Path:
Volume H. 5/6

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 16.1919 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
65 
Symmetrie erreichen, so hätte man für die (ungefähr) gleich 
mäßige Gestaltung der gegenüberliegenden Häuserfronten, 
je in den einzelnen Straßenabschnitten, sorgen müssen. 
Hiermit sind wir nun schon zu dem zweiten Einzel- 
fehler gekommen, nämlich zu der Vernachlässigung der 
künstlerischen Gesichtspunkte in der Durchbildung der 
Straßenwandungen. 
Wenn man mit so hohen Kosten eine so großzügige 
Straßenanlage schafft, muß man darauf bedacht sein, die 
Straßenwand nach einheitlichen künstlerischen Gedanken 
durchzubilden. Dabei hätte man zunächst die Häuserhöhe 
gegen die Straßenbreite abstimmen müssen; man wäre dabei 
aber zu Höhen, Stockwerkzahlen, gelangt, die aus manchen 
anderen Rücksichten zu groß geworden wären. Ferner 
hätte man für bestimmte Straßenabschnitte eine einheitliche 
Durchbildung der Häuserfronten vorschreiben müssen, um 
so mehr, als der Straßenzug sich aus einzelnen langen ge 
raden Abschnitten zusammensetzt. 
Von solchen Gedanken ist aber nichts zu spüren; es 
herrscht vielmehr an dem Boulevard entlang große Bunt- 
scheckigkeit in der Gestaltung der Häuser; neben monu 
mental gehaltenen schloßartigen Landhäuser und Miet- 
kasemen finden sich kleine und kleinste Reihen- und Einzel 
häuser; neben den Werken bedeutender Architekten finden 
sich Machwerke schlimmer Art. Sogar das Entstehen von 
kahlen (oder mit Reklamen beklebten) Brandgiebeln ist nicht 
verhindert worden. 
Zu diesen Fehlern kommt die mangelhafte Durchbildung 
des Längenschnitts hinzu. Lange gerade Straßenzüge be 
dürfen einer feinen Abstimmung ihres Längenschnittes. Bei 
dem Boulevard hätte man wohl Gelegenheit gehabt, in dieser 
Beziehung Tüchtiges zu leisten, denn das Gelände zeigt 
mehrere Wellen — es steigt von Lille nach Roubaix-Tour - 
coing um insgesamt etwa 20 m —, und es waren mehrere 
Eisenbahnlinien und der Kanal zu überschreiten. Gelegen 
heit zu einer liebevollen Durchbildung — zu einem richtigen 
Gruppieren der Knickpunkte des Grundrisses mit denen des 
Längenschnittes, zum Herausarbeiten von Blickpunkten, zur 
Ausnutzung der beiden großen Eisenbahnüberführungen als 
Abschlüssen für das Auge — war also reichlich vorhanden. 
Offensichtlich hat man aber auf das Mindestmaß von Erd 
arbeiten zu viel Rücksicht genommen, und so gehen die ge 
BÜCHERBESPRECHUNG. 
VTATURBAUWEISEN. Ein Ratgeber für Siedler und Baulustige. 
A » Im Aufträge des Reichsverbandes zur Förderung sparsamer Bau 
weise (E. V.) und in Verbindung mit dem Deutschen Verein für ländliche 
Wohlfahrts- und Heimatpflege, bearbeitet von Alfons Anker, im Verlage 
der Deutschen Landbuchhandlung, G. m. b. H., Berlin SW 11. 
Literatur auf dem Gebiete des Siedlungswesens ist reichlich vorhanden. 
Meist handelt es sich um statistisch oder städtebaulich gehaltene allgemeine 
Ausführungen, zum Teil auch um Einzelvorschläge. Dieses Schrifttum 
befreite uns immerhin vom Gestaltungsdogma und vom Ballast polizei 
licher Vorschriften. Keine der Arbeiten traf aber so den Nagel auf den 
Kopf, wie dieses Buch des Reichöverbandes. Schon das Vorwort des Ersten 
Verbandsvorsitzenden, Geheimrat Dr. Friedrich Seeßelberg, beleuchtet grell 
die Notstände und die Möglichkeiten, unter denen überhaupt noch gebaut 
werden kann. 
Wir wissen, daß der f Rcichsverband zur Förderung sparsamer Bau 
weise“ sich seit Jahr und Tag weitgehend mit allen Fragen befaßte, die 
raden Straßenstrecken an vielen Stellen über Buckel hinweg, 
die recht häßlich wirken. Es ißt nun aber darauf hinzu 
weisen, daß es glücklicherweise noch die Möglichkeit gibt, 
von den bisher gemachten -Fehlern manchen wieder gut 
zumachen. 
Wie oben bemerkt, sind nämlich bisher auf volle Länge 
nur die Schnellbahn und der Schnellfahrdamm fertig; da 
gegen sind die seitlichen Fahrdämme und die Bürgersteige 
vielfach noch nicht in Angriff genommen, und der Reitweg 
und die Radfahrwege sind vor dem Krieg nur roh instand 
gewesen, auch die Bebauung ist noch stark zurück, auf lange 
Strecken steht noch kein Haus. 
Man ist daher in der Lage, noch viel zu ändern. Aller 
dings muß man an der Trace und Höhenlage der Schnell 
bahn und des Schnellfahrdammes, das heißt an einem rund 
20 m breiten Teil festhalten; von dem übrigen kann man 
aber viel ändern. Bei der Änderung wird man sich dazu 
bekennen dürfen, vor allem den Reitweg, dann aber auch 
die Radfahrwege auf große Längen fortfallen zu lassen, be 
sonders dann, wenn man sich zu der Anlage des oben an 
gedeuteten Verbindungsparkes entschließt. Man würde da 
mit zunächst etwa 10 m sparen, außerdem könnte man die 
beiden Langsamfahrdämme, die zwischen den Bordsteinen 
5,5 m breit sind, auf 4,5 m Breite einschränken; auch ließe 
sich vielleicht streckenweise der östliche Langsamfahrdamm 
näher an die Schnellbahn heranschieben. Der Gesamtquer 
schnitt könnte also um etwa 12 m verringert werden. Wenn 
man hiervon Gebrauch macht, das heißt, also die Häuser 
fluchten streckenweise vorspringen läßt, und wenn man dann 
die Übergangsstellen von dem bisherigen zu dem verklei 
nerten Querschnitt an die Buckel des Längenschnittes legt 
und sie architektonisch richtig gestaltet, so wird man die 
ästhetischen Mängel des Längenschnittes mildern können. 
Andererseits empfiehlt es sich auf einige kürzere Strecken, 
die Häuserfluchten zurückzusetzen, und zwar einerseits 
dort, wo man seitlich stehende — glücklicherweise bisher 
noch nicht gefällte — alte schöne Bäume damit retten und 
in das Straßenbild einbeziehen kann, andererseits dort, wo 
bereits vorhandene — in der jetzigen Fluchtlinie stehende — 
wertvolle Gebäude durch das Zurücktreten der anschließen 
den Häuser stärker hervorgehoben werden könnten. 
dazu führen, selbst unter den jetzt obwaltenden Verhältnissen bei er 
schwinglichen Freisen standfeste und warme Häuser errichten zu können. 
Aus diesem gemeinnützigen Wirken heraus erscheint nun auch das vor 
liegende Buch. Weitschweifigem Tbeoretisieren geht die Schrift aus dem 
Wege. Die Betonung ist auf das Unmittelbare, Handgreifliche, Mögliche 
gelegt. Jeder, auch der ganz einfache Siedlersmann muß endlich die 
Mittel und Wege der neuesten Technik für sparsames Bauen erfassen 
lernen, sonst geht das ganze deutsche Siedlungsvorhaben, von dem wir 
uns doch gerade wesentlich eine Umschaltung unserer Wirtschaftlichkeit 
vom Industriellen auf die Bodenpolitik versprechen, einem katastrophalen 
Zusammenbruche entgegen. 
Das vor uns liegende Problem ist dieses: Da uns die Kohlen fehlen, 
so fehlen auch alle diejenigen Baustoffe, zu deren Herstellung reichliche 
Kohle gehört. Das sind Ziegelsteine, Zement und Eisen; selbst an ge 
branntem Kalk gebricht es. Da heißt es nun: „Lerne wieder bauen, wie 
es die Leute taten, als man diese Stoffe noch gar nicht kannte!- 1
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.