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Volume H. 1/2

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 16.1919 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
16 
vorschreiben. Wie der Bebauungsplan sich jedoch diesen 
örtlichen Verhältnissen, die sich nicht in dem Zustand oder 
der unmittelbaren Umgebung des Siedelungsgebietes er 
schöpfen, in künstlerischer Hinsicht anzupassen hat, scheint 
allmählich in Vergessenheit zu geraten, und es dürfte nötig 
sein, sich hierauf wieder zu besinnen. Dabei ist zu beachten, 
daß die Erörterung der Frage anläßlich der Kleinsiedelung 
nur ein Sonderfall jeder Neusiedelung und jeder Stadt 
erweiterung ist, für welche die gleichen Verhältnisse und 
die gleichen tatsächlichen und stadtbaukünstlerischen Folgen 
gelten. 
Daß die Linien der Eisen- oder Straßenbahn für den 
Bebauungsplan von ebenso erheblicher Bedeutung sind wie 
Höhenunterschiede, Wasserstraßen und vorhandene Grün 
anlagen ist selbstverständlich. Für ihre Verwertung und 
ihre Einbeziehung in den Plan sind an erster Stelle reine 
Zweckmäßigkeitsgesichtspunkte maßgebend, und wo diese 
unberücksichtigt blieben, kann von wohlwollender Kritik 
überhaupt keine Rede sein. Aber auch da, wo diese Nütz 
lichkeitserwägungen beachtet worden sind, geht aus 
den Plänen vielfach hervor, daß darüber hinausgehende 
künstlerische Gesichtspunkte vollkommen vernachlässigt 
wurden. Nur um diese künstlerischen Gesichtspunkte han 
delt es sich im Folgenden, 
Wenn der Bebauungsplan für eine Neusiedelung auf 
gestellt werden soll, so muß zunächst feststehen, ob eine 
städtische oder eine ländliche Siedelung in Frage kommt. 
Sodann sind im Rahmen der durch das Wesen der Siede 
lung gebotenen Bedingungen und Rücksichten die beregten 
Zweckmäßigkeitsgesichtspunkte zu prüfen, wozu unter 
anderem auch die Beachtung der Windrichtung und des 
Sonnenstandes, die Be- und Entwässerungsmöglichkeiten 
und alle Anforderungen gehören, die Verkehr, Wirtschaft 
lichkeit, Hygiene und Bodenpolitik stellen. Ist dies ge 
schehen, so stehen die Maße der Häuser und der übrigen 
Gebäude, die Führung der Straßen, die Anlage der Plätze, 
die Aussparung der Grünanlagen im Rohen fest. Nun ist 
der Plan, und zwar zunächst die Lage der Siedelung unter 
künstlerischen Gesichtspunkten zu betrachten. 
Der Städtebaukünstler muß sich darüber genaue Kennt 
nis verschaffen, wie das Siedelungsgebiet in sich beschaffen 
ist, und wie es sich zu der Umgebung hinordnet. In dieser 
Hinsicht kommen als Gegenstände, die für den Bebauungs 
plan von künstlerischer Bedeutung sind, hauptsächlich einer 
seits die hügelige oder ebene Lage des Geländes inbetracht 
und andererseits in erster Lipie Flüsse und sonstige Wasser 
läufe, Seen, Wälder, Berge und etwa vorhandene Gebäude 
wie Burgen, Schlösser, Ruinen oder Dorf- und Stadtanlagen 
in der Nähe der Siedelung. 
Es ist Sache des einzelnen Falles und der künstlerischen 
Gestaltungskraft des Städtebauers, wie er die umgebende 
Natur und die vorhandenen Bauwerke und sonstigen An 
lagen bei der Schaffung der Siedelung verwerten will. Die 
Hauptsache ist, daß dies geschieht, und daß Fluß und Wald 
und Burg, zum Beispiel auch besonders reizvoll gelegene 
Weiden nicht übersehen, sondern bei der Führung der, 
Straßenzüge und für das Siedelungsbild wirksam gemacht 
werden. Darüber hinaus ist aber auch darauf Bedacht zu 
nehmen, daß die Häuser in gewisser Weise mit jenen Natur 
ereignissen oder Gebäuden in Beziehung gesetzt werden, daß 
also beispielsweise die Aussicht auf den Fluß den in der 
Nähe des Flusses Wohnenden nicht verbaut wird, wenn 
dies verhindert werden kann. Ebenso leicht wird die künst 
lerische Wirksammachung eines Schlosses oder einer Burg 
oder eines Berges für die Siedelung sein, wobei es lediglich 
auf die feinfühlige Architektenhand ankommt, wie diese 
Fragen gelöst werden. 
Schwieriger ist die Lösung der Aufgabe im Grundsätz 
lichen bei dem Vorhandensein einer Dorf- oder Stadtanlage. 
Da die hier entstehenden Aufgaben bei der Stadt wesentlich 
größer sind, kann die Erörterung auf diesen Fall beschränkt 
bleiben, wobei die Ergebnisse auch dann entsprechende An 
wendung zu finden haben, wenn sich beim Gebiet der Neu 
siedelung nur einzelne architektonisch bedeutsame Gebäude 
befinden. 
Es sind, ohne zunächst auf die durch ihren Zweck ge 
setzten Besonderheiten der Siedelung einzugehen, äußerlich 
betrachtet, zwei äußerste Fälle möglich. Erstens, die Siede 
lung wird unmittelbar an die vorhandene Stadt angebaut, 
oder aber sie liegt so weit vor den Toren dieser Stadt, daß 
eine Einwirkung der städtischen Gebäude auf die Siedelung 
an sich nicht inbetracht kommt. 
Liegt die Neusiedelung unmittelbar bei der Stadt — 
dies ist der regelmäßige Fall der Stadterweiterung — so ist 
zunächst die Grundfrage zu erörtern, ob der Bebauungsplan 
der Neusiedelung, abgesehen von dem äußerlichen Anschluß 
ihrer Straßen an das Straßennetz der Stadt, sich diesem Netz 
auch künstlerisch anzuschmiegen hat, ob er dessen künst 
lerischen Gedanken weiterdenken und weiterentwickeln muß. 
Bei der Entscheidung dieser Frage wird zunächst zu unter 
scheiden sein, ob der Bebauungsplan der Stadt als ein künst 
lerisches Ganze erscheint. In diesem Falle ist die gestellte 
Frage für eine städtische Siedelung unbedingt zu bejahen. 
Die Siedelung bildet zugleich mit ihrer Entstehung einen 
Teil der Stadt und damit auch des Kunstwerks: Stadt, so 
daß es sich erübrigt, überhaupt darüber zu streiten, ob das 
Neue sich dem Alten harmonisch an und einzufügen hat. 
Das ist selbstverständlich. Diese Forderung erhält jedoch 
dadurch eine Modelung, daß die Neusiedelung ein Werk des 
20. Jahrhunderts ist, während die Stadt vielleicht ein Gesicht 
aus dem 18. oder gar aus dem 15. Jahrhundert trägt. Dieser 
Umstand beeinflußt die verlangte Weiterspinnung des künst 
lerischen Fadens der Stadt in der Siedelung. Für sie ver 
bietet sich einerseits eine sklavische Nachahmung der Stadt, 
während sie sich andererseits auch nicht ohne jede künst 
lerische Rücksichtnahme neben das Alte stellen darf. Der 
Städtebauer wird vielmehr festzustellen haben, in welchen 
künstlerischen Anschauungen der Plan der alten Stadt auf 
gebaut worden ist. Diese Gesetze wird er neuzeitlich be 
lebend, den Forderungen des Siedelungsgedankens — be 
ziehungsweise den vielfältigen Bedürfnissen einer modernen 
Großstadt — anpassen und so zu einem Bebauungsplan 
kommen, der sich im Gesamtbild der Stadt nicht als ein 
Fremdkörper darstellt und trotzdem den schönheitlichen, 
verkehrstechnischen und hygienischen Anforderungen 
unserer Zeit Rechnung trägt. Diese Entwicklung des Be 
bauungsplanes der alten Stadt wird hauptsächlich darin be 
stehen, den Rhythmus des Straßenablaufs und die Raum 
wirkung der Plätze nicht nur nicht zu stören, sondern ihre 
Gesetze für den Bebauungsplan der Neusiedelung zu über 
nehmen oder maßgeblich zu machen. 
Die Lösung der hier vorliegenden Aufgaben stellt an die 
Architekten Anforderungen höchster Art, die zum Beispiel 
bei der Erwägung des alltäglichen Falles klar werden, daß
	        
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