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Volume H. 7/8

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 16.1919 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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Was die zur Verwendung gelangenden Baustoffe an- 
belangt, so wird naturgemäß jeweils das den örtlichen Ver 
hältnissen am besten entsprechende Material gewählt. Nor 
malerweise wird das Außenmauerwerk als 43-cm-Hohlwand 
in Ziegeln äusgebildet, jedoch haben sich auch Bauten in 
30-cm-Hohlwand durchaus bewährt. An Ersatzmaterialien 
werden Schimasteine, d. h. Hohlblockziegel von etwa fünf 
fachem Volumen der gewöhnlichen Mauersteine sowohl als 
auch Lehmpatzen, Lehmstampfbau und Kalksandstampfbau 
verwendet. Wenn auch die Erfahrungen über diese Bau 
weisen noch nicht abgeschlossen sind, steht doch das eine 
heute schon fest, daß die sogenannten Sparbauweisen im all 
gemeinen teurer, in einzelnen Fällen ebenso teuer und nur in 
wenigen Ausnahnaef allen billiger sind als die übliche Bau 
weise in gebrannten Ziegeln. Die Landgesellschaft hat wieder 
holt durch Großabschiüsse billiges Material beschaffen 
können, leider hat aber die Unterstützung der Behörden 
fast in keinem Fall den Erfolg gehabt, den im Baumaterial 
handel weitverbreiteten Schleichhandel unschädlich zu 
machen und die Materialien, etwa wie dies nach den zahl 
reichen Verordnungen des Staatskommissars in dieser Rich 
tung hin beabsichtigt war, gemeinnützigen Siedlungsgesell 
schaften ln großem Umfange zugängig zu machen. 
Was die Finanzierung der Kleinsiedlungen anbelangt, 
so wäre darüber im wesentlichen zu bemerken, daß die Land- 
gesellschaft die Stellen meist im sogenannten Rentenguts 
verfahren auslegt, durch das der Rentenbankkredit in Ver* 
bindung mit dem Kredit der Landesversicherungsanstalt 
flüssig gemacht wird. Hierzu ist Voraussetzung, daß die 
einzelnen Klemsiedlerstellen mindestens 1250 qm groß sind 
und mit einem Hause bebaut werden, das ausschließlich 
einer Familie zugehört. In diesem Falle geben die genann 
ten Kreditanstalten eine Beleihung bis zu 90% der Taxe, so 
daß, wenn Taxe und Kaufpreis sich decken, der Erwerber 
nur ein Zehntel anzahlen muß. Die Bedingungen des Kre 
dites sind außerordentlich günstig, da das Geld von der Ren 
tenbank zu 4%, von der Landesversicherungsanstalt zu 
3Va% gegeben wird. Hierzu kommt noch die Tilgungsrate, 
die im ersten Falle V*%, im letzten 1% beträgt. Für beide 
Darlehen sind daher insgesamt 4^% Zinsen einschließlich 
Tilgung zu entrichten. Die Tilgungsperiode des Rentenbank 
kredites läuft einige 60 und des Landesversicherungs- 
anstaltskredites einige 40 Jahre. An die Zulässigkeit des 
Rentengutsverfahrens sind verschiedene Bedingungen ge 
knüpft, auf die hier näher einzugehen zu weit führen würde. 
Um ein Beispiel der Finanzierung einer Stelle im Renten 
gutverfahren zu’geben, sei zugrunde gelegt, daß vor dem 
Kriege eine Kleinsiedlungsstelle, die im Erdgeschoß Stube, 
Kammer, Wohnküche, im Dachgeschoß eine Kammer ent 
hielt, einschließlich Grundstück für 8—10000 Mk. abgege 
ben werden, konnte, so daß der Erwerber V10 1000 Mk. 
anzuzahlen hätte, während ihm der Rest in der oben be 
schriebenen Weise unkündbar und tilgbar gegeben wurde. 
Er hatte danach jährlich ca. 400 Mk. Zinsen einschließlich 
der Tilgung aufzubringen. Heute liegen die Verhältnisse 
bekanntermaßen anders. Es wird jetzt angenommen, daß 
nach Wiedereintritt normaler Verhältnisse eine Stelle, die 
vor dem Kriege etwa 10000 Mk. gekostet hätte, sich um 
rund 30% teurer stellen wird, d. h. 13000 Mk. kosten wird. 
Da eine solche Stelle tatsächlich gegenwärtig etwa 23 000 
Mark kostet, so werden die fehlenden 9000 Mk. aus Über 
teuerungszuschüssen gedeckt. Die Anzahlung stellt sich so 
mit heute für den Siedler auf rund 1300 Mk. und die jähr 
liche Verzinsung auf ca. 520 Mk. (Herbst 1919). Der Er 
werber einer solchen Stelle wird sich daher in jedem ein 
zelnen Falle überlegen müssen, ob er in der Lage ist, diese 
trotz Staatszuschuß immer noch verhältnismäßig hohe Miete 
zahlen zu können. Allerdings kommen ihm bei der Aufbrin 
gung der Zinsen die Erträgnisse seiner Wirtschaft zugute, 
die bei den heutigen abnormen Lebensmittelpreisen oft so 
hoch sind, daß sie fast allein zur Deckung der Zinsen aus 
reichen. 
Wie die Verhältnisse sich gestalten werden, wenn die 
Uberteuerungszuschüsse nicht mehr gegeben werden, läßt 
sich heute noch kaum übersehen. Meines Erachtens wird 
ein vorübergehender Stillstand im Siedlungsbau unausbleib 
lich sein, bis Löhne und Materialpreise sich wieder so weit 
gesenkt haben, daß an ein wirtschaftliches Bauen auch ohne 
Inanspruchnahme von Uberteuerungszuschüssen gedacht 
werden kann. Die vielfach vertretene Meinung, daß die Ge 
währung von Uberteuerungszuschüssen zu der abnormen 
Preissteigerung im Baugewerbe erheblich beigetragen hätte, 
kann ich in dieser allgemeinen Form nicht teilen. Wohl 
haben in einzelnen Orten die Unternehmer geglaubt, auf 
Grund der Gewährung von Überteuerungszuschüssen an den 
Bauherrn ihre Preise in die Höhe treiben zu können, aber die 
schädliche Wirkung eines solchen Gebahrens konnte nur da 
praktisch in Erscheinung treten, wo das Fehlen auswärtiger 
Konkurrenz ein Eingehen auf diese Forderung bedingte. 
Im übrigen kann man sich gerade in Schlesien täglich davon 
überzeugen, wie Baumaterialien zu abnorm hohen Preisen 
den Händlern und Schiebern geradezu aus der Hand ge 
rissen werden, und zwar hauptsächlich von solchen Leuten, 
die ohne Überteuerungszuschüsse bauen, d. h. von Kriegs 
gewinnlern u. dgl. 
Nach diesen allgemeinen Betrachtungen sollen nunmehr 
einige besonders charakteristische Besiedlungspläne der 
Schlesischen Landgesellschaft kurz erläutert werden. 
Das Siedlungsgelände in Frankenstein (Taf. 45) ist von 
welliger Beschaffenheit und enthält zudem verschiedene 
Ausschachtungsstellen. Eine Geländeböschung, die offenbar 
von einer früheren Lehmschachtung herrührte, wurde als 
Kante eines ungefähr nordsüdlich verlaufenden Angers ver 
wandt. Dieser Grünplatz, dem in ländlichen Siedlungen als 
Kleinviehweide eine ganz besondere Bedeutung zukommt, 
umfaßt zugleich, wie die Höhenlinien auf dem beigegebenen 
Plane zeigen, eine Geländemulde, die zu Bauzwecken nicht in 
Frage kam. Der Zugang zum Anger erfolgt von der Silber 
berger Chaussee aus zwischen zwei symmetrisch angeordneten 
Bauten. Das Haus auf Stelle 21 wurde in der Weise vor 
gezogen, daß es für das Auge des an dieser Stelle die Sied 
lungen Betretenden den Blick zunächst abschließt. Die Zu 
gangsstraße läuft alsdann in einer Kurve um dieses Haus 
und zieht sich um den Anger herum, den sie an seiner Süd 
westecke verläßt, um auf einen vorhandenen Feldweg einzu 
münden, der seinerseits in. die Silberberger Chaussee ver 
läuft. Soweit die Stellen nicht um den Anger gruppiert 
wurden, sind sie beiderseits dieses Weges c angeordnet wor 
den. Hierdurch wurde gleichzeitig erreicht, daß die Häuser 
von dem Schmutz und Lärm der Chausee abgerückt wur 
den. Es gelangt ein Typ zur Verwendung, und zwar so 
wohl als Einzelhaus wie auch als Doppelhaus. 
Bei der Kleinsiedlung Neustädtel (Kr, Freystadt) (Taf. 45) 
ergaben besondere Geländeverhältnisse eine Gruppierung der
	        
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