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Volume H. 9/12

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 16.1919 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
U8 
CHRONIK. 
D ER DEUTSCHE VOLKSHAUSBUND hat eine Eingabe seines 
Bau-Ausschuss es, dem Geh, Regicrüngsrat Dr.-lng. MUTHE- 
SIUS, Regierungsbaumeistcr a. D. SCHILBACH und Architekt Bruno 
TAUT angehören, an alle in Frage kommenden Stellen versandt, die für 
die Herstellung von VOLKSHAUSENTV^ÜRFEN eintritt. In dieser 
Eingabe heißt es: 
Es besteht heute keine Möglichkeit, Volkshäuser als Mittelpunkte aller 
kulturellen, sozialen und Wohlfahrtsarbeit, als Stätten der Volkshochschule, 
der Volksbücherei, der Lesehallen-Bewegung zu errichten. Wir wissen 
auch heute noch nicht, wenn es wieder möglich ist, solche Volkshäuser 
zu bauen. Wenn wir trotzdem den obigen Antrag uns vorzulegen erlauben, 
so tun wir dies aus folgenden Erwägungen heraus. 
i. Das Volkshaus ist kein Luxusbau, wie vielfach irrtümlich an 
genommen wird. Es ist von allen Seiten heute anerkannt, daß zum 
Wiederaufbau unserer Volksgemeinschaft solche Häuser dringende Not 
wendigkeit sind» 
3. Durch die Zusammenlegung und das Zusammenarbeiten im Volks 
haus werden sich manche Ausgaben vermeiden lassen. 
Deshalb wird allgemein gefordert, daß, wenn wieder die Möglichkeit 
zum Bauen vorliegt, sofort mit dem Bau begonnen werden sollte. Aber 
dazu gilt es die Vorbereitungen zu treffen. 
Da das Volksbausproblem für die deutschen Architekten manche 
n euen Gesichtspunkte bietet, empfiehlt es sich, einige ideale Entwürfe 
durch einen Wettbewerb für die verschiedenen Volkshäuser — für die 
Großstadt, Mittelstadt, Kleinstadt und für das Land — herstellen zu lassen. 
Diese idealen Entwürfe sollen den Volkshaus-Gedanken im allgemeinen 
klären — insbesondere hinsichtlich des Bauprogamms und der Gruppierung 
der Räume — dann aber auch Fingerzeige für die zur Ausführung ge 
langenden lokalen Entwürfe bieten. Deshalb hat jede Stadt und Gemeinde 
und jeder Kreis ein besonderes Interesse daran, daß dieser Wettbewerb 
auch für die idealen Entwürfe zustande kommt. 
ER VERKEHRSAUSSCHUSS AN DER NORDBAHN 
sendet uns folgende Notiz: 
In allen Vororten Groß-Berlins will man heute „siedeln“. Bevorzugt 
ist, wie immer, der Westen, wo man trotz teuerer Bodenpreise sogar länd 
liche Heimstätten neuerdings schaffen will. Der Norden ist, wie immer 
bisher, mit neuen Siedlungen am stiefmütterlichsten bedacht, obwohl er 
bei landschaftlich schönster Lage und dicht neben den großen Industrie 
zentren diebilligsten Boden- und Baustellenpreise Groß-Berlins aufweist. 
Ein Überangebot billigen, rohen und baureifen Landes harrt schon seit Jahren 
vergeblich der Käufer und der Bebauung und wird allein durch Steuer 
überlastung Überteuert, ehe es zu Wohnzwecken gebraucht wird. Eis ist 
daher an der Zeit und dringend notwendig, die öffentliche Aufmerksamkeit 
zur Aufklärung und zwecks Steuer der Wahrheit auf diese Verhältnisse 
hinzulenken. Auch bescheiden Bemittelte können sich hier ankaufen und 
ansiedeln, wenn sie nur recht zahlreich kommen wollten. Nähere amt 
liche Auskunft kann jeder Interessent auf den Gemeindebureaus bekommen. 
Landnot und Landhunger bestehen bei Berlin nur in der Phantasie von 
Reformern und Theoretikern, die damit bei Unkundigen mit Absicht oder 
aus bedauerlicher Unwissenheit Stimmung machen und Unzufriedenheit 
erzeugen wollen. 
ie Stadtgemeinde Gmünd erläßt, wie bereits kurz mitgeteUt, einen 
Wettbewerb zur Erlangung von Entwürfen für die zeitgemäße 
Umgestaltung des bestehenden $tadtbauplans und die weitere Aus 
dehnung des STADTBAUPLANGEBIETS. Als Preise sind aus 
geworfen: 5500, 4000 und 3000 Mk. Die Entwürfe sind spätestens bis 
1. Mai 1920 abzuliefern. Beteiligen können sich alle in Württemberg ge 
borenen oder in Württemberg ansässigen Fachleute. 
INE DEUTSCHE STÄDTEBAU-AUSSTELLUNG IN 
NORWEGEN. Für die Wiederanknüpfung geistiger Beziehungen 
zwischen Deutschland und dem Auslande liefert die Tatsache einen er 
freulichen Beweis, daß in diesen Tagen in Bergen eine deutsche Städte 
bau-Ausstellung stattfindet, deren Zustandekommen den Bemühungen der 
Bauinspektors Werner Jakstein (Altona) zu verdanken ist. Die Aus 
stellung wird von den bedeutendsten deutschen Städtebaukünstlem be 
schickt, u. a. von Hermann Jansen (Berlin) Bonatz (Stuttgart), Seck (Berlin), 
Schmitthenner (Stuttgart), dem Erbauer der Gartenstadt Staaken, und Bau 
rat Schmohl (Essen), dem Erbauer der neuesten Kruppschen Siedlungen, 
sowie von den Stadtbauämtern Hannover und Hamburg, Professor Dr.-lng, 
Hermann Jansen hat sich aufEinladung der Stadtverwaltung nach Bergen 
begeben und hält dort am heutigen Sonntag einen Vortrag über neuzeit 
liche Städtebaukunst in Deutschland» Die deutsche Städtebau-Ausstellung 
findet gerade in Bergen großen Anteil, weil die Stadt, wie erinnerlich, 
vor einigen Jahren fast völlig abbrannte und jetzt im Wiederaufbau 
begriffen ist. 
EDÄCHTNISAUSSTELLUNG FÜR PAUL PFANN. Die 
Architektenabteilung der Technischen Hochschule München hat in 
den Räumen der Architektursammlung der Hochschule eine Ausstellung 
von dem Lebenswerk des verstorbenen Lehrmeisters für Architekturdar 
stellung am Münchner Polytechnikum Paul Pfann, veranstaltet. 
Das 19. Jahrhundert kennt zwei Gattungen von Baukünstlern. Auf 
der einen Seite stehen die Gestalter, die Starken der tektonischen Form. 
Man denkt an Werke wie das Turbinenhaus der A. E. G.. in Berlin oder 
die Ulmer Garnisonskirche. Auf der anderen die Darsteller, bei denen 
der künstlerische Wille im Empfinden, Nacherleben bestehender architek 
tonischer Form aufgeht — von Pirancsia Prachtwerken bis zur Gegenwart. 
Wenn schon der Name Piranesi besagt, daß die künstlerische Wiedergabe 
architektonischen Gestaltens auch den früheren Jahrhunderten nicht fremd 
war, so hat doch kaum eine Zeit die Architekturdarstellung — vor allem 
nach ihrer reproduzierenden Seite — ähnlich gepflegt, wie das auch hier 
historisch eingestellte 19. Jahrhundert. Seit Domenico Quaglio ist speziell 
SUddeutschland und besonders München nie arm gewesen an Künstlern, 
denen das Nachfühlen alter Baukunst in ihrer Wiedergabe mehr im Blut 
lag als Bauen und Formen. 
Wir gehen durch Tirol oder überschauen deutsche StädtealtertÜmlich- 
keit, wir freuen uns an wohlgelagerten fränkischen Stadttoren oder träumen 
in der räumlichen Geschlossenheit eines Marktes an der Brennerstraße, 
sitzen im gemütlichen Herrgottswinkel einer Stube im Inntal oder stehen 
vor dem kühl eleganten Foyer eines Münchner Bauwerks von igoo: das 
ist der Dichter Paul Pfann. Der Dichter — denn jedes andere Wort wäre 
unbezeichnend für die Wirklichkeit, die aus den wie hingehauchten Aqua 
rellen, aus den meißelartig bingeschlagenen Strichen der Federzeichnungen, 
dem schattenhaft aufsteigenden Werden flüchtigster Ideenskizzierungen 
entgegentritt. Man fühlt vor dem Lebenswerk des „Zeichenlehrers“, wie 
alle Einweihungslust nach Richtungen — Impressionismus u. a. verblaßt, 
wie ein ganzes Erlebnis groß und innig aus dem Schaffen des sehr wenig 
bekannten Architekten aufwäcbst» 
Pfann war seines Zeichens Architekt und hat wohl auch gebaut von 
seinen Lehrjahren bei Wallot in Berlin bis zu den Aufgaben der neun 
ziger Jahre in München, unter denen das Gasthaus Betz in Bogenhausen 
etwa obenan steht. Aber — bauen wir ihm keine Herzenssache; dieses 
Gefühl wird kaum ein unbefangener Betrachter seines Lebenswerkes unter 
drücken wollen. Wer so viel Rechtlichkeit und Empfinden übrig hat für 
die Baukunst anderer — gleichviel, ob diese mehrere hundert Jahre alt 
ist oder einen Tag —, der baut selten gern, um so weniger, wenn er 
so stark künstlerisch fühlt. 
Denn, das scheint das wichtige Resultat dieser Überschau, daß in 
Pfann eine starke Künstlernatur aus dem Münchner Leben schied. Eine 
der Naturen, an denen die Stadt seit Karl August Lebsche ebenso reich 
war als lobessparsam ihnen gegenüber. Einer der Aufrechten Und Ein 
fachen, denen das Schaffen im Blut lagernd die Weltwirklichkeit höher 
galt als der Erfolg. 
Paul Pfann wurde am 18. April 1B60 zu Nürnberg geboren, im Jahre 
1892 Privatdozent und war — aus der Initiative seiner Schüler heraus — 
seit 1. Mai igoo Lehrer, seit 1908 Ordinarius für Freihandzeichnen an der 
Technischen Hochschule München. • Dr. H. K. 
n der letzten Sitzung des Architektenvereins zu Berlin erstatteten der 
Geschäftsführer des Wohnungsverbandes, Stadtbaurat Beuster, und 
der bautechnische Referent iro Wobnungaverband, Dr.-lng. Heiligenthal,
	        
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