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Volume H. 9/12

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 16.1919 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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rung aber wird nicht so tragisch genommen, zumal sie hier 
an praktischer Unmöglichkeit scheitert. 
Vom 22.—28. April 1919 fand in Paris ein interalliierter 
Kongreß für soziale Hygiene statt. Das neue Gesetz war 
dort Gegenstand eingehender Besprechung. Im besonderen 
wandten sich die englischen Vertreter mit großem Be 
denken gegen die einseitigen Bestimmungen und insbeson 
dere gegen die Fassung des Artikels I. 
Die zu erwartenden Ergänzungen und Abänderungen 
DER BAUMASSENPLAN. 
Ein städtebaulicher Vorschlag. 
Von Dr.-Ing. KARL SCHRÖDER, Heidelberg. Hierzu die 
des nunmehr auch für Deutschland bedeutsamen Gesetzes 
sollen hier jeweils laufend veröffentlicht werden. 
Beachtenswert für die deutsche Baugesetzgebung ist 
die zwingende Fassung des Artikels I Absatz 3 und der Ar 
tikel IX und X. 
Nicht angeschnitten durch das Gesetz ist die bedeut 
same und empfindliche Frage der Wiederaufbringung der 
Kosten für die geschaffenen Straßen-, Platzanlagen usw., in 
den nicht durch den Krieg zerstörten Gebieten. 
59. 
Um den Gedankengang städtebaulicher Grundsätze 
folgerichtig aufzubauen, ist es wichtig, Tatsachen der ge 
schichtlichen Entwicklung zu betrachten. Aus seinen Erschei 
nungsformen lassen sich zwei Bildungsreihen gegeneinan 
derstellen, die aus der Art ihrer Zeit heraus in vielem zu 
Gegensätzlichem führten. Um möglichst klar zu sein, sollen 
hier diese Eigenarten vereinfacht, daher aber schärfer 
gegeneinandergestellt werden, da es nicht die Absicht ist, den 
Städtebau historisch zu schildern, vielmehr an der Hand 
seiner geschichtlichen Entwicklungsformen auch für heu 
tige Bildungen brauchbare Tatsachen zu gewinnen. 
Im Mittelalter baut der Bürger in der Stadt wie der 
Bauer auf dem Dorf sein Haus, seine Scheuer, Stall, Lager 
haus, für seine Kinder ein zweites Wohnhaus, wie es den 
örtlichen und sachlichen Anforderungen entspricht, auf 
seinem Grundstück, unbekümmert um den Nachbar, der 
seinerseits das gleiche tut. Es entstehen in ihrer Art selb 
ständige Gruppen von Häusern, für sich geschlossen, in bau 
lich gesundem Zusammenhang, doch unabhängig die eine 
von der anderen, Die Grundlage und der Ausgang jeder 
Bebauung ist also die Parzelle; der Begriff Straße entsteht 
sekundär, ihre Wandungen setzen sich zusammen aus der 
Vielheit der Einzelhäuser, deren Stellung sich nicht nach 
der Straße, sondern nach der Einteilung und Überbauung 
der Parzelle gerichtet hat. Das Mittelalter hat kein Ver 
langen, die kleinen Vielheiten der Häuser zu ordnen, sie in 
irgendeiner Weise in Einheiten zusammenzufassen. 
Das Barock ist die Zeit der machtvollen Einheit; suve- 
räner Wille herrscht und gibt seinem Wollen einheitlich 
starke Gestaltung: die Straße in der Stadt, der Platz vor 
dem Schloß wird zum bewußten Kunstwerk. Mit absolutem 
Wollen werden die Straßenachsen gezogen, die Fluchten 
festgelegt, auf einen Wurf ganze Hausreihen gebaut, die 
mit klar geschauter Einheitlichkeit das Raumkunstwerk der 
Stadt entstehen lassen. Die Straße ist das bildende Ele 
ment geworden, das Maß und der Ausdruck für den Stadt 
plan; mit der Fluchtlinie der Straßen sind die Baufluchten 
der Häuser und mit dem Charakter der Straße ihre äußere 
Erscheinung bestimmt. Vor dem Übergewicht der den 
Straßenraum bildenden Hausfronten tritt der Begriff des 
Hauses als solches zurück, die Überbauung des Blocks ist 
nicht mehr die Hauptsache gegenüber der formalen Bildung 
der Straße. — 
Von den beiden Arten des Bauens ist also festzuhalten: 
einmal das Grundstück, besser der Baublock, als Aus 
gang der Überbauung mit baulich gesunden Hausgrup 
pen um Höfe und Gärten, die aber ohne Zusammenhang 
willkürlich gegeneinandergesetzt, oft eine regellose Viel 
heit des Stadtbildes geben,. 
das andere Mal das zielbewußte Kunstwerk von Straßen- 
und Platzräumen, in einheitlicher Form gebildet von 
Hausfluchten, deren Gestaltung, für die Bildung des 
Straßenraumes wichtiger wird als der Massenbegriff des 
Hauses und seine Stellung im Baublockinnem. 
Diese gegensätzlichen Tatsachen geschichtlich gewor 
dener Formensprache des Stadtbaues sollten angeführt wer 
den, das Für und Wider in der Art ihres Wesens wird später 
besprochen werden, wenn für gegenwärtige Bauaufgaben 
erprobte Wege.zu suchen sigd. — 
Wird heute ein Bebauungsplan entworfen, so ist die 
erste Aufgabe, das Gelände durch Straßen zu erschließen, 
d. h. unter Verarbeitung der Geländebeschaffenheit ihre 
Linienzüge und ihre Breite festzulegen; dann können Häu 
ser gebaut werden, denn mit den Straßenfluchten liegen die 
Baufluchten fest; Bauvorschriften werden auf gestellt, damit 
die Straße den gewollten Ausdruck erhalt, über Fronthöhe, 
Stockwerkzahl, Vor- und Aufbauten, Vorgarten u. ä.; in 
allem wird darauf hingearbeitet, den Straßenraiup in be 
wußter Richtlinie festzulegen. Diesen oft in viele Einzel 
heiten, selbst der äußeren Formgebung gehenden Vor 
schriften folgt für die Bebauung hinter diesen Fronten 
wenig Regelung; es sind Angaben über die Bebauungs 
dichte, das Verhältnis der Überbauung zur Freifläche, eine 
Mindestgröße des Hofes, ferner ganz allgemein gehaltene 
Bestimmungen Uber den Abstand von Fensterwänden von 
der Nachbargrenze oder von Wänden anderer Gebäude, über 
Brandmauern, das Anbauen oder den Mindestabstand von 
ihnen. Bel offener Bauweise können noch die Seitenfronten 
und Hauszwischenräume in Einzelheiten erwähnt werden. 
Alle diese Vorschriften könnte man in zwei Gruppen 
teilen, solche, die das Formale, das Äußere der Häuser fest 
legen und andere, die unter Verarbeitung von Forderungen 
für Gesundheit und Sicherheit das Bauen beeinflussen. Die 
Bestimmungen über die äußere Erscheinung stehen unter 
dem Gesichtspunkt der Bildung des Straßenraumes, es sind 
Vorschriften über die Gestaltung der Straßen wände, wie 
Fronthöhe, Dachbildung, Vorbauten, Vorgärten usw. Sie 
behandeln mit Ausführlichkeit die Fassaden, aber nicht die
	        
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