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Volume H. 7/8

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 15.1918 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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in Frankreich. Übliche Art der Stadterweiterung, die einem vollkommenen 
„laisser aller“ entspricht, aufgegeben werden muß» Mit fast beängstigender 
Akribie werden alle die Punkte aufgezählt, die ein Programm zu einem 
neuen Erweiterungsplan enthalten und die Eigenschaften, die* ein wirklich 
brauchbarer Plan aufweisen Sollte. Behutsam werden die dem für Privat 
eigentum so empfindlichen Franzosen so fremd und verdächtig klingenden 
Maßnahmen einer Zonenenteignung auseinander gesetzt. Die Aufstellung 
des Baulinien* und Erwcitorungaplanes wird für alle Städte innerhalb 
drei Jahren gefordert, für die zerstörten Ortschaften in der kurzen Frist 
von drei Monaten. Es ist erklärlich, daß hier die Furcht, den Bewohnern 
durch die Verzögerung des Wiederaufbaues ihrer Häuser eine neue und 
scheinbar unnötige Kränkung zuzufügen, zur äußersten Verkürzung der 
Frist getrieben hat. Hatte doch eine aus dem gleichen Gefühl heraus 
erfolgte Eingabe vom Januar 19x5, die Loi Lebey, den aufs äußerste be 
schleunigten, militärisch organisierten Aufbau der zerstörten Ortschaften 
gefordert. Wie der gegebene Anlaß der vollständigen Zerstörung, so 
führt die Denkschrift aus, das einzelne Haus nach besseren und weiter 
blickenden Überlegungen wiederaufgebaut werden muß, so wird auch die 
Stadt als Ganzes nicht einfach über den alten Grundlinien errichtet werden 
dürfen; es sind vielmehr alle denkbaren Verbesserungen anzustreben. Jede 
Veränderung im Innern der Stadt, sei es nun die Umwandlung eines 
Wohnviertels zum Geschäftsviertel, die Verlegung von Fabriken, Schlacht* 
anstalten usw., bedingt eine gleichzeitige Überlegung der Erweiterung^ 
gebiete, und so wird die Forderung erhoben, daß für alle zerstörten Ort* 
schäften mit dem Bebauungsplan für das alte Gebiet zugleich ein Er 
weiterungsplan aufgestellt werden soll. 
Beispielsweise wird angedeutet, daß in Lille die dringend notwendige 
Sanierung aller allzu dicht und hochgebauten Wohnviertel durchgeführt 
werden muß, was zur Erbauung' neuer Wohnviertel außerhalb der bis 
herigen Stadt führen wird, daß in Reims sich die Verlegung, einer Reibe 
von Industrien an dem Umkreis der Stadt als erste Notwendigkeit dar- 
stellt; daß besonders bei kleinen Ortschaften die Verlegung oder min 
destens Verbesserung der durchführenden Automobilstraßen gegeben ist. 
Es wird sogar die Möglichkeit angedeutet, daß man bei einigen voll 
ständig zerstörten Ortschaften sich fragen wird, ob die bisherige, von der 
mittelalterlichen Wehranlage bedingte Stadtlage durch eine andere ersetzt 
werden muß. Hinweise auf die Tätigkeit in England, Deutschland,* Däne 
mark und Schweden, besonders auf dem Gebiete von neuen Siedelungen, 
fehlen nicht, und auch die Auseinandersetzung Über das in Amerika in 
jeder kleinen Ortschaft zum festen Bestand des Ortes gehörende alkohol 
freie Volkshaus weist auf neue, in Frankreich bisher unbekannte Ziele hin. 
Nachdem nun auch durch Kurse des Architekten Agache in Musle 
sozial Vorlesungen Uber Stadtbaukunst in Paris und damit in Frankreich 
eingeführt sind, wird in Zukunft in der Reihe der Länder, die sich für 
eine geordnete und künstlerische Entwicklung der Städte einsetzen, auch 
Frankreich genannt werden. H . B ernoulli. 
E ine bedeutsame städtebauliche Aufgabe 
will demnächst die Stadt München lösen. Der östlich jenseits der 
Isar gelegene neue Stadtteil Bogenhausen soll mit dem nördlich diesseits 
der Isar gelegenen Stadtteil Schwabing durch eine Verkehrsstraße und 
eine Straßenbahn verbunden werden. Zu diesem Zweck muß der be 
rühmte Park Münchens, der Englische Garten, durchquert und durch 
schnitten werden. Die Frage wird schon seit einer langen Reihe von 
Jahren vorberaten, insbesondere sind mit dem Obersthofmeisterstab, der 
Vertreterin der Krone für den Englischen Garten, dieserhalb Verhandlungen 
gepflogen worden* Der Obersthofmeisterstab wünschte die Unterführung der 
Straße und der Straßenbahn unter dem Park, um letzteren ln seinem Zu 
sammenhang möglichst - ungeschmälert zu erhalten. Die Stadtgemeinde 
trug wegen der bei dieser Lösung, durch die auch umfangreiche Brücken- 
bauten erforderlich werden, entstehenden erheblichen Kosten Bedenken, 
die bei der heutigen allgemeinen wirtschaftlichen Lage natürlich nicht 
geringer geworden sind. Die Straßenbahnlinie soll dann als äußere Ring 
linie um die Stadl geführt werden Und unter anderem die Stadtteile 
Bogenhausen, Schwabing, Westend und Sendling verbinden. Bel der Be 
ratung im Münchener Magistrat wurde beschlossen, den Plan ^bearbeiten 
und späterhin die beiden gemeindlichen Kollegien entscheiden .zu lassen, 
welchen Weg die Verkehrsstraße nehmen soll. Hoffentlich wird bei den 
endgültigen Beschlüssen eine Lösung gefunden, die den herrlichen Eng 
lischen Garten möglichst ungeschmälert erhält! Dr.-Ing. Gut. 
IE PARZELLIERUNG IN DEN VORORTEN BERLINS. 
Diese ist bis heute auf Innehaltung des Bauwichs eingestellt. Die 
Frontlänge der Baustellen betragt mindestens z6, meist 18—20 m. 
Hier liegt ein wesentliches Hindernis für die Einführung des Reiben- 
und Gruppenhausbatles. Die in der Regel zu großen Block- und Bau- 
siellentiefen, weiche mit Hilfe des Bauwichs die Seitenflügel in die Vor 
orte brachten, wären dem Reihenbau dagegen förderlich zur Anlage 
schmaler, tiefer Gärten. Wir haben bei Berlin ganze Siedelungen in 
allen Erschließungsstufen, die in verfehlfer Weise aufgeteilt sind. Oft 
wurde ohne einen Bebauungsplan, also im doppelten Sinne des Wortes 
„planlos“ von gewissenlosen Leuten an Unkundige verkauft. Der nunmehr 
zersplitterte Kleinbesitz zwingt zur endgültigen Festlegung des bereits 
geplanten schlechten Straßennetzes, Die Baumöglichkeit liegt in weiter 
Ferne. Auf die wirtschaftliche Schädigung des hier gebundenen Spar 
kapitals kleiner Leute habe ich schon wiederholt hingewiesen. Überall 
hemmt jedenfalls die altgewohnte, zum Schema gewordene, und auf Land 
haus oder Zinshaus mit Bauwich zugeschnittene Parzellierung den Bau 
von Gruppen- und Reihenhäusern. 
Hier vermag eine sorgsame, sachkundige Hand vieles zu retten. 
Blockreife muß unter tunlichster Aufrecjiterhaltung der Eigentumsgrenzen 
die Überbauung mit zweckmäßigen Hausgruppen ermittelt und .festgelegt 
werden. Seitenflügel und Hintergebäude sind am besten durch hintere 
Baufluchtlinien zu verhindern, die Vorgartemiefe muß größer werden. 
Der Nachweis einer etwaigen, wirtschaftlichen Schädigung durch diese 
Maßnahmen dürfte den Eigentümern schwer fallen. Als Ausgleich kämen 
sonst steuerliche Erleichterungen in Frage. Es ist nicht ausgeschlossen, 
daß die Eigentümer unter dem Druck der Hoffnungslosigkeit ihre ver 
meintlichen „Baustellen“ bei Hergabe öffentlicher Hilfe und Unterstützung 
für Straßenbau und Hypotheken nicht nur ihre Einwendungen und Ent-. 
Wertungsansprüche fallen lassen, sondern sich blockweise zu gemeinsamem 
Vorgehen und genossenschaftlicher Vereinigung zusammenschließen. Es 
handelt sich um Millionenwerte und viele Tausende von betrogenen Und 
geschädigten Menschen, welche bisher der Kleinwohnungs- und Garten 
stadtfrage als verloren gelten konnten, aber so vielleicht doch noch dafür 
zu erhalten sind. Mindestens käme es auf einen Versuch an, bei dem 
noch des weiteren allerhand Verbesserungen verfehlter „privater“ oder 
bereits förmlich festgestellter Bebauungspläne zu erzielen wären, z. B. Aus 
fallstraßen und Freiflächen, die irgendwie anteilig umgerechnet und als 
Gegenleistung für geleistete Hilfe aus der Bedrängnis gefordert werden, 
können. Etwaige Restlandbestände der skrupellosen Urheber „wilder“ 
Aufteilung wären gerechterweise. dabei um so schärfer heranzuziehen. 
Überhaupt müssen im Öffentlichen Interesse Wege und Mittel gefunden 
werden, den planlosen Verkauf von Einzelparzellen vor förmlicher Fest 
stellung. einwandfreier Bebauungspläne und vor Gewähr einer sorgfältig 
durchdachten Parzellierung zu verhindern. Ferner dürfen Bebauungsplan, 
Bauordnung, Aufteilung und Überbauung nicht mehr getrennt und dem 
Ermessen vieler. Beteiligten anheimgestellt bleiben. Hoffentlich genügt 
dieser Hinweis, daß eine recht große Anzahl bereits verpfuschter Quadrat 
kilometer um Berlin zugunsten späterer guter Wohnungs- und Verkehrs- 
verhälmisse „saniert“ wird, und daß es künftighin nicht mehr an sorg 
samer Vorbereitung durch vollständige Siedelungsehtwürfe mangelt. Bei 
baldiger Abkehr von den Fehlern unserer bisherigen Bodenpolitik wird 
Groß-Berlin auch in Zukunft eine günstige Grundlage für die Wohnunga- 
berstellung bieten, nämlich nicht nur billigen, sondern auch sorgfältig 
vorbereiteten und aufgeteilten Wohnboden. Hierbei komme ich wieder 
auf meine alte Forderung, daß zu jedem Bebauungsplan ein ausführlicher 
wirtschaftlicher Erläutenmgsbericht gehört, der die zwangläufige Preis 
bildung des Bodens bis zur Baustelle und die Entwicklung dei späteren 
Wobnungsmiete eingehend darlegt. Alle Fehler treten dann klar zutage, 
B, Wehl.
	        
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