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Volume H. 3/4

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 16.1919 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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auf flachem Boden zu errichten. Zwei Plätze 
kamen dazu in Frage, der große Forst im 
Südosten der Stadt oder der Weinberg im 
Westen, beide vor dem Festungsring gelegen. 
Man wählte aus Besitzesrücksichten den 
Weinberg, auch waren für diesen schon Be 
bauungspläne aufgestellt; denn die : ältesten 
Pl^ne (Abb, 6 u. 7) sind von 1670 und 1680 
(o.G.). 
. Der erste Plan zeigt schon die charak 
teristische Rechtwinkligkeit und die breiten 
Straßen. Zwei Ecken sind verbrochen. Um . 
die ganze Anlage sind Festungswälle ge 
dacht, nur der Abhang des Weinberges (nach 
Süden) zeigt keine Bastionen. Die alten Be 
festigungen zwischen Vor- und Altstadt sind 
auf dem Plane belassen, Der zweite Plan von 
1680 zeigt fast dieselben Befestigungsanlagen, 
jedoch richten sich die Straßen gar nicht 
mehr nach ihnen, der Platz wird nicht voll 
ausgenutzt. Vier rechtwinklige Baublöcke, zu 
einem großen, ähnlichen Rechteck zusammen 
gesetzt, bilden den Stadtgrundriß, Inmitten 
der kürzeren Mittelstraße, die andere be 
rührend, ist die Kirche geplant. Auf die Länge 
der Kirche müssen die Fronten der kürzeren 
Straßen zurücktreten (Siehe Abb. 7). Auf 
einem dritten ausgeführten Plane (von 1657) 
treten diese Fronten auf die ganze Länge des Baublocks 
zurück. Im übrigen sind alle Straßen, soweit es das Ge 
lände erlaubt, um eine Blocklänge verlängert. Die Be 
festigungspläne der Vorstadt hat man fallen gelassen. 
Das Glacis vor der Festungsmauer der Altstadt aber ist in 
eine prächtige Grünanlage (Esplanade) umgewandelt, die 
in ihrer durch Terrassen und Wasserbecken betonten 
Mitte einen guten Abschluß der mittleren, späteren Frank 
furter Straße bildet. 
Abb. 6. Bebauungsplan von 1670. 
Zur Förderung des Bauens erließ der Landgraf, nach 
dem man 1688 die Stadt wie auf diesem Plane abgesteckt 
hatte, ein Reglement, das seiner Großzügigkeit das beste 
Zeugnis ausstellt. Er gewährte allen Baulustigen, einerlei, 
ob Hugenotten oder Ansässige, große Vergünstigungen: 
zehnjährige Steuerfreiheit dem, der einen der vorgezeichneten 
Bauplätze bebaut, zwanzigjährige, der zwei Hausplätze be 
baut; eine ewige (d. h. wohl lebenslängliche) Freiheit wird 
dem zugesichert, der auf die angebotene, unentgeltliche 
Lieferung der Baumaterialien verzichtet und 8 bis 
10000 Taler zum Hausbau verwendet. Steckt einer 
nur 4000 Taler in den Bau, so ist er auf 40 Jahre, 
entsprechend bei 6000 Talern auf 60 Jahre steuerfrei. 
Auf diese Weise wollte man bewirken, daß mög 
lichst stattliche und dauerhafte Häuser gebaut wurden. 
Dazu mußte auch die Verordnung helfen: jedes Haus 
müsse beworfen und mit Ölfarbe gestrichen werden. 
Manchmal wurde zur. Bezahlung der hierzu nötigen 
Handwerker ein „Baudouceur“ von 1500 Talern ge 
währt. Diejenigen Baulustigen, die sofort begannen, 
durften sich den Bauplatz aussuchen, und wenn er auf 
landesherrlichem Besitz lag, brauchten sie nur eine 
Rente von einem Dreier für die Rute und das Jahr 
bezahlen. Auf die Ausführung auch der breiten Straßen 
legte man eine für damalige Zeiten außerordentliche 
Sorgfalt. Nicht nur daß man sie pflasterte, wofür die 
Biersteuer die Mittel hergeben mußte, sondern man 
versah sie auch mit einem 16—20 Schuh tief liegenden 
Kanal, von dem die Chroniken rühmen, daß er auf 
recht begangen werden konnte. 
Das erste Haus war das des Erbauers des Stadt 
teiles, Paul Du Ry. Er war selbst ein Hugenotte, 
hatte seine künstlerische Schulung in Paris erhalten 
und diente bei Wilhelm von Oranien als Festungs-
	        
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