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Volume H. 5/6

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 16.1919 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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Abb. io. Göttingen. Blick auf die Stadt. 
ist aber verderblicher für das Straßenbild, als die Festsetzung 
neuer Fluchtlinien, wozu schon hier und da Ansätze bemerk 
bar sind. Reichen die Straßenbreiten für den Verkehr nicht 
mehr aus, so sind neue Straßen mitten durch ohnehin meist 
eng verbaute Blöcke durchzubrechen und die Straßenbahn 
linien zur Hin- und Rückfahrt zu trennen, so daß ein 
Schleifenverkehr eingerichtet werden kann. Jetzt schon 
haben die gesteigerten Anforderungen des Verkehrs das 
Quentinsche Haus, das den die Weender Straße verlängern 
den Kornmarkt abschließt, in die Gefahr der Niederlegung 
gebracht. 
Die leichtgekrümmten und oft auch nur kurzen Straßen 
wirken, gleichviel nun, ob dies bei ihrer Anlage beabsichtigt 
war oder nicht, außerordentlich reizvoll, zumal sie meist 
auch durch eine Versetzung, Gabelung oder Knickung oder 
dadurch, daß sich ihnen ein hübsches Haus in den Weg 
^bb, ii. Göttingen. St. Johanniskirchc. 
stellt, einen Schluß haben, daher als Räume erscheinen, 
Räume, in deren Wandungen noch viele Fachwerkhäuser 
stehen, mit stark übergekragtem zweiten Obergeschoß, oder 
schon im ersten Obergeschosse beginnenden Erkern, die 
dann fluchtrecht mit dem zweiten Obergeschoß Zusammen 
gehen. Besonders Straßenecken sind dadurch kräftig be 
tont, wie die Ecke Barfüßer- und Jüdenstraße durch das 
Junkernhaus, die Ecke Markt- und Rothestraße durch das 
Kaufhaus, dann die Ecke der Croner und der Kurzen Straße 
durch das schon genannte Quentinsche Haus, die Ecke 
Weender Straße und Barfüßerstraße durch die allerdings 
nicht gerade glücklich wiederhergestellte Ratsapotheke und 
andere mehr. 
Dabei ist der Plan der Altstadt ein ziemlich regel 
mäßiger, wenn auch nicht der einer einheitlichen Gründung. 
Das Kirchspiel St. Alban am östlichen Höhenrande des 
Leinetales am Hainberge hat noch lange das „Alte Dorf“ 
geheißen, wohin die Wendenstraße führt; seine Kirche gilt 
als die zuerst gegründete, wenn auch nicht der heute noch 
stehende Kirchenbau. Dann entstand etwas unterhalb an 
der von Süden nach Norden streichenden Verkehrsstraße 
— der heutigen zum benachbarten Dorfe Weende führenden 
Weender Straße — der Markt. Erst zu Anfang des 13. Jahr 
hunderts erhielt Göttingen Stadtrechte (siehe den Führer 
durch Göttingen und Umgegend, 6. Auflage, Göttingen, Ver 
lag von H. Lange) und eine Mauer, deren Verlauf im Süden 
heute noch durch den Zug der Mauer- und Turmstraße ge 
kennzeichnet ist. Im Westen reichte sie wahrscheinlich bis 
nahe an den Leinekanal, auf dessen anderer Seite später die 
Neustadt entstand mit der Kommende des Deutschen Ordens 
und der Kirche zu St. Marien. Die zur Weender Straße 
umgeknickten Straßen, Jüdenstraße und Stumpfebiel, lassen 
im Norden den ungefähren Verlauf der Mauer vermuten, 
die vielleicht an eine Burg in der nordöstlichen Ecke an 
schloß und dann im Osten etwa, hinter der Burgstraße weiter 
lief, so daß das „Alte Dorf“ außerhalb verblieb. Diese ur 
sprüngliche Altstadt umfaßte außer den Kirchspielen zu 
St. Johannes, St. Jakobi und St. Nikolai das Kloster der 
Predigermönche an der Paulinerstraße, das nebst einem 
daran gebauten Kollegiengebäude der im Jahre 1733 ge 
gründeten Universität als Sitz angewiesen wurde und jetzt 
ausschließlich der Bibliothek dient, sowie das Kloster der 
Barfüßer, zu dem die Barfüßerstraße führt, jetzt Physio 
logisches Institut, am Wilhelmplatz gegenüber der 1837 er 
bauten Aula. Gerade dieser innere Kern der heutigen Alt 
stadt zeigt durchaus regelmäßige Baublöcke, so daß ihr 
gegenüber die landläufige Unterscheidung von gewordenen 
und gegründeten Städten versagt. Die Stadt, die seit der 
Mitte des 14. Jahrhunderts zur Hansa gehörte, ist dann — 
am Ende des 14. und im Laufe des 15. Jahrhunderts — unter 
Einbeziehung der Neustadt westlich des Leinekanals und 
des „Alten Dorfes“ bei der Kirche St. Albani in weiterem 
Umkreise befestigt worden. Diese Erweiterung ist natur 
gemäß weniger regelmäßig ausgefallen, da sie bereits Ge 
wordenes in sich aufnehmen mußte. Trotzdem ist sie weit 
entfernt von willkürlicher Winkelei. Die von den Land 
straßen gegebene Lage der Tore und die Verteidigungs 
fähigkeit der Stadt haben die Straßenführung wesentlich 
beeinflußt. So ist das die alte Hauptstraße, die Weender 
Straße im Norden abschließende Weender Tor gegen das 
die nächste Parallelstraße, die Kurze Geismarstraße im 
Süden abschließende Geismartor versetzt, während die vom
	        
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