirche im Stadtplan ist in der 
starken Religiosität des Mittelalters begründet. Man geht 
aber nicht fehl, wenn man annimmt, daß ihre bevorzugte 
Lage in vielen Fällen vom Gesichtspunkte der Verteidigungs 
möglichkeit heraus bestimmt wurde. Bildete sie doch in 
unruhigen Zeiten oft die letzte Zufluchtsstätte. Die Pfarr 
kirche in Groß-Strehlitz ist wie eine Zitadelle vorgeschoben 
und deckt zwei Seiten der Stadtmauer. Mächtig strebt 
über dem fast völlig erhaltenen Mauerkranz von Patschkau 
die horizontal abgedeckte, burgähnliche, trutzige Masse der 
Pfarrkirche empor. Den Schutz des Koseier Tores in 
Gleiwitz übernahm gewissermaßen die unmittelbar dahinter 
stehende, massige Pfarrkirche. 
Im nahen Umkreise der Kirche mußte im Mittelalter 
jeder Bürger seine letzte Ruhestätte erhalten. Die Kirch 
höfe waren in des Wortes vollster Bedeutung Höfe, welche 
das Gotteshaus umgaben. Am Rande fanden Pfarre, Schule 
und Glöcknerhäuschen in bescheidenen Abmessungen ihren 
Platz (Oppeln, Leobschütz). 
Jede Kommune besaß in der Regel ein oder auch mehrere 
Spitale, welche ein Orden oder die Gemeinde selbst unter 
hielt. Kosel erhielt sein Spital St. Nikolaus am Ratiborer 
Tor um 1400. Zu gleicher Zeit stiftete in Oppeln ein Bürger 
das Alexishospital. Die Lage der Ordensstiftungen ist meist 
in der Nähe eines Stadtausganges (Oppeln, Leobschütz, 
Ratibor) oder aber vor einem Tore (Neustadt, Ziegenhals). 
Die Stiftung der Pfarrkirche fällt vielfach mit der 
Gründung der Stadt zusammen. Die alte Kirche als Mittel 
punkt des geistigen Lebens der Gemeinde steht nicht ab 
seits auf einem menschenarmen Platz, sondern mittendrin 
im Häusergewirr; sie scheint gewissermaßen aus ihrer 
Umgebung geboren zu se'n, so harmonisch fügt sie sich 
ein. Ihre Stellung ist entweder direkt am Marktplatz 
(Ratibor) oder auf einem Nachbarplatz (Tost, Kreuzburg, 
Pitschen). In einigen Fällen bestand die Pfarrkirche schon 
vor der Stadtgründung. Dies erklärt auch ihre Lage ab 
seits vom Marktplatz, meist in der Nähe eines Stadteinganges 
(Oppeln, Leobschütz, Gleiwitz). In Ottmachau erhebt sich 
auf einem erhöhten Platz neben der Burg die doppehürmige 
Pfarrkirche. Burg, Kirche und Rathaus bilden hier die 
Stadtbekrönung und erfreuen uns schon von weitem durch 
ihre Kraft und Geschlossenheit. 
Die Baukunst der Gotik spricht in den hochgebauten 
Gotteshäusern eindrucksvoll ihre Seele aus. Die schlesischen 
Städte sind reich an sakralen Bauwerken, zwar von herber 
Form, aber von klarer Raumwirkung und knappem, wuch 
tigem Aufbau. Bei vielen im Reiche steht Oberschlesien 
im Rufe eines Landes düsterer Industriebilder oder an 
spruchsloser Siedlungen. Noch zu wenige wissen, welch 
abwechslungsreiche Eindrücke man hier empfangt und daß 
auch die Kunst des Städtebaues hier ihre reizvollen Lösungen, 
oft mit recht bescheidenen Mitteln gefunden hat. Die Stadt 
anlagen, welche uns das große Siedlungswerk des 13. und 
14. Jahrhunderts hinterlassen hat, gaben uns in ihrer Urform 
Aufschluß über ihr Wesen, Entstehung und Entwicklung. 
Hier treten uns die Hauptzüge der ersten, durch form 
starken Willen geschaffenen Anlagen, hervor und er 
wecken heut noch durch ihre klare Ausdrucksform unser 
Staunen. 
AMERIKANISCHE VORSTADTARCHITEKTUR. 
Von ETHEL PAINE. 
F. P. S. Alle die Männer und Frauen, die von morgens | neigung gegen die moderne amerikanische Großstadt, die 
bis abends in New York arbeiten, haben eine lebhafte Ab- I ihnen Zeit und Kräfte raubt. In ihrer Phantasie malen sie
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.