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Volume H. 3/4

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 16.1919 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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weniger wie der Grundirrtum unserer unmittelbaren Gegen 
wart. 
Selbst wenn noch so viel am Baumaterial gespart wird, 
so bleiben die Löhne vorläufig unverändert und, was 
schlimmer ist, der Kubikinhalt umbauten Raumes auch. 
Man sollte doch endlich einmal aufhören, nur die Grund 
rißdimensionen zu betrachten, was gewiß auch sehr nützlich 
ist, sondern sich über den Kubus hermachen. Da dürfte 
wohl des Problems innerster Kern verborgen sein. Bei einem 
Siedelungsausschreiben aus jüngster Zeit in Frankfurt 
(Main) wurden im Programm zwei Vollgeschosse -und dann 
noch Dachkammern gefordert. Mag das Bauen in Frank 
furt auch etwas billiger sein wie in Berlin, eine so verhäng 
nisvolle Kurzsichtigkeit wirkt beinahe tragisch. Und man 
kann zu ihrer Entschuldigung nur sagen, daß es an sehr 
vielen anderen Stellen in solchen Punkten nicht besser ge 
macht wird. Es ist eben ein sich immer mehr rächender 
Fundamentalirrtum, daß das Wohnbedürfnis der arbeitenden 
Klassen durch Kleinwohnungen in Form von Einfamilien 
häusern befriedigt werden könnte. 
Das ist •— man sollte es endlich gelernt haben — ganz 
aussichtslos. Der Aufwand an Straße, Grundstück, Funda 
ment, Dach, Nebenraum, Rohrleitungen usw., den das Klein 
haus erfordert, um in sich abgeschlossener und lebensfähiger 
Organismus zu sein, muß dieses kleine Haus notwendiger 
weise so teuer machen, daß die leider immer noch trügerisch 
vorgespiegelte Illusion: „jedem kleinen Mann ein kleines 
Haus im Grünen“ notwendigerweise in nichts zerfließen muß. 
Man höre zunächst mit diesem fälschen Reklamelärm 
auf, der bis in hohe amtliche Stellen hinauf aus alter Ge 
wohnheit noch immer mit einem Eifer verübt wird, der einer 
besseren Sache würdig wäre. 
Sodann mache man sich nüchtern klar, daß nur auf zwei 
Wegen Lösung gefunden werden kann: 
Einmal in einer völlig neuen Form des großstädtischen 
Mietsetagenhauses, da die jetzige keinesfalls weiter bestehen 
darf. Bisherige Bemühungen hoher Autoritäten konnten 
wenig helfen, auch wenn sie wertvoll waren, denn das groß 
städtische Kleinwohnungsproblem im Hochbau ist kein 
Grundstücksproblem oder Blockproblem, sondern in aller 
erster Linie eine Frage des Wohnungskörpers. 
Zweitens in einer grundsätzlichen Umformung des Ein- 
familienkleinhauses von heute, in der schonungslosen Aus 
rottung des Begriffes: „Kleinvilla“ im Herzen der Archi 
tekten und Behörden und in einem völligen Neuaufbau des 
kleinen Einfamilienhauses nach Richtungen, die weitab 
führend von früheren und heutigen Formen des Bürgertums 
einer besonderen und eigenwertigen höchstgesteigerten For 
derung auch eine besondere und eigenwertige Antwort zu 
geben vermögen. 
In dieser Form laßt sich das Problem ziemlich scharf 
umreißen. Ist eine Mindestform, und zwar eine gute, wohn 
liche, freundliche, zureichende Mindestform gefunden, dann 
ist jede darüber hinausgehende reichere Form, jede Aufgabe 
größerer Mittel ein angenehmes Spiel. Aber zunächst muß 
mit allen irgend verfügbarem Nachdruck auf den innersten 
Kernpunkt einer Aufgabe hingewiesen werden, die für die 
Zukunft der Nation von fundamentaler Bedeutung ist. 
* 
Die Bewältigung dieser ungeheuren Aufgabe an sich 
genügt jedoch keinesfalls. Eine Lösung muß, soll sie wert 
voll sein, nicht nur rechnerisch, technisch und organisch, 
sondern vor allem auch sinnlich überzeugen. Ihre ganz un 
geistige und unmittelbare Wirkung auf Beschauer und Be 
wohner ist der Prüfstein für ihren zureichenden Wert. 
Uber alles bislang Gezeigte hinaus ist es notwendig, 
endlich — endlich zu erkennen, daß die Gestaltung der Form 
nichts Nebensächliches oder eine Angelegenheit des Ge 
schmackes oder des Luxus ist, sondern daß jede noch so 
große Arbeit und jedes sachlich noch so günstige Ergebnis 
wesenlos und leblos bleibt ohne die schöpterische Hand des 
Künstlers. 
Es sei allen denen zum guten Teil Recht gegeben, die 
angesichts der bisherigen Ergebnisse des künstlerischen 
Siedelungsbaues zweifelnd ihr Haupt schütteln. Wie wenige 
Siedelungsbewohner können ihr Haus lieben, wie sehr we 
nigen konnte es im Herzen Heimat werden. Aber nachdem 
fünf Jahre entsetzlicher Weltgeschichte die Zeit der Zahlen, 
der Maschinen und der Irrtumer beschlossen haben, ist es 
notwendig, heute mehr denn je das menschliche Herz an die 
Spitze der Idee zu stellen. Nicht die Zahl, nicht die Norm, 
nicht den Typ, nicht die Rechnung. 
Warme und lebendige innere Teilnahme am Siedelungs 
werke aus allen Kreisen können wir nur erhöhen, wenn 
unsere Arbeit den Wert eines unerwarteten und freudigen 
Geschenkes hat. Wir müssen zunächst in uns selbst reicher 
werden, uns mehr geben, um reicher schenken zu können 
wie bisher. Wie das Schicksal der Nation niemals durch 
irgendeine wie immer geartete politische Konstellation ent 
scheidend berührt werden wird, so kann auch die ungeheure 
Aufgabe der Gestaltung von künftigen Wohnstädten und 
Siedelungen niemals durch die äußeren Zufälle von Rech 
nung, Technik und Material beeinflußt werden. 
In Baudingen spricht zur menschlichen Seele nicht die. 
Rechnung, sondern die Form. Wenn es gelingen sollte, die 
Gestaltung einer Siedelung den unbewußten Erwartungen 
so weit nahe zu bringen, daß sie wirklich wie eine Erlösung, 
eine Offenbarung, ein Geschenk erscheint, dann werden auch 
die wirtschaftlichen Probleme sich um vieles leichter lösen, 
aus dem einfachen Grunde, weil auch der primitivste Mensch 
gern bereit ist, für «inen überzeugenden Wertzuwachs seines 
Daseins höhere Mittel einzusetzen, als zur Befriedigung der 
einfachen Notdurft angebracht erscheinen müßte. Denn 
dann verlieren andere Dinge seines Lebens vergleichsweise 
an Wert, erfordern geringere Mittel und schaffen so ohne 
weiteres auch die wirtschaftliche Möglichkeit. Ein einfaches 
Beispiel; Der norddeutsche Mensch, im besonderen die Ber 
liner Bevölkerung, gibt für Essen, Trinken und Kleidung 
sehr viel mehr Geld aus als die Bewohner Süddeutschlands, 
die weit größeren Wert auf ihre Wohnung legen. Dennoch 
besteht kein Zweifel, daß auch diese in normalen Zeiten aus 
reichend gut leben und gut gekleidet sind. Die weit stärkere 
sinnliche Eindruckskraft der Wohnungsgestaltung schafft 
diese Tatsache, deren Ursache eben einfach letzten Endes 
ein Formproblem ist, 
* Sobald das Gewicht und der Wert dieser Dinge erst klar 
erkannt ist, besitzen wir eine neue Basis zum Handeln in 
Siedelungsfragen. Es dürfen zum Wohnen eben nicht ober 
flächlich frisierte Nutzbauten geschaffen werden, sondern 
die Kleinhäuser der Zukunft müssen vom leidenschaftlich 
fühlenden Baukünstler sinnlich erlebt, körperlich erfaßt, aus 
drucksvoll gestaltet werden. Das Haus muß die Seele des 
Schöpfers widerspiegeln, es muß nicht nur da sein, sondern
	        
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