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Volume H. 5/6

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 16.1919 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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vereinzelten Fällen bis 5000 qm Garten und Ackerland er 
halten. die Häuser sollten als Einzel- und Doppelhäuser 
errichtet werden. 
* 
Der mit dem I. Preis bedachte Entwurf „Und dennoch“ 
des Architekten Max Steinmüller in Leipzig (Taf. 30—31) 
ist eine der wenigen Arbeiten, die die vorhandene Gelände 
bewegung nicht wegleugnet, sondern versucht, sie positiv 
auszunutzen. Die Absichten des Verfassers sind im ganzen 
lobenswert, vor allem muß der Anlauf zu einer gewissen 
Raumsinnlichkeit hervorgehoben werden. Dabei gerät die 
Arbeit aber ein wenig sehr ins Literarische und ist nicht frei 
von sentimentalen Effekten (Kurvenführung, Wegebezeich 
nung, Schaubilder). 
Dennoch hat die Arbeit ein sehr Gutes: Es steht nicht 
in jeder Blickrichtung und in jeder Straßenachse mit töd 
licher Sicherheit ein Haus, womöglich mit Giebelfront, wie 
es doch so schön eingebürgerte Sitte fast jeder Siedlungs 
arbeit geworden ist. Die Manie des Blickschließens hat hier 
wenigstens keinen unbedingten Anhänger, und das ver 
giftende Schlagwort von der notwendigen Geschlossenheit 
hält sich in bescheidenen Anwendungen. 
Daß dennoch die Raumbilder günstig wirken können, 
zeigen die Abbildungen. Die Hausanlage am unteren Weg 
scheint weniger gut, auch ist die Himmelsrichtung nicht über 
all genügend berücksichtigt. Was die Grundrisse anbelangt, 
so sind sie einfach und zweckentsprechend, in Typ c (Doppel 
wohnhaus) läßt die Herdbeleuchtung zu wünschen übrig. 
Auffällig ist die große Zahl der Außentüren bei den Klein 
häusern. Die Hausansichten sind neutral-gefällig. Neu 
artige Gedanken sind wohl nicht in Lageplan und Grund 
rissen, aber man könnte sie dennoch wohl vom Verfasser 
bei späteren Arbeiten mit Zuversicht erwarten, wenn ein 
schärfer angespannter Wille und stärkere Selbstzucht ihm 
die Hand führen. 
Von nicht geringem Interesse ist die Arbeit des zweiten 
Preisträgers, des Architekten Karl Baer in Dresden (Taf. 32), 
mit dem Kennwort: „Geschlossene Straßen- 
züge“- Nicht so sehr als Leistung an sich, 
als daß in ihren Grundzügen ein Dis 
kussionsstoff über grundlegende Fragen 
des Städtebaues sich bietet, dessen nähere 
Betrachtung vielleicht fruchtbar für den 
erhofften Fortschritt der Siedlungsarbeit 
sein könnte. 
Konnte man der ersten Arbeit eine 
gewisse Raumsinnlichkeit gern bestätigen, 
so denkt der Urheber der „Geschlossenen 
Straßenzüge“ rein zweidimensional. Er 
erhebt die Frontwandanschauung zum 
Ideal, er bringt Ansichtsfläche statt er 
lebter Raumform. Der Verfasser sagt 
selbst, daß er den landwirtschaftlichen 
Betrieb nach der Straßenseite zu ver 
decken möchte. Ja, sind denn landwirt 
schaftliche Arbeit und Anlagen so un 
ästhetisch, daß es eher wünschenswert 
sein könnte, eine unorganische Maskerade 
durchzuführen? Warum bei einer ost** 
preußischen Landsiedelung solch eine 
großstädtische Denkmethode? Es macht 
unbedingt Eindruck, daß der Verfasser 
seine Idee mit so 
starker Konsequenz 
durchgeführt hat, 
und zwar die gleiche 
Idee durch Lage 
plan und durch 
Typengestaltung zu 
verkörpern ver 
suchte. Er hat 
sehr richtig emp 
funden, daß eine 
Siedlungsanlage 
Wert nur dann hat, 
wenn aus einer ein 
zigen Idee in allen 
Teilen ein bestimm 
ter Charakter ge 
prägt wird. Und 
es ist bedauerlich, 
daß man ihm nicht 
beipflichten kann. 
Denn an vielen Stellen springen die Nachteile dieser 
Kulissenauffassung zutage. Viele Häuser stehen falsch zum 
Licht, die Straßeneinmündungen konnten vielfach nicht ge 
löst werden, weil Raumgefühl fehlte. Wenn im Schaubild 
von Punkt a der Baum in der Bildmitte fortfällt, so ist es 
ganz wesenlos und beweist nur mit Nachdruck, daß Uni 
formität hier kein Ideal ist. Die irrige Grundauffassung 
offenbart sich ebenso bei den Mängeln der Grundrisse. Die 
Zimmer in Typ 2 liegen oben und unten an gegenüber 
liegenden Außenwänden, um den langgestreckten Grundriß 
zu erzielen. Das Außenmauerwerk hat zu große Ausdeh 
nung, um sparsam zu sein. Man kann doch Grundrisse 
solcher Tendenz lösen ohne so augenfällige Nachteile, es ist 
nur notwendig, entschlossen bis zu Ende zu gehen und 
nicht einen üblichen Grundriß auf einen andersartigen Haus 
körper anzuwenden. Der hier abgebildete Typ 1 ist wesent- 
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Abb. 18. Wettbewerb Rastenburg. Ankauf (Tafel 34). 
Vorschlag zur Ausbildung von Platz A.
	        
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