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Volume H. 3/4

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 16.1919 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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baumeister. Dieser überwies ihn nach Cassel an den Hof 
Karls II, 1698 baute er hier sein Wohnhaus als dreistöckiges 
Eckhaus, an der Esplanade gelegen. Was seine Oberneu^- 
stadt vor anderen, insbesondere modernen Stadtvierteln 
auszeichnet, leider muß man richtiger sagen 
auszeichnete, ist die eindrucksvolle Ruhe der 
äußeren Erscheinung. Schon die Stadtgrundrisse 
mit ihren schnurgeraden Straßenzügen lassen 
etwas davon ahnen, obwohl solche Straßen 
meistens weniger schön zu sein pflegen als 
krumme. Aber gerade bei gestreckten Straßen, 
die das einzelne Haus nicht in so breiter Front 
ansicht zeigen, wie die konkaven Wände der 
krummen Straßen, ist eine ruhige, gleichmäßige 
Aufteilung der Schauseiten Vorraussetzung für 
eine gute Wirkung der Straße. Anderenfalls 
bietet sich dem Auge ein zusammenhangloses 
Hintereinander von Häusern dar, das infolge der 
Verkürzung beim Gang durch gerade Straßen 
doppelt unangenehm wirkt. 
Die Häuser der Oberneustadt haben meist 
eine Breite von fünf Fenstern, wobei die Pfeiler 
etwa das Anderthalbfache der Fensteröffnungen 
ausmachen. Eine Straße, die der Landgraf für 
die Bauhandwerker und Maler errichten ließ, 
heißt daher heute noch die Fünffensterstraße. 
Die Häuser in den Straßen sind sämtlich mit 
der Traufe nach der Straße gestellt, besitzen 
aber durchweg einen Giebel, der sich über 
den drei mittleren auch im Dachgeschoß aus 
gebauten Fenstern erhebt. Auf dem Plan von 
etwa 1700 (siehe Tafel 24 oben) zeigt sich so die 
Ansicht der Stadt in völlig gleichem Rhythmus. 
Überall zwei Geschosse mit je fünf Fenstern, 
darüber der dreiaxsige Dachaufbau mit dem 
unvermeidlichen Ochsenauge im Giebelfeld, das 
wie geschaffen erscheint zum Heraushängen der 
Fahne. ,■ Der einzige Architekturschmuck ist 
neb^n dem Gesims das einfache Gewände der . 
Fenster, 15 cm breit, 2 cm vorstehend. Die 
Fenstergewände wurden meist braun oder krapp 
rot gestrichen. Ebenso die Lisenen, wenn solche 
angebracht wurden, um ein öffentliches Gebäude 
auszuzeichnen oder einen längeren Bau (wie 
das Meßhaus) zu gliedern. Auch die Eckhäuser 
erhielten Lisenen und durften ein Stockwerk 
höher gebaut werden. Bei ihnen finden sich 
die Lisenen aber nur einseitig an der tatsäch 
lichen Straßenecke. (Ecke der Schönen Aussicht; 
Fünffenater- und Frankfurter Straße, Karlsplatz, 
Tafel 25.) Das ist ein Beweis, daß Du Ry 
nicht Haus ncbeh Haus stellte, sondern den 
ganzen Baublock als ein zusammenhängendes 
Ganzes entwarf. Selbst bei dem Rathaus ist die 
Monumentalität nur durch Lisenen hervorgerufen, 
die hier allerdings schon so stark sind, daß sie 
Halbsäulen vertreten, die einen massigen Archi- 
trav tragen. Zurückhaltender, wenn sonst auch 
ganz ähnlich ist das schräg gegenüberliegende 
Hospital ausgebildet (mit einem Glockentürmchen, 
Tafel 2$). Durch solche einfachen Mittel sind 
die öffentlichen Gebäude genügend hervorgehoben 
und fallen doch nicht aus dem Charakter und dem Rhyth 
mus des Straßenzuges heraus. Das gilt auch für die reich 
mit plastischem Schmuck versehenen Häuser, wie das 
spätere Haus des Bildhauers Nahl am Königsplatz, oder 
p 
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Abb. g. 
Oarlen 
Bebauungsplan von 1743.
	        
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