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Volume H. 1/2

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 16.1919 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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Die reizvollste Ausbildung erfuhr die nur einseitig bebaute an 
dem von alten Bäumen beschatteten Kanal entlang laufende 
Kanalstraße. Sie zerfallt in 3 Teile, deren mittlerer neben 
einer Kaserne und dem Offizierkasino aus zweigeschossigen 
Reihenhäusern gebildet wird, während in den beiden seit 
lichen Abschnitten zweigeschossige Einzelhäuser mit ein 
geschossigen Doppelhäusern wechseln, eine Vermengung 
stark unterschiedlicher Wohnbedürfnisse, vor der die staffel- 
förmige Bauweise aus Gründen sowohl wirtschaftlicher wie 
schönheitlicher Klarheit wohl den Vorzug verdient (Abb. 1, 
Tafel 10). Die Blockfrontanlage, zu der der eine der seit 
lichen Teile zusammengefaßt ist, hat leider eine so große 
Ausdehnung, daß die beabsichtigte Wirkung uns im Licht 
bild, aber kaum in der Wirklichkeit zur Geltung kommt 
(Abb. m, Tafel 10). In der Architektur wird im Anschluß 
an die Wiederaufnahme klassischer Formgebung ein zum 
monumentalen neigender großer Maßstab in den Einzel 
formen bevorzugt, was besonders den langen Reihen kleiner 
Häuser zum Vorteil gereicht, und bei einer Vermischung 
mit größeren Häusern wie in der Kanalstraße den Gegensatz 
so verschiedener Haustypen wenigstens einigermaßen aus 
gleicht. 
Der geschichtliche Verlauf war nach Goß kurz folgender: 
An Stelle der heutigen Stadt lag im 16. Jahrhundert, vom 
heutigen Prinzengarten über die Schloßstraße bis zum Kanal 
und zur Schulstraße sich erstreckend, das aus 8 Bauern- 
und 16 Kossäthengehöften bestehende Domanialdorf Kleinow 
nebst einem auf dem Grunde des heutigen Schlosses stehen 
den Lehngutshof. Nachdem die Herren von Kleinow 1616 
infolge schwer zu schlichtender Grenzstreitigkeiten ihren 
Hof an den Herzog von Mecklenburg abgetreten hatten, 
begann im Jahre 1714 der in Grabow wohnende Prinz 
Christian Ludwig, um die Jagd in Kleinow und den Wal 
dungen der benachbarten Dörfer zu nutzen, mit dem Bau 
eines Jagdhauses. Infolge von Zwistigkeiten mit dem 
regierenden Herzog kam jedoch erst 1731—1735 der ein 
stöckige 130 Fuß lange einfache Fachwerkbau zustande, 
wie er auf einem Bilde von Suhrland sich darstellt (Abb. 
bei Nugent). Nach vorn schlossen sich zwei kurze Flügel 
an, der Küchenbau mit Pferdestall und ein diesem ent 
sprechendes, der sog. Koppenflügel. Der Gutshof wurde 
an der Landstraße nach Schwerin wieder aufgebaut. Der 
1756 zur Regierung kommende Herzog Friedrich, ein 
wissenschaftlich wie künstlerisch vielseitig gebildeter Fürst, 
wählte Ludwigslust zu dauerndem Aufenthalt, wurde aber 
durch den siebenjährigen Krieg, in dem er eine Preußen 
feindliche Stellung einnahm, zunächst verhindert, sich bau 
lich besonders zu betätigen. Nur die Versorgung des Ortes 
mit Wasser durch die Anlage des Ludwigsluster Kanals 
wurde energisch in die Wege geleitet, Die Kaskade erhielt 
damals einen Schmuck von 3 hölzernen Obelisken, die erst 
später durch die Kaplungerschen Figurengruppen ersetzt 
wurden. Unmittelbar nach Beendigung des Krieges begann 
der Herzog mit der Erbauung einer neuen Stadt. Zuerst 
wurden die beiden Reihen einstöckiger Häuser zwischen 
Bassin und Kirchenplatz erbaut zur Unterbringung der 
Hofbedienten. 1765 folgte der bis 1770 sich hinziehende 
Bau der Kirche und der den Platz umschließenden Häuser. 
Weiter je zwei eingeschossige Häuser am Bassin und in 
der Schloßstraße, welch’ letztere sich bis heute erhalten zu 
haben scheinen. Die am Bassinplatz wurden später auf zwei 
Geschosse erhöht und durch weitere Häuser für Hofleute 
und Beamte und das Prinzenpalais ergänzt (Abb. h, Tafel 9). 
An Stelle des alten Jagdhauses trat 1772—1776 ein Neubau, das 
jetzige Schloß, die beiden alten Flügel, auf dem Plan Tafel 6 
eingetragen, wurden in der Mitte des 19. Jahrhunderts zum 
Vorteil für die Wirkung des Schlosse« abgebrochen. Der 
Ausbau der Schloßstraße machte die Verlegung der dortigen 
Gehöfte notwendig, die teils nach benachbarten Dörfern 
verpflanzt, teils an der Straße nach Schwerin neu aufgebaut 
wurden. Weiter folgten 1774 die Anlage der Nummer 
straße, 1791 der Bau der beiden ägyptischen Glockentürme 
am Eingang zum Friedhof, die nach einem Stich von Fin 
dorff schon vor 1760 in Holz ausgeführt waren. Stärkerer 
Zuzug von Kaufleuten und Handwerkern um die Wende 
des Jahrhunderts veranlaßten einen weiteren Anbau der 
Stadt, es entstanden die Neue Straße, Schulstraße, Breite 
Straße und nach einem Brande die Letzte Straße und Berg 
straße. 1816 wurde als Abschluß der Schloßstraße durch 
den Landbaumeister Johann Georg Barca der Marstall er 
richtet, als öffentliches Gebäude wie Schloß und Kirche in 
heller Farbe, wenn auch nur in Putz, gehalten, im Gegen 
satz zu dem Rot der Straßenwandungen. Diesem Bau 
schlossen sich noch an die Schweriner, Marstall-, Mauer- 
und Kanalstraße. 
Als eins der letzten Beispiele der deutschen Stadtbau 
kunst des 18. Jahrhunderts zeigt Ludwigslust diese auf einer 
hohen Stufe der Entwicklung. Der seltene Glücksfall, daß 
der Schöpfer des Stadtplanes diesen auch selbst fast voll 
ständig zur Ausführung bringen durfte, stempelt die Stadt, 
wenigstens in ihrem ältesten und wertvollsten Teil, zu einem 
einheitlichen Kunstwerk, das bei aller Strenge, Symmetrie 
und monumentalen Größe nicht nur der Gefahr der bei 
ähnlichen Anlagen leicht entstehenden Nüchternheit entging, 
sondern auch durch die geschickte Gruppierung verschieden 
artiger Platzformen und der weisen Anwendung von Garten 
kunst und von Farben- und Beleuchtungswirkungen male 
risch im besten Sinne des Wortes ist. 
ÜBER DIE KÜNSTLERISCHE GESTALTUNG DER 
STADTERWEITERUNGEN UND NEUSIEDELUNGEN. 
Von FRANZ A. LANDWEHR, Berlin-Schlachtensee. 
Auch in solchen Zeitschriften und Veröffentlichungen, 
deren Leiter künstlerischen Forderungen geneigt sind, er 
scheinen immer wieder Entwürfe zu Kleinsiedelungen für 
Arbeiter oder Kriegsbeschädigte, die durchweg einen ein 
heitlichen Typus tragen. Die Straßenführung und die Platz 
gestaltung sind sogenannten vorbildlichen Entwürfen oder 
Ausführungen entnommen oder angelehnt, oder die Straßen 
und Baufluchtlinien entsprechen „modernen“ Gesichts 
punkten, so daß das einzig Eigenartige der Zuschnitt des 
Siedelungsgebietes ist, den die örtlichen Verhältnisse halt
	        
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